Rezensionen 22. Februar
Braunschweig: Britten «The Turn of the Screw»
Am 3. und 10. März im Großen Haus
Schon während des Vorspiels zum Prolog ist hinter einem Gazevorhang eine Albtraumszene zu erkennen: Fahles Mondlicht fällt auf eine stuckverzierte Wand, im diffusen Licht zeichnet sich eine geschwungene Treppe ab, hinten ragt die Pranke eines monströsen, echsenartigen Tieres hervor. Dann ertönt aus dem Off eine helle Evangelisten-Stimme – und aus dem Orchestergraben steigt der Tenor Matthias Stier, eine schillernde Gestalt in Schwarz, mit kinnlanger weißer Mähne. Er bewegt sich tänzelnd, spielerisch, bleibt auch auf der Bühne, als sich die namenlose Gouvernante, die gerade noch am Rand schlief, für die Reise nach Bly rüstet, um dort einen neuen Job anzutreten. Sie kleidet sich an, doch der Sänger löst ihren Gürtel wieder und wieder, fährt ihr aggressiv erotisierend durch die Haare, scheinbar unsichtbar für sie, als sei dieser Mann die Personifizierung ihrer Selbstzweifel, ihrer Angst, ihres Zögerns.
Matthias Stier, der sich später als der untote Ex-Diener Quint entpuppt, ist in der Inszenierung der Braunschweiger Generalintendantin Dagmar Schlingmann der eigentliche (glanzvoll agierende) Regisseur des unheimlichen Geschehens, beinahe omnipräsent auf der häufig kreisenden Drehscheibe, auf der Sabine Mader mit wenigen Elementen eine Welt bizarr verzerrter Perspektiven geschaffen hat.
Die Echsenklaue gehört tatsächlich zu einem umgekipptenTyrannosaurus Rex, einem ins Riesenhafte vergrößerten, naturalistisch echten Spielzeugtier, dessen langer Dinoschwanz durch einen Spalt in der Wand bis in das Nachbarzimmer reicht. Spielfiguren tauchen immer wieder auf in Schlingmanns suggestiven, nah am Text bleibenden, grandios getimten Tableaus. Mal im harmlosen Originalformat, mal zehnfach vergrößert wie der Schlumpf, der plötzlich herumliegt, mal gigantisch aufgeblasen, ins Monströse gesteigert wie das gewaltige, grell pinkfarbende Plüschtier am Ende.
Die Geschichte der namenlosen Gouvernante, die in das Landhaus zu Bly zieht, um sich dort – im Auftrag ihres Vormunds – um die Kinder Miles und Flora zu kümmern, erzählt die Regisseurin schnörkellos. Für die rätselhaften Verhaltensweisen findet sie stimmige Bilder, auch das kollektive Schweigen, das über dem Anwesen liegt, ist bei ihr sehr beredt: Mrs. Grose, die ältere Betreuerin vor Ort, etwa spendiert der Gouvernante gleich zur Begrüßung einen lasziven Zungenkuss; unablässig fasst sie die Kinder an. Übergriffe sind allgegenwärtig, alles klebt irgendwie unlösbar und unheilvoll aneinander.
So verdichtet sich die bereits zu Beginn spürbare hohe Binnenspannung über die gut zwei Stunden des Abends mehr und mehr. Einen großen Anteil am Gelingen hat Iván López Reynoso am Pult des aus dem Hausorchester rekrutierten Ensembles: Die Musik klingt ungeheuer transparent, präzise, intensiv und sprechend. Besonders zu preisen ist die rhetorisch prägnante, dabei lyrisch singende Oboe. Auch die Gesangsrollen sind mustergültig und homogen besetzt: Herausragend Matthias Stier, dessen biegsamer Tenor weder Höhenangst noch Farb- und Ausdrucksgrenzen zu kennen scheint. Beeindruckend auch Inga-Britt Andersson (der einzige Gast, alle anderen Partien sind aus dem Braunschweiger Ensemble besetzt) als flammende Gouvernante und Carolin Löffler, die die etwas undankbare Partie der Mrs. Grose mit dunkel schillernden Mezzofarben grundiert. Imposant nicht zuletzt Ekaterina Kudryavtsevas somnambule Miss Jessel und die hier von erwachsenen Sängern verkörperten Kinder: Jelena Banković ist eine lichte, mit gleißenden Farben spielende Flora, Milda Tubelytė fasziniert mit frischem Mezzo und der frappierend authentischen Darstellung eines pubertierenden Jungen voller dunkler Geheimnisse. Ein starker Abend, einhelliger Jubel beim Schlussapplaus.
Regine Müller
staatstheater-braunschweig.de/produktion/the-turn-of-the-screw-237