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Außenseiterin

Die Schauspielerin Linn Reusse

Es ist auffällig, wie oft Linn Reusse in dieser Konstellation besetzt wird: gleich bei ihrer ersten Rolle auf der Großen Bühne des DT, 2016, als sehbehinderte Laura in Stephan Kimmigs Inszenierung von Tennessee Williams’ «Glasmenagerie», die sich mit Glastieren und echten Hühnern aus ihrer Isolation träumt und mit ungelenken Tänzen davontreiben lässt. Fünf Jahre später, wieder bei Kimmig, hat die erblindende Hedwig auch so ein Ersatzglückstier, die titelgebende «Wildente» in Ibsens Stück. Linn Reusse nickt. Ja, die Rolle der Außenseiterin ist ihr «sehr vertraut»: «Ich war eine ziemliche Außenseiterin als Kind. Aber ich war glücklich. Ich war gern allein, hab’ gebastelt und geträumt. Aber als dann die Oberstufe losging, hab ich extrem darunter gelitten. Ich kam nicht an, ich fand nicht meine Leute.» Stattdessen beginnt sie früh, als Synchronsprecherin zu arbeiten, und als 13-Jährige wird das traumverlorene Kind auf einem Flohmarkt angesprochen: Könnte sie sich vorstellen, in einem Kurzfilm zu spielen? Sie kann es sich vorstellen.

Nach der Erfahrung im Kurzfilm «Knoten im Teppich», der beklemmenden 17-minütigen Erzählung einer dysfunktionalen Familie, wo sie als Tochter Marie zum Überleben entschlossen die Verantwortung für alle übernimmt, sucht sie sich auf eigene Faust eine Agentin. Drei Wochen später kommt die Casting-Anfrage für die Titelrolle im Film «Die rote Zora». «Ich las das Buch und wusste: Das ist meine Rolle.» Die rote Zora, das ist die Außenseiterin, die in einer Jungsbande von lauter Außenseitern die Chefin ist. «Die Rolle der Zora, das war genau das, was ich gespürt habe: nicht dazugehören. Aber gleichzeitig war das jemand, die darin ihre Stärke findet, den Kampf sucht, nicht ausweicht. Und dann diese Bande – ich war immer ein Jungsmädchen. Das passte zu mir wie die Faust aufs Auge.» Es gibt 500 Bewerbungen, sie kommt in die letzte Runde – und bekommt eine Absage. Aber drei Monate später der Anruf: Die Regie hat gewechselt, der neue Regisseur Peter Kahane will sie. «So ein Glück!» Schon in diesem Film ist deutlich zu sehen, was heute ihre Rollen auf der Theaterbühne so unverwechselbar macht: ein Amalgam aus Fragilität und Widerstandskraft, das jederzeit kippen kann. 2008 kommt der Film ins Kino.

Dass sie nach dem Studium sofort ans DT kommt, ist «schon wieder so ein Glücksfall. Ich konnte hier von Anfang an meine Meinung sagen. Ich kann sagen, mit wem ich arbeiten möchte und mit wem nicht. Ich habe keinerlei Machtmissbrauch erlebt, nie, auch nicht mit denjenigen Regisseuren, die als sehr machohaft gelten. Wenn hier ein blöder Spruch kommt, dann gebe ich einen Spruch zurück. Das nimmt einem hier keiner übel. Man wird auch als junge Spielerin respektiert.» Gedanken macht sie sich nicht über den einsamen Machtmann an der Spitze, sondern über «die schweigende Gruppe. Wir müssen als Gruppe autark werden und füreinander einstehen. Wir müssen endlich aufhören, uns nur als Einzelkämpfer zu verstehen.»

Das gesamte Porträt von Barbara Burckhardt lesen Sie in der Januarausgabe von Theater heute