Rezensionen 15. Februar
Video von 2016 in anderer Besetzung
Berlin: Strauss «Elektra»
Am 16., 24. Februar in der Regie von Patrice Chéreau an der Lindenoper
Diese Frau. Wir kennen sie. Elektra. Das wilde Weib, die Rächerin, liebende Tochter. Alles in einem. Ihre Wut, ihre Sehnsucht, ihr Verlangen sind die Wut, die Sehnsucht und das Verlangen einer ganzen Zivilisation, und ihr Schrei nach Gerechtigkeit ist der Ausdruck eines menschlichen Empfindens, das man so deutlich nur im Theater sehen kann, der moralischen Verführungsanstalt schlechthin. Zumal, wenn die Inszenierung eine solch grandiose ist wie die von Patrice Chéreau. So schlicht, so poetisch, so kristallin. Und so archaisch.
Allein die Bühne von Richard Peduzzi: ein Traum, immer wieder aufs Neue. Hoch ragen die Sandsteinflächen hinauf, umso niedriger sind die Türen, durch welche die Mägde hereinströmen, barfüßig, in wallenden schlichten Kleidern (Kostüme: Caroline de Vivaise), stets getrieben, rat- und rastlos, wie gehetzte Tiere. Darin sind sie Elektra gleich, der Königstochter. Auch sie wird gehetzt, allerdings von inneren Furien. Und sie hat nur noch einen Gedanken: Rache! Chéreau gibt ihr das Recht dazu.
Die Macht, die Elektra in den Hof verbannt hat, zu den Hunden, ist unsichtbar. Sie wohnt und herrscht hinter den Mauern. Erst als Klytämnestra heraustritt, die von Albträumen geplagte Mutter und Mördergespielin, wird ein Teil dieser Macht offenkundig. Die sich, wenn Waltraud Maier in dieser Rolle die Szene betritt, sogleich verwandelt in wahnhafte Angst. Man kann es bis in den zweiten Rang hinauf spüren: wie diese Angst sie langsam, aber sicher zerfrisst.
Die (Mezzo-)Sopranistin ist immer noch eine grandiose Darstellerin. Als Sängerin aber wird sie deutlich übertrumpft. Von einer himmlischen, strahlenden, bergseeklaren, durch alle Mauern hindurch dringenden Stimme: Vida Miknevičiūté als Chrysothemis ist das Ereignis des Abends. Nicht einmal die vorzüglich deklamierende Sabine Hogrefe in der Titelrolle und der kernige René Pape als Orest können da mithalten.
Wohl aber Daniel Barenboim und seine Staatskapelle. Sie durchleuchten die Partitur, ihre Schrecken (gleich das Agamemnon-Motiv am Anfang treibt uns Schauder auf den Rücken), mit einer Leidenschaft und mit einer Präzision, als wären sie Teil des antiken Dramas auf der Bühne. Keine Schärfe bleibt aus, kein Kratzer (Strauss, der Geräuschemacher!), aber auch kein elegisches Innehalten. Das Schöne so schrecklich, das Schreckliche so schön. Ein fantastischer Abend. So muss Oper sein. So archaisch. Und so voller Wucht. Dass man nicht entfliehen kann von diesem Ort. Es aber auch gar nicht will.
Jürgen Otten