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Rezensionen 8. Februar

Ralitsa Ralinova, Foto: Jens Grossmann

Wuppertal: Cage «Europeras»

Am 10. Februar, 1. März

Rimini Protokoll inszeniert eine Oper? Die Kombination erscheint auf den ersten Blick kaum denkbar. Denn das mit Preisen überhäufte, in seinem Bereich stilprägende Performance-Kollektiv steht für besondere Formen des Dokumentartheaters. Rimini Protokoll bringt «Experten des Alltags» auf die Bühne, die ihre Geschichten erzählen, entwirft Audiowalks und Parcours, in denen die Besucher zu Mitwirkenden werden. Vieles davon steckt nun auch in der Aufführung von John Cages «Europeras 1 & 2» in Wuppertal, wobei Rimini-Regisseur Daniel Wetzel vor den Titel noch das Wort «Play» setzt. Ein wichtiger und stimmiger Zusatz.

Denn die Grundidee des Stücks hat bisher nie so richtig funktioniert. Mitte der 1980-er Jahre beauftragte die Oper Frankfurt Cage, eine «Negation der Oper als solche»zu schreiben. Der Komponist komponierte keine Note, sondern stellte aus 200 Opern von der Barock-Ära bis zu Alban Berg ein Kompendium zusammen, dass per Zufallsprinzip immer neu angeordnet werden sollte. Die Arien zersplitterte Cage in ihre einzelnen Elemente – Melodie, Orchesterbegleitung, Gesten und Gefühle der Sänger, Bühne, Kostüm, Lichtstimmung. All das wird durcheinander gewürfelt und ohne Sinnzusammenhang präsentiert, ein erhebliches Chaos.

Doch seltsamerweise entstand in vielen Aufführungen ein neuer Sound. Im Verlaufe der Zeit, nachdem man sich ein wenig eingehört hatte, wirkten die «Europeras», von denen Cage bis zu seinem Tod 1992 fünf Teile entwarf, nicht mehr wie ein Zerstörungswerk, sondern in ihrer Vielfalt und Farbigkeit wie eine schräge Hommage an die Oper. Besonders stark war das in Heiner Goebbels’ liebevoll-präziser Inszenierung bei der Ruhrtriennale 2012 ausgeprägt. Für das Weiterleben des Stücks ist das nur positiv. Denn viele Werke der Avantgarde des 20. Jahrhunderts haben sich überlebt, die «Europeras» indes bleiben vital, weil sie im Kern die Gattung eben nicht negieren.

Genau da setzt die Wuppertaler Aufführung an. Zunächst zeigt Rimini Protokoll den zweiten Teil der «Europeras». Das Stück ist exakt 45 Minuten lang. Die Uhr läuft für alle sichtbar mit und gibt den zum Teil im Parkett und in den Logen sitzenden Musikern die Einsätze, ein Dirigent ist überflüssig. Die Sängerinnen und Sänger erscheinen im Video. Sie singen auf der Straße, in Cafés, in Wohnzimmern. Gedreht wurden die Filme an verschiedenen Orten, überall in Europa.

Intensiver wird das Erlebnis, wenn nach der Pause die Live-Aktion losgeht. Es gibt Knalleffekte und Regen, der Vorhang schließt und öffnet sich, Podien fahren rauf und runter. Dazwischen agieren – neben dem unglaublich konzentrierten und am Schluss zu Recht umjubelten Ensemble – die Lichtstatisten des Opernhauses. Sie sind sonst nur auf den Beleuchtungsproben im Einsatz. Daniel Wetzel holt sie nicht nur auf die Bühne, er hat sie auch nach ihren Meinungen über die Zukunft Europas gefragt. Schließlich geht es bei «Europeras» auch um den «alten» Kontinent. Die – wiederum nach Zufallsprinzip ausgewürfelten – Statements werden über Beamer, Video und als Übertitel projiziert, erscheinen auch als Schrift auf Bühnenbildelementen. Eine schöne, passende Ergänzung, auch hier hat Rimini Protokoll «Experten des Alltags» gefunden.

Unter den Sitzen findet das Publikum Karten mit Handlungsanweisungen. Ich zum Beispiel sollte exakt – die Uhr läuft ja mit, diesmal 90 Minuten lang – bei 44 Minuten und zehn Sekunden sieben Mal husten. Andere sollen aufstehen und schauen, ob sie jemanden sehen, mit dem sie gern schlafen möchten. Bei der Premiere machen viele mit, es ist ein anderes Publikum im Hause als beim «Land des Lächelns». Auch diese Ergänzung passt zu John Cage, der ja einer der Miterfinder des Happenings war. So wird aus «Play Europeras 1 & 2» ein heiteres, gelöstes Spiel mit dem Musiktheater. Ohne Aussage, aber nicht ohne Bedeutung. Ein Gemeinschaftserlebnis im Opern-Steinbruch.

Stefan Keim 

www.oper-wuppertal.de