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Rezensionen 1. Februar

Rudolstadt: Shakespeare «Ein Sommernachtstraum»

Am 1. Februar, 12. März im Theater im Stadthaus

Auf der einen Seite Plattenbauten, auf der anderen eine historische Parkoase, und genau dazwischen schmiegt sich das neoklassizistische Theater von Nordhausen. Gut 42 000 Einwohner hat die Stadt am Südrand des Harzes und schafft es doch, in Kooperation mit Rudolstadt einen Drei-sparten-Spielbetrieb auf die Beine zu stellen, ja mehr noch: am Leben zu halten. Eine famose Leistung, die belohnt wird. Weil das 1917 eingeweihte, 1945 zerstörte und zu DDR-Zeiten wiederaufgebaute Theater ganz offensichtlich geliebt wird, von Alt und Jung, von lokalen Freaks, Kulturfexen und ganzen Familienverbänden. Am Nachmittag eines frühwinterlichen Feiertags strömt alle Welt in den getanzten «Sommernachtstraum» und beklatscht ihn zuletzt stürmisch.  Denn die Aufführung, die Ivan Alboresi mit einem Dutzend Darsteller in Szene setzt, ist eine luftige, liebevoll arrangierte Best-of-Shakespeare-Montage, die das Loh-Orchester Sondershausen mit einem ebenso putzmunteren musikalischen Rahmen versieht.

Allerdings gilt für Alboresis Fassung, was auf so viele choreografierte «Mittsommernachtsträume» zutrifft: Wer den Plot nicht kennt, der mag sich an den Bildern, Ideen und irrwitzigen Volten erfreuen, kriegt aber die Handlungsfäden nur schwer zu fassen. Auch bietet Phil Glass‘ «Konzert für Cembalo und Orchester» nicht das Farbspektrum, auf dem psychologische Vielfalt gedeiht. Deshalb fällt das anfängliche Defilee der Paare in Party-Manier etwas eintönig aus, erwachen die Liebes- und Streitschwärmer erst bei Nacht zu wahrhaftem Temperament. Freilich werden sie im Mondlicht auch umschwirrt und umschwebt von einem Mendelssohn-Medley, das erotische Händelei und Tändelei bestens zur Geltung bringt. 

Joshua Lowe gibt einen prachtvollen Oberon, Gabriela Finardi eine schnippisch-schnurrige Titania, Nick Bottoms Eselsmetamorphose bringt dank David Nigro – Komödiant vor dem Herrn! – noch den kleinsten Herzmuskel des Zuschauers zum Zittern. Der Puck im Doppelpack (Andrea Zinnato und Keiko Okawa, als Einzige in Spitzenschuhen) wirbelt so quecksilbrig umher, dass seine Glitzermontur sekündlich anderswo aufblitzt. Aber eigentlich ist es ungerecht, Einzelne aus Alboresis Ensemble herauszugreifen, denn dieses Team spielt, tanzt und fabuliert auf einer Wellenlänge. Der Choreograf favorisiert eine robuste, ausdrucksstarke Tanzsprache, heutig und sehr direkt – und erreicht deshalb auch das junge Publikum. 

Die Ausstattung ist ökonomisch organisiert, mit viel Effekt. Anja Schulz-Hentrichs Kostüme schwelgen in Blütenkelchen und Pfauenaugen, Wolfgang Kurima Rauschnings weißer Bühnenkasten wird mit Projektionszauber unablässig verwandelt. Etwa in den Riesensaal des benachbarten Schloss Sondershausen – glanzvolle Barockkulisse für Alboresis gewitzte Sommernachtsträumer.

Dorion Weickmann

https://theater-nordhausen.de/stueck-informationen/ein-sommernachtstraum.html