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Christopher Gillett gone mad

Unser Operninsider packt den Wahnsinn aus

Was gilt eigentlich als Wahnsinn in der Oper? Braucht’s ein psychopathologisches Attest? Oder reicht’s, wenn schwerer Liebeskummer ein paar Schrauben lockert? 

Im Musiktheater sind ohnehin die meisten Charaktere merkwürdig, verschroben oder ein bisschen daneben. Jemand wie Don Ottavio aus Mozarts „Don Giovanni“ (deprimierend normal, der Typ) ist die totale Ausnahmeerscheinung.

Wie schwer es sein kann, Grenzen zu ziehen, zeigt eine Liste von Opern mit Wahnsinnsszenen, die mir neulich jemand zugeschickt hat. Die meisten Titel sind mir noch nie untergekommen. Adolphe Adams «Si j’étais rois»  habe ich vor 35 Jahren in einem Kaufhaus gesungen – an eine entsprechende Episode kann ich mich allerdings beim besten Willen nicht erinnern. Mehr Wahnsinns-Opern als irgendjemand sonst hat dieser Aufstellung zufolge Donizetti geschrieben. Ganze zwölf zähle ich hier. Liegt’s vielleicht daran, dass Gaetano selbst ein bisschen von der Rolle war? Er litt an Syphilis, was seine Haltung zu Psychosen durchaus gefärbt haben könnte. Falls ein Zusammenhang zwischen dem Geisteszustand eines Komponisten und den Eskapaden in seinem Oeuvre besteht, dann waren offenbar auch Giuseppe Verdi und Richard Wagner schwer betroffen. Es finden in dieser Zusammenschau sich viele Verdi-Titel –überraschend zahlreich vertreten auch die Wagner-Stücke, in denen mir die Wahnsinnsszenen bisher aber größtenteils entgangen sind. Während Otello überhaupt nicht auftaucht: Gerät der nicht vor Eifersucht ganz außer sich? Ich kenn mich kaum mehr aus! Mein Lieblings-Britten  «A Midsummer Night’s Dream» hat hingegen seinen Platz, wohlverdient aus zwei guten Gründen: Zum einen drehen die Liebhaber durch, weil ihnen Puck einen Saft in die Augen träufelt, zum anderen parodiert Francis Flute (als Thisbe) Donizettis «Lucia di Lammermoor». Tor für Benjamin!

Wie fühlt es sich an, auf der Bühne verrückt zu spielen? Ehrlich gesagt: großartig! Je verbissener man sich auf Töne und Technik konzentriert, desto durchgeknallter wird die Miene – und in den Wahnsinnsszenen muss man wahrlich am Ball bleiben. Paradoxerweise gebärdet sich eine musikalische Psychose nämlich alles andere als wild. Im Gegenteil: Je verrückter die Figur, desto kontrollbedürftiger, höher, komplizierter die vokale Linie. Wer das unfallfrei überstehen will, darf sich keine Sekunde gehen lassen. Deswegen ist ein Irrer viel einfacher darzustellen als Otto Normalverbraucher. Wer freiwillig den Don Ottavio gibt, muss total von Sinnen sein!

Aus dem Englischen von Wiebke Roloff