Rezensionen 25. Januar
Berlin: «Vivid Grand Show»
Eben noch saß das Mädchen Réye mit ihrem Vater im Zuschauerraum des Friedrichstadt-Palasts, doch wenige Momente später vermisst der seine Tochter. Réye verschwindet in der Tiefe der Bühne, und erscheint dem Publikum in neuer Gestalt: als Androidin, eine Mensch-Maschine à la «Metropolis». Sie muss fremden Befehlen gehorchen, ein reglementiertes vorbestimmtes Leben führen. Äußerlich unterscheidet sich das junge Mädchen in ihrem Metallkorsett nicht von den anderen Maschinenwesen auf der Bühne, in der strukturierten binären Welt. Doch im Innern bewegen sie Zweifel und Fragen: Wer bin ich, soll mein Leben so fremdbestimmt bleiben, was will ich? Ein Guru bestärkt die Androidin Réye, die Welt der Farbe, der Individualität zu entdecken. Eine Reise der Erkenntnis beginnt, von der Suche nach der eigenen Identität erzählt die Show. Réye begegnet auf ihrem Weg vielen Figuren, die sie bestärken, das Leben und seine Schönheit zu genießen, offen und mutig zu sein. Eine Botschaft, die auch die Zuchauer erreichen soll.
Und die wird so verpackt: Hell, lebendig, farbenprächtig! Die «VIVID GRAND SHOW» macht ihrem Titel alle Ehre. Sie mixt einen temporeichen Wirbel aus Gesang, Tanz und Musik mit einem Farbenrausch. Die fantasievollen Kostüme (Stefano Canulli) und extravaganten Kopfbedeckungen (Philip Treacy) sind vor allem inspiriert durch Formen aus Natur und Technik, edle Stoffe und Materialien verleihen den Kostümen den passenden Glamour.
Überraschend sind plötzliche Auftritte aus der Unterbühne: Schnell und mit großer Präzision verwandeln sich Treppen, Schrägen, Podien. Die große Bühnenshow mit ihren bewegten Elementen, in üppigen Farben und Formen lebt von starken Licht- und Videoeffekten. Musiknummern der Live-Band und Einspielungen sind passend zu jeder Szene komponiert – ob Techno, Swing, Rock oder Pop. Staunen und den Atem anhalten muss man bei vielen Akrobatiknummern, ob am Boden oder in großer Höhe. Und auch die legendäre Girlsreihe fehlt in dieser Show nicht – diesmal tanzt sie in schwarzem Latex und futuristischen, die Farbe wechselnden LED-Licht-Kopfbedeckungen. Auch in der «VIVID GRAND SHOW» gibt es für diese Choreografie der Leichtigkeit und Perfektion wieder begeisterten Applaus.
Mit 12 Millionen Euro ist «VIVID» die teuerste Produktion des Hauses. Zwei Jahre lang hat ein internationales Team von Regisseuren (Krista Monson, Oliver Hoppmann), Komponisten (Schumann & Bach), Designern (Bühne: Michael Cotton, Video: Maxin10sity) und Choreografen (Edesia Moreno) Strange Fruit) eng zusammengearbeitet, im Oktober 2018 feierte die Produktion ihre Premiere in Berlin und wird dort zwei Jahre gezeigt. Die Show verspricht, ebenso erfolgreich beim Publikum zu werden wie ihre Vorgängerin «THE ONE».
Die «VIVID GRAND SHOW» feiert das Leben, dessen Schönheit und Vitalität. Vielfalt leben, einander mit Respekt und Wertschätzung begegnen – ein Credo, das der Friedrichstadt-Palast auch jenseits seiner künstlerischen Arbeit sehr überzeugend vertritt und inzwischen zu einem politischen Statement macht.
Iris Abel