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Rezensionen 1. Februar

Foto: Armin Smailovic

München: Olga Bach «Doktor Alici»

Am 6., 14., 23. Februar in den Münchner Kammerspielen

In diesem Bayern gibt es keinen weißblauen Himmel, stattdessen gießt es wie aus Kübeln, drei Stunden lang, fast ununterbrochen. Als hätten sich die Schleusen des Himmels geöffnet, um eine neue Sintflut über den Freistaat niedergehen zu lassen, der hier zum Schauplatz einer giftigen und in vieler Hinsicht plausiblen Dystopie über den zunehmenden Einfluss rechtsextremer Strömungen wird. Regisseur Ersan Mondtag und Autorin Olga Bach haben sich – nach ihrer gemeinsamen Produktion «Das Erbe» von 2017, einer philosophisch leicht verstiegenen Abrechnung mit den kollektiven Grundlagen des NSU aus Science-fiction-Perspektive – zum zweiten Mal an den Münchner Kammerspielen einen beunruhigenden Aspekt deutscher Gegenwart herangezoomt und in einer Engführung höchst heterogener ästhetischer Ansätze zu einem gallig-explosiven Gemisch verdichtet.

Dabei hat das neue Werk das Zeug zu einem theatralen Wolpertinger (so nennt man die in Bayern beliebten zusammengenähten Jagdtrophäen, wo schon mal ein Hase mit Geweih, Raubtiergebiss und Adlerklauen bestückt ist). Im Fall von «Doktor Alici» ist der Grundtorso nur noch als Kontur erkennbar: Arthur Schnitzlers fein beobachtetes Mobbingdrama «Professor Bernhardi» aus dem Jahr 1912, in dem ein fortschrittlicher jüdischer Arzt von den Kollegen mit deutschnationalen Ressentiments zur Strecke gebracht wird. Von der Tonlage her bewegt sich Olga Bachs kurz vor der nächsten bayerischen Landtagswahl im Jahr 2023 angesiedelte Politfarce mit ein paar Anleihen aus Lion Feuchtwangers Schlüsselroman «Erfolg» aus den 1920ern allerdings eher auf der Höhe des alljährlichen Politiker-Derbleckens beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg und trägt dabei in jeder Hinsicht dick auf. 

Schon die Titelfigur Dr. Selin Alici verkörpert als erste Münchner Polizeipräsidentin von grünen Gnaden und lesbische Muslima mit türkischen Wurzeln kühnste Zukunftshoffnungen gelungener Minderheiten-Integration; sie wird von Hürdem Riethmüller als rotmähniges Musterbild einer bodenständig-rechtschaffenen Staatsdienerin dargestellt. Umgeben ist sie von einer Garde Schranzen und Schergen, allen voran der emsig-intrigante Dauerpraktikant Fischer (Thomas Hauser in androgyner Hochform) und Dr. Edmund Bauer, CSU-Mann und Sicherheitsbeauftragter des Innenministeriums, der bei Samouil Stoyanov frappant an die stiernackige Selbstherrlichkeit von Franz Josef Strauß erinnert, garniert mit einem Schuss Mooshammer-Charme. 

Finstere radikale Kräfte aus dem rechten Spektrum setzen alles daran, die engagiert-integre Polizeichefin, die die Kennzeichnungspflicht für Vollzugspolizisten befürwortet und das Kruzifix-Urteil feministisch mit einer gekreuzigten Maria auskontert, im Moment der Bedrohung durch eine rechtsnationale Terrorgruppe erpressbar zu machen. Fünf Angehörige der Reichsbürgerbewegung, darunter zwei Landtagsabgeordnete der Partei «Proaktiv fürs Abendland», planen laut Verfassungsschutz Attentate auf grüne Abgeordnete und Journalisten. Als Alici die Herren kurzerhand für die Zeit des Wahlkampfs in prophylaktischen Gewahrsam nehmen lässt – die jüngste Reform des Polizeiaufgabengesetzes macht’s möglich – und einer auch noch in der Haft stirbt, nimmt die heimtückische Hetze ihren Lauf. Obskure Dunkelmänner in schwarzen Morphsuits, die auch schon mal die Bühne umbauen, verwüsten ihre Privatwohnung; und von Behördenseite sieht sich Alicis Lebensgefährtin, eine erfolgreiche Programmiererin aus Georgien, mit einem unrechtmäßigen Ausweisungsbescheid konfrontiert. Unter Einsatz juristischer Spezialwaffen konstruiert Bach manchmal etwas umständlich eine verwinkelte Intrige, um ihre Heldin zuletzt in einer umso utopischer anmutenden Apotheose scheinbar zu rehabilitieren und gleichzeitig in die Isolation zu treiben. 

Auf der visuellen Ebene fügen Mondtag und sein Ausstattungsteam dieser ausladenden Konstellation weitere Assoziationsebenen hinzu. Bühnenbildnerin Nina Peller baut ein aufgeschnittenes amerikanisches Middleclass-Haus mit giftig glühenden Neon-Akzenten an der Fassade auf einen drehbaren Untersatz; im Vordergrund ein einsamer Strommast, dahinter – David Lynch lässt grüßen – öffnet sich auf dem Rundprospekt der Blick in ramponierte Vorstadttristesse. Komponistin Diana Syrse verstärkt diesen Eindruck mit einem düster flirrenden, mit Vogelschreien durchsetzten Streicher-Sound, der Suspense à la Hitchcock evoziert. Wieder ein anderes Register zieht Kostümbildnerin Teresa Vergho, wenn sie das Regierungspersonal mit altmodischen Regenschirmen, Gummistiefeln und fahl geschminkten Gesichtern, wie die in die Jahre gekommene Provinzbesetzung einer Rocky Horror Picture Show ausstaffiert, zu der Jelena Kulic als quirlige Geliebte mit tiefer Samtstimme die eine oder andere tief empfundene Ballade beisteuert, während das Geister-Puppenhaus nach und nach von faschingsbunten Girlanden mit übelsten Hatespeech-Sprüchen überwuchert wird und ein diabolischer Talkmaster (Damian Rebgetz) seine Gäste zu immer alarmierenderen Beschwichtigungen überlistet.

Gerade weil sich aus diesen diversen Zutaten keine homogene Zeitgeistanalyse gewinnen lässt, machen die zusammengezimmerten Drohkulissen im prasselnden Dauerregen die Gefahr, die sich da unausweichlich zusammenbraut, so ungreifbar und beklemmend präsent – und so totally lost wirkt am Ende auch die Figur der Dr. Alici, wenn sie sich zuletzt irr lachend unter ihrem Bett verkriecht, bis auch das noch von der Bühne weggetragen wird und sie schutzlos allein liegen bleibt. Ersan Mondtag hat mit seinem kruden Genre-Mix und seinem Sinn für atmosphärische Irritation einen Nerv getroffen und eine künstlerische Transformation gefunden, die der realen Bedrohungslage nicht den Stachel raubt. 

Silvia Stammen 

www.muenchner-kammerspiele.de/en/staging/doktor-alici