Inhalt

Tatort Nationaltheater

Die Schauspielerin Ulrike Folkerts

Von Elena Iris Fichtner

Die Schauspielerin Ulrike Folkerts «ist» seit 1989 die Tatort-Kommissarin Lena Odenthal. Und damit die dienstälteste Fernseh-Kommissarin der Republik. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe) löst sie die Fälle in Ludwigshafen. Anfang Januar wurde von der ARD bekanntgegeben, dass Andreas Hoppe nicht mehr weiter als Kommissar ermitteln werde. 

Am Nationaltheater Mannheim spielt Ulrike Folkerts in Noah Haidles Stück «Für immer schön» die Kosmetikverkäuferin Cookie Close. Immer im Dienste der Schönheit und mit göttlicher Begleitung bereist sie das Land und versucht rücksichtslos, ihre Kosmetika an die Frau und den Mann zu bringen. 

Sie spielen die Kommissarin Lena Odenthal seit fast 30 Jahren...
Das ist verrückt, das hätte ich vorher auch nicht gedacht. Ich habe in der Zeit auch mit der Rolle gehadert, weil ich so festgelegt wurde auf Lena Odenthal. Wenn man fest am Theater ist, hat man die Chance, verschiedene Rollen zu spielen. Für einen Sender ist man oft auf eine Rolle festgelegt und wird nicht mehr anders besetzt.

Kann man denn eine Fernseh-Figur mit entwickeln?
Ich versuche das immer. Die Autoren, Regisseure, Redakteure und die Fernsehchefs wechseln regelmäßig, so dass ich auf Lena Odenthal aufpassen muss. Ich habe mir einige Seiten zu Lena aufgeschrieben: Wer ist sie? Wo kommt sie her? Was wünsche ich mir für diese Figur? Wo soll die Entwicklung hingehen? Durch die Wechsel konnte ich viel ausprobieren: Ist die Frau eher rüpelhaft unterwegs oder ist sie doch einfühlsam und geht sanft an einen Fall heran... Natürlich entwickelt sich Lena Odenthal auch mit mir. 

Sie drehen viel und stehen selten auf der Bühne. Ist das ein anderes Arbeiten für Sie?
Das sind für mich zwei Berufe. An der Schauspielschule wurde ich für das Theater ausgebildet – und dann bin ich plötzlich beim Fernsehen gelandet. Das Arbeiten vor der Kamera musste ich erst lernen. Man dreht beispielsweise nicht chronologisch. Und man hat kaum Zeit zu probieren. Häufig dreht man fünf-sechs Klappen, bis es technisch, schauspielerisch, inhaltlich und szenisch für alle Abteilungen passt. Beim Theater hat man eine irre lange Probenzeit. Man setzt sich mit dem Gesamtwerk auseinander, mit dem Autor, mit der Zeit, in der das Stück spielt, mit allen Figuren und ihren Beziehungen. Im Theater wird ein Stück viel gründlicher untersucht als ein Drehbuch im Film oder Fernsehen. Dafür fehlt die Zeit. Man hat zwar auch dort eine redaktionelle Betreuung, und auch ich als Schauspielerin darf Anmerkungen machen. Aber es gibt wahnsinnig viele Regisseure, die gar nicht proben und ihre Schauspieler dann nach Stereotypen besetzen, also beispielsweise die verlassene Ehefrau oder den Bösewicht. Auch darum war es für mich wahnsinnig toll, von Burkhard C. Kosminski (dem Regisseur von «Für immer schön») die Chance  zu bekommen, eine ganz andere Seite von mir zu zeigen als Lena Odenthal im Tatort. 

Woher kommt der Wunsch, wieder Theater zu spielen?
Ich habe das Gefühl, man wird am Theater in seinem Job viel mehr gefordert. Man wird zum Handwerk zurückgeführt. Es geht um Sprache, um die Ausdrucksweise. Am Theater muss man alles größer machen, beim Fernsehen wird man beispielsweise durch eine Großaufnahme auf die Augen und die Blicke reduziert. Als ich das Stück gelesen hatte, dachte ich erstmal: Wie kommt Burkhard auf die Idee, mich zu besetzen? Es war für mich total abwegig, eine Kosmetikverkäuferin zu spielen. Erst bei den Proben habe ich verstanden, welche Abgründe sich auftun und wie fies diese Frau auch ist. Sie geht über Leichen.

Was hat Sie an dieser Rolle besonders gefordert?
Eigentlich ist «Für immer schön» ein Kammerspiel – und wir zeigen es auf der großen Bühne. Das war eine Herausforderung. Viele Dialoge sind so geschrieben, dass sie an einer Haustür spielen, oft sind nur ein oder zwei Personen auf der Bühne. Das Geschehen wurde dann mit Hilfe eines Videokünstlers (Sebastian Pircher) und des Bühnenbildes (Florian Etti) vergrößert. Ich habe oft gehört, dass das den Zuschauern wahnsinnig gut gefallen hat. Ebenso der Chor von Statistinnen, den Burkhard ins Leben gerufen hat.  Das alles vergrößert den Wahnsinn des Direktvertriebs. Ich habe ganz viel gelernt in dieser Produktion und musste über meine Grenzen gehen. Die Figur springt von einer emotionalen Insel zur anderen, und das in sehr kurzer Zeit. Diese Brüche fand ich am Anfang sehr schwierig. Auch eine Blinde zu spielen, war eine Herausforderung. Ich trage dabei Kontaktlinsen, mit denen ich nur milchig die Umrisse meiner Umgebung sehe. Als Fernsehmensch hatte ich vor allem Angst, dass ich sprachlich auf der großen Bühne versage. Die Akustik ist in Mannheim aber glücklicherweise ziemlich gut. Außerdem bot mir das Nationaltheater an, mit einer Sprecherzieherin zu arbeiten. Das hat mir gut getan. Im Fernsehen spricht jeder, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Beim Theater gibt es einen anderen Schwerpunkt. Wie eine Figur spricht, sagt ja viel über ihren Charakter aus. Von der Fernseharbeit habe ich außerdem mitgebracht, dass man sehr schnell neue Aspekte einer Figur entwickelt und der Regie anbietet. Das konnte ich gut in die Theaterproben einbringen. Gleichzeitig war die Wiederholbarkeit des «Angebots» am Anfang ein Problem. Beim Drehen ist die Szene im Kasten und fertig. Bei den Theaterproben musste ich dann überlegen: Wo habe ich das hergeholt und wie kann ich das wiederholbar machen und der Figur dauerhaft zur Verfügung stellen?

Gibt es eigentlich eine Ehrung von der ARD, wenn man schon so lange Tatortkommissarin ist?
Es gibt ein permanentes Ranking: Wer ist der/die beliebteste Tatortkommissar/in? Wer hat die tollsten Quoten? Wo ist eigentlich heute morgen die SMS mit der Quote von gestern? (Sucht ihr Handy.) Ich bin nicht überzeugt von der Quote, denn dabei geht es eher um Quantität und nicht um Qualität. Aber auch im Theater bekommt man gesagt, wie gut verkauft die Abendvorstellung ist. Es ist ja auch traurig, wenn man in einem großen Haus vor nur 100 Leuten spielt, da kommt wenig Energie zurück.

Wenn man seit fast 30 Jahren vor der Kamera steht, wird jede körperliche Veränderung permanent festgehalten. Wie geht es Ihnen damit?
Mir haben oft Leute auf der Straße gesagt: Sie sehen ja im richtigen Leben viel besser aus als im Fernsehen. Die HD-Kamera hat den Frauen eigentlich keinen Gefallen getan, weil man jede Falte sieht. Jetzt kann ich mir überlegen, ob ich Botox nehme, aber ich werde das nicht tun. Ich finde, man muss Schönheitsoperationen boykottieren, weil man damit etwas Falsches erzählt. Auch Frauen werden älter. Ich mag Gesichter, in denen das Leben seine Spuren hinterlassen hat. Man kann das auch toll filmen, man muss dann vielleicht eine Lampe mehr aufstellen. Die Technik dafür ist da, man muss sich nur Zeit nehmen. Ich fordere das inzwischen ein.

Haben es Frauen in der Branche schwerer als Männer?
Ich habe über 60 Tatorte gedreht und davon waren acht unter weiblicher Regie. Und die männlichen Regisseure sagen, wenn es um eine Frauenquote in der Regie geht: «Es gibt schon einen Grund, warum wir mehr machen. Wir sind besser.» Wie sehr Frauen über ihr Äußeres definiert werden und auch darauf reduziert werden, finde ich beschämend. Das ist am Theater viel angenehmer. Wenn man festes Ensemblemitglied ist, kann man im Theater im Laufe des Älterwerdens tolle Rollen spielen. Beim Fernsehen ist das ganz schwierig. Geschichten, in denen Frauen über 50 im Mittelpunkt stehen, gibt es kaum. Und wenn, dann spielen sie Großmütter oder verlassene Ehefrauen. Geschichten über eine ältere Frau, die ein selbstbestimmtes Leben führt, gibt es wenig. Manchmal, wenn ich den Fernseher einschalte, mache ich ihn gleich wieder aus. Da sind diese in die Jahre gekommenen Männer – und daneben irgendwelchen hübschen kleinen Mädchen. Ich persönlich bemühe mich, ein anderes Bewusstsein zu schaffen. Wenn ich beispielsweise ein Drehbuch lese, frage ich die Redaktion: Wieso sind denn der Arzt, der Nachbar und der Staatsanwalt alles Männer? Dann setzt ein Denkprozess ein, ob nicht auch zwei der Figuren Frauen sein könnten. Eigentlich ist das immer eine Bereicherung. Es ist einfach eine Gewohnheit, und die muss man brechen. 

Aber im Theater gibt es doch auch mehr Männerrollen!
In fast jedem Stück gibt es mehr Männerrollen. Die Frauen sind häufig Mörderinnen oder die absoluten Opfer oder einfach nur Sex-Symbole. Bei «Hedda Gabler» ist das natürlich anders – überhaupt bei Ibsen. Er ist mein Lieblingsautor. Mit Ibsens «Die Frau vom Meer» bin ich Vorsprechen an die Schauspielschule gegangen. Die Kommission fand das ein bisschen komisch, da ich erst 22 Jahre alt war.