Rezensionen 25. Januar
Graz: Strauss «Salome»
Am 30. Januar, 2., 8. Februar
Die Zeit ist aus den Fugen. Schreckliches werde geschehen, greint Herodes, wobei die Honigschicht der Jovialität, um die er sich ohnehin zumeist vergeblich müht, endgültig abtropft. Es geht um seine Stieftochter Salome, die verzogene Göre mit erotischem Appeal, die für erwiesene Gunstleistungen, Tanz et cetera, partout den Kopf des eingekerkerten Propheten fordert. In Florentine Kleppers Grazer Inszenierung ist der Tetrarch ein schmieriger Macho, der Frauen nicht nur auf dieser Masken- und Sex-Party im Penthouse, der wir visuell beiwohnen, rücksichtslos zu seiner Lust gebraucht. Irgendwie erinnert er uns in seiner Posenfreudigkeit und dem giftgrünen Outfit aber auch an den TV-Unterhalter Thomas Gottschalk. Apropos: Könnte es sein, dass Klepper sich nicht nur, wie sie sagt, von Michel Foucault inspirieren ließ, sondern auch in die Niederungen der deutschen Fernsehunterhaltung abtauchte, etwa zur Serie «Der Bulle von Tölz», Folge: «Wenn die Masken fallen»? Manche Szene mag an diese Episode erinnern, doch vermutlich ist jede Ähnlichkeit Zufall – auch wenn wir zu Beginn eine massige Gestalt nach Art des Ottfried Fischer auf der Bühne ausmachen; freilich ist es nicht Kommissar Benno Berghammer, klar, sondern der Zweite Soldat ...
Im Übrigen steht, was Klepper sich für «Salome» in Graz ausdachte, fast diametral zur archaisch ausgeformeten Salzburger Inszenierung Romeo Castelluccis. Die Regie zielt nicht auf eine überzeitliche conditio humana, sondern auf unliebsame Aktualität von Hollywood bis Erl: Salome, auf pubertärer Suche nach sich selbst, ist Missbrauchsopfer, ein #MeToo-Fall, nolens volens auch dem Tetrarchen zu Willen. Doch die Gegenleistung, die sie sich erhofft, nämlich «die Kontrolle über Herodes zu behalten» (Klepper), erweist sich als Schimäre.
Salomes Tanz – die Regisseurin bezeichnet ihn als «Chiffre für Rituale weiblicher Erniedrigung» – bleibt außen vor, wird durch Videoeinspielungen (Heta Multanen) ersetzt, die surreale Assoziationsräume suggerieren. Am Schluss vereinigt die Prinzessin sich mit dem blutigen Leichnam Jochanaans – wobei der Prophet nicht konkretes Lustobjekt, sondern Projektionsfläche für Salomes diffuse erotische Sehnsüchte darstellt. Bei deren Erfüllung verausgabt sie sich völlig, bleibt zum schlechten Ende leblos zurück – nicht ohne der Welt quasi als Memorandum ein zombiehaftes Double zu hinterlassen.
Johanni Van Oostrums Salome folgt Kleppers Vorstellungen ohne Einschränkung, vor allem aber singt sie glorios. Auch Oksana Lyniv am Pult der Grazer Philharmoniker trägt die unüberhörbare Sympathie, die Strauss’ Musik für Salome empfindet, bedingungslos mit. Überhaupt übertrifft die musikalische Seite die szenische. Während die Inszenierung gelegentlich durchhängt, gelingt Lyniv die stimmige Balance zwischen orchestralem Furor und der vom Komponisten verlangten «Elfenmusik». Und die Sänger sind grosso modo beachtlich. Thomas Gazheli ist ein in seinem Fundamentalismus übersteuerter, aber eindrucksvoll singender Jochanaan, Pavel Petrov ein Narraboth, wie man ihn so stimmschön selten hört, Mareike Jankowski ein bemerkenswerter Page, Iris Vermillion eine vortreffliche Herodias von messerscharfer Ironie, Manuel von Senden ein souveräner, außerordentlich textverständlicher Herodes. Die Reise nach Graz lohnt sich – schon wegen Van Oostrums außergewöhnlicher Salome.
Gerhard Persché