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Musik aus dem verlorenen Paradies

Bruno Mars räumt bei der Grammy-Verleihung ab

Mann, wie konntet Ihr? Wieso ausgerechnet der? Die Grammy-Juroren handelten sich jede Menge Genörgel ein, als sie Bruno Mars sage und schreibe sechs – ja 6! – Auszeichnungen ans Glitzerrevers hefteten und damit einen Neo-Retro-Funky auf den Thron der Musikbranche beförderten – an durchaus innovationstüchtigeren Buddies vorbei. So geschehen am 28. Januar in New York, wo der musikindustrielle Oscar nach 15 Jahren im kalifornischen Exil erstmals wieder verliehen wurde. Angetan mit beerenfarbenem Pailletten-Zipper, Silberklunkern und Pilotenbrille spurtete Mars ein ums andere Mal auf die Bühne des Madison Square Garden, um das halbe Dutzend Trophäen abzuräumen: für «24K Magic»,  das Album des Jahres, mit dem er gleich noch Lied, Single, zwei Mal Bestleistung in der Kategorie «Rhythm & Blues» und die Siegerproduktion der Saison geliefert hatte. Noch Fragen?

Allerdings. Etliche Journalisten kamen mit Marsʼ Triumph nicht klar, in den social media-Kanälen schwappten Jubelwellen, aber auch Wogen des Zorns empor. Woher der Frust? Das Problem ist, dass der Mann weder political correctness noch Provokationsgelüste bedient, weder Aggro-Schick noch progressiven Elan verbreitet. Stattdessen zaubert er den Leuten ein sattes Grinsen ins Gesicht, manische Tanzlust in die Beine, und verdient damit auch noch eine Stange Geld. Als Sänger, Songwriter, Produzent und Performer versteht er sich aufs Gute-Laune-Machen, jedes seiner Produkte entknittert neben dem miesepetrigen Alltagsgesicht auch die tieferen Falten auf der Seele. Was ihm den Vorwurf einträgt, nichts als ein musikalischer Glatt- und Plattbügler zu sein.

Ganz klar, man kann an der samtigen Oberfläche Mars´scher Balladen kleben bleiben, seine Soul-Rap-Cocktails süffig runterkippen und den ganzen Typ als simplen Remix betrachten: als Verschnitt aus Michael Jackson, Stevie Wonder und Lionel Ritchie, final veredelt mit dem räudig charmanten Machismo der Hip-Hop-Szene. Bruno Mars alias Peter Gene Hernandez ist schließlich ein echtes Multikulti-Gewächs, ein Kind der 1980er-Jahre, die den schwarzen Pop an die Spitze der Charts katapultierten. Seine Mutter stammt von den Philippinen, der im Judentum verwurzelte Vater aus Puerto Rico, Mars selbst wurde 1985 in Honolulu geboren – mitten hinein in eine ebenso vielköpfige wie finanziell schlecht gestellte Familie. Und mitten hinein in jenen Umbruch, der die Nachkriegsära von der Postmoderne trennt.

Zur Erinnerung: Im Weißen Haus residierte damals als Staatsschauspieler Ronald Reagan, im Kreml schob Michail Gorbatschow ein Reform-Karussell an, das nie so richtig in Schwung kam. Der seit den Siebzigern so freizügige Westen ließ derweil ein paar Hippie-Schlagbäume runter und trug den hedonistischen Lifestyle zu Grabe: AIDS hatte der Sexualität ein Krankheits-Korsett verpasst, das nicht einmal Diskurs-Apostel wie Michel Foucault und Judith Butler als kulturelles Konstrukt brandmarken konnten. Und schließlich pustete die Atom-Katastrophe von Tschernobyl dem fortschrittsgläubigen 20. Jahrhundert das Licht aus. 1986 verlor die Welt endgültig ihre Unschuld, der havarierte Reaktor wurde zum Menetekel. Kaum ein Jahr später warf Michael Jackson mit «Bad» die Hymne der globalen Desillusionierung auf den Markt. 

So weit, so schlecht. Dann aber fiel die Mauer, kollabierte das Sowjetreich. Und so lief die letzte Dekade vor der Jahrtausendwende zu erstaunlicher Form auf, brachte Börsenboom, Supermodels und eine internationale Glam-Fraktion hervor, deren Hausgott Gianni Versace hieß und die Luxuskörper mit Goldstoff behängte.

Genau da hakt Bruno Mars ein, wenn er mit seinem softschnulzigen «Versace on the Floor» schamlos die Erotiknerven kitzelt – ohne je in die «explicit»-Zone zu geraten. Ein Plexiglas-Flügel, reichlich Kitsch und Kostüm – fertig ist der Clip, auf dem sich eine minibekleidete Blondine räkelt, als sei der Feminismus eine Fata Morgana und #MeToo vielleicht nur der Markenname einer besonders delikaten Praline. Überhaupt ist das preisgekrönte «24K Magic»-Album eine Hommage an hellere Zeiten, zugleich huldigt es den Hochkarätern aus dem Sound-Atelier namens Motown, das einst Stars in Serie produzierte.

Mars also lässt all die verlorenen Paradiese noch einmal aufploppen, in denen bis zum Umfallen getanzt, geflirtet, gevögelt wurde. Nur tut er das hübsch diskret, indem er Ton und Text stets mit einem Quäntchen Ironie präpariert. Das gilt erst recht für die Videos: Wenn der Lockenkopf in «Uptown Funk» (2014) samt Kumpel-Crew unter der Trockenhaube schmort, zieht das nicht nur sämtliche Tuckenklischees durch den Kakao, sondern ebenso die upper class ladies und Provinztussen, die auf Dessous von Victoria´s Secret abonniert sind. In Wahrheit existieren Männer doch nur als Macker, und Frauen als stilettobewaffnete Bitches – so jedenfalls der Eindruck beim Eintritt in den Bruno-Mars-Orbit. Aber sobald der Boss mit Hüften und Hintern wedelt, zieht ein Bewegungsorkan auf, der sämtliche Purismen und Puritanismen hinweg fegt.

Denn Bruno Mars ist nicht zuletzt der beste Eintänzer seit John Travolta – (fast) keinem Exzess abgeneigt, noch nicht mal dem des schlechten Geschmacks. Deshalb ist der Mann eine Superdroge, ein Antidepressivum der Extraklasse. Wer nach der Einnahme den Allerwertesten nicht hochkriegt, ist mutmaßlich schon ein Fall für den Bestatter.

Von Dorion Weickmann