Rezensionen 15. Februar
Dortmund: Xin Peng Wang «Inferno»
Am 17. Februar im Opernhaus
Auch das Inferno muss seine Ordnung haben. Neun Höllenkreise hat der italienische Nationaldichter Dante einst konzipiert und für jeden ein sehr penibles Folter-System entworfen: Für die Gierigen gibt es das Bad in einer Kloake, den Wahrsagern wird das Gesicht auf den Rücken verrenkt, und die Geizigen und die Verschwender martern sich logischerweise gegenseitig. Jedem Sünder seine Pein, das könnte auch ein Choreograf so entworfen haben. Doch Dortmunds Ballettchef hat weniger die Bilddrastik als die Akkuratesse des Systems fasziniert. So walten in seiner Hölle Symmetrie, Disziplin, veredelte Form, egal wie sehr es hier auch jault, sirrt und wimmert.
Denn Chefdramaturg Christian Baier hatte die Eingebung, den infernalischen Trip mit Michael Gordons großartig nervenzerreißender Komposition «Decasia» zu untermalen. 2002 kreierte der Post-Minimalist die Musik als Soundtrack für einen Film von Bill Morrison und verkündete mit interessant verstimmten Klavieren, zersplitterten Orchesterklängen und Sirenengeheul den Zerfall einer Zivilisation. So windet sich die Musik zu Wangs «Divina Commedia»-Teil wie in einem ewig dauernden Sturz, während Dante durch die Höllenkreise zum Erdinneren reist.
Der Dortmunder Dante, getanzt vom Kubaner Javier Cacheiro Alemán, ist ein romantischer Beau, elegant und larmoyant wie ein «Schwanensee»-Siegfried. Kein Wunder, dass er einen Reisebegleiter braucht: der Tänzer Dustin True als faszinierend zwielichtiger Vergil führt ihn mit lässigen Sprüngen durchs Bühnenrund zur Wahrheit, so kalt-überheblich wie einst Morpheus den Neo im Kino-Blockbuster «Matrix». Aber erst seine geliebte Beatrice (in Gestalt von Lucia Lacarra) weckt den Tänzer-Helden in Alemán.
Lacarra ist so etwas wie die neue Margot Fonteyn aus Dortmund: stupende Technik, absolut beflügelnd für ihre jeweils jüngeren Partner, selbst aber stets die personifizierte Contenance. Mehr Luft und Licht als Leib eben, und als pure Imagination taucht Lacarra im Gewand einer Botticelli-Schönheit nun immer mal wieder auf, wie eine Trostvision für den höllisch gebeutelten Dante. Die gemeinsamen Pas de deux mit makellosen Hebefiguren zählen zu den choreografisch raffiniertesten Momenten dieses «Inferno», an dessen Anfang die Tänzer an Seilen aus dem Bühnenhimmel schweben wie die Verdammten des Malers Peter Paul Rubens. Und Teufel auch! Kostümdesigner Bernd Skodzig hat ihnen offenbar die Haut abgezogen. Man sieht blutrote Muskelstränge, gelb-weiße Fettschichten – sehr grausige Anatomie-Bemalungen auf den Ganzkörpertrikots.
Trotzdem ist dieses «Inferno» für Xin Peng Wang ein Massenevent, für das er sein Ensemble mit dem NRW Juniorballett fusioniert. Kollektiv-Aufmärsche hat er aber schon deutlich inspirierter arrangiert.
So ist dieser Besuch im Schattenreich zwar etwas fade choreografiert, dafür aber: so herrlich höllisch inszeniert, dass man doch gern wissen will, wie aus den Walking-Dead-Kollegen irgendwann Engel werden. Nächstes Jahr im Sequel: dem Purgatorium.
Nicole Strecker
https://www.theaterdo.de/detail/event/die-goettliche-komoedie-i-inferno/