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Rezensionen 25. Januar

v.l. Wolfgang Michael, Jeanne Balibar, Aljoscha Stadelmann, Foto: Matthias Horn

Berlin: Brecht «Galileo Galilei»

Am 26. und 27. Januar, 10., 26., 27. Februar im Berliner Ensemble

Aus der wie immer herrlich rumpeligen Räuberlager-Bühne von Aleksandar Denić ragt ein riesenhaftes Teleskop heraus, das in der schummerigen Beleuchtung mitunter wie ein überdimensioniertes Maschinengewehr aussieht: Symbolisch mehr als eindrücklich, weil dem Wissenschaftssündenfall des Galilei, so wie Brecht ihn darstellt, ja schon das Waffengeklirr der folgenden Jahrhunderte eingeschrieben ist. «Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden», sagt Galilei bei Brecht gegen sein Lebensende, lange nachdem er vor der Inquisition eingeknickt ist und dem kopernikanischen Weltbild wider besseres Wissen abgeschworen hat. Es ist einer der memorablen Sätze des Stückes, das Brecht unter dem Eindruck des aufkommenden Atomzeitalters mehrfach umschrieb.

Wenn jemand in Berlin eine Präsenz hat, die gefühlt Jahrhunderte umspannt, dann Jürgen Holtz. Frank Castorf eröffnet seinen Abend mit dem 86-jährigen Nestor des Berliner Ensembles in der Rolle des Galilei. In seinem fulminanten Auftakt schmeckt Holtz mit großer Muße die Brechtworte nach und atmet den Optimismus des aufkommenden Wissenschaftszeitalters tief ein. Der Himmel ist abgeschafft, die Gestirne werden neu vermessen. «Selbst die Hundertjährigen lassen sich noch von den Jungen ins Ohr schreien, was Neues entdeckt wurde.» Ein Hauch von Bubenhaftigkeit huscht über sein Gesicht. Der Mann spürt den dritten, vierten, wievielten Frühling? Mit einem Schwall kalten Wasser aus dem Holzbottich erfrischt er sich, entkleidet bis auf die nackte Haut. Auf dass wir an seinem Körper die Spuren lesen mögen, Spuren eines Lebens, in dem der helle Sinn des ewig jungen Schaustellers gegen die Schwerkraft der Vergänglichkeit anarbeitet.

Das Memento Mori, das diesem Auftakt eingeschrieben ist und sich in Totentanzgemälden, die auf den Bühnenverschlägen angebracht sind, fortsetzt, gibt der Inszenierung ihr Motiv vor. Es war nicht zu erwarten, dass Castorf den lichten Klassizismus und die ethischen Spiegelungen des späten Brecht ungebrochen übernehmen würde. Als «von und nach Brecht» wird der Abend ausgewiesen, der vom Originaltitel abweichend «Galileo Galilei» heißt. Man hat gelernt aus den misslichen Urheberrechtsstreitigkeiten um die Münchner «Baal»-Inszenierung von 2015, die schließlich verboten wurde, und freestylt wie eh und je – diesmal mit dem Segen der Brechterbin Johanna Schall. Castorf verschneidet Brecht mit Antonin Artaud und feiert «Das Theater und die Pest». 

Nicht der Wissenschaft und ihren Dilemmata, nicht der Neuordnung der Dinge gilt es, sondern dem Ordnungsverlust, dem Chaos, dem Irrationalen, dem verzehrenden und erneuernden Grassieren der Pest, die nach Artaud mit dem eigentlichen, dem radikalen Theater identifiziert wird. «Da, wo’s nach Scheiße riecht, riecht’s nach Leben», stößt Andreas Döhler (zumeist in der Rolle der gelehrigen Schüler Galileis) einmal aus. Und Stefanie Reinsperger (als Haushälterin Frau Sarti) mampft dazu feinstes Braunes aus dem Fäkalieneimer. Wer so gestimmt ist, der sehnt sich nicht nach dem «Glauben an die unendliche Vernunft», der fürchtet eher den unendlichen Abgrund unter den Füßen. Castorf kehrt den apokalyptischen Schrecken des «Galilei» zuoberst, den Brecht in den Disputationen des Stücks rational einzuhegen sucht.

Soweit die dramaturgische Anlage des Unternehmens – und so gut. Mit einem Heiner Müller-Zitat vor der Pause wird Brechts Artaudisierung zur Vollendung des Stückes erklärt: «Artaud ist der Ernstfall. Er hat die Literatur der Polizei entrissen, das Theater der Medizin. Unter der Sonne der Folter, die alle Kontinente dieses Planeten gleichzeitig bescheint, blühen seine Texte. Auf den Trümmern Europas gelesen, werden sie klassisch sein.» Aber dieser Höhepunkt, der das Publikum nach rund drei Stunden in die Pause entlässt, ist zugleich auch der Wendepunkt. 

In der ersten Hälfte findet Castorfs Revue-Prinzip noch festen Halt. Sina Martens wirft sich mit einem schonungslosen, zur Selbstzerfleischung bereiten Brief der Tochter Galileis an ihren Vater in die Waagschale. Die an der kurzen Leine der Unwissenheit gehaltene Virginia ist bei ihr ein berückendes Nervenbündel. Wolfgang Michael und Aljoscha Stadelmann verquarzen und verquatschen wie ein Shakespearesches Clownsduo ihre Zeit auf der Hinterbühne, ehe sie später in die Rolle der vatikanischen Würdenträger rücken. Jeanne Balibar übernimmt immer wieder die Figur des Galilei von Jürgen Holtz und zelebriert das fiebernde, folternde Pest-Spiel.

Nach der Pause, nach einem letzten energetischen Flackern mit Balibar und Döhler, die herrlich verdruckst Hanns-Eisler-Lieder singen und Artaudsche Pest-Thesen zimmern, verliert sich der auf vier Stunden angelegte, tatsächlich in sechs Stunden ausufernde, bald nurmehr dümpelnde Abend. Geschenkt, dass die famose Souffleuse Christine Schönfeld bei der Premiere im Dauereinsatz ist, geschenkt, dass die Inspizienz irgendwann die Segel streicht und ein ganzer Auftritt verpasst wird. Das Chaos muss man bei Castorf schon auch zulassen. Aber hier erreicht es ein ungekanntes Maß an Pfusch und geht zunehmend auf Kosten der Spieler. Während Jürgen Holtz mit leiser Langsamkeit seinen Texten nachforscht, versauert Andreas Döhler neben ihm in ungelenkter Energie. Überall entdeckt man Akteure ohne Spielanlass, ohne rettende Idee in Szenen gepflanzt. Und anders als einst an Castorfs Volksbühne, wo seine vertrauten Akteure über Jahre hinweg eine hohe Kunst der Selbstrettung des Arsches entwickelt hatten, stößt hier niemand einfach mal den Bock um. So wird die notorische Geduldsprobe zur höheren Leidensschule. «Ein wirkliches Theaterstück stört die Ruhe der Sinne auf», heißt es bei Artaud. An diesem Abend wurden die Sinne erst geweckt, und dann peu à peu bis vor dem Finale um Mitternacht zur Ruhe gebettet.

Christian Rakow

www.berliner-ensemble.de/inszenierung/galileo-galilei