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Rezensionen

nach Thomas Mann: «Der Zauberberg» am Deutschen Theater Berlin

Dissoziation, Auflösung wohin man blickt: Das Nacheinander der verwendeten Texte ist ein wildes Schnipselwerk, in dem sich Raum und Zeit auflösen. Die Traumsequenzen aus dem «Schnee»-Kapitel, in dem sich Castorp in arkadischen Landschaften wähnt, wechseln mit Mord- und Hexenfantasien, mit Naturbeschreibungen und Reflexionen über den Unterschied von toter und lebendiger Materie zu Fragen des Lebens schlechthin – «Was ist der Körper?» – und Impressionen aus dem Röntgenlabor des Sanatoriums. Dazwischengeschnitten erscheint immer wieder Müller-Elmau mit zittrig-fiebernden Beschwörungen der immer brutaleren finalen Weltkriegsszene.

Die Schauspieler agieren durchweg auf hohem Energieniveau unterschiedlichster Mittel: schmerzverzerrte Gesichter, panische Auftritte, Verzweiflungsflüstern oder hypermechanischer Bewegungsirrsinn. Aber auch chorisch schweres Schreiten, semimilitärisches Gruppenturnen. Als dann in Minute 42 die Übertragung zusammenbricht, kann niemand wissen, ob aus Regiekalkül oder Wlan-Schwäche. Tatsächlich hatte YouTube wegen einer nicht ganz jugendfreien Szene kurz abgeregelt.

«Ich bin der Welt abhanden gekommen» – das leitmotivische Castorp-Zitat des in siebenjähriger Liegekur allen talweltlichen Dingen enthobenen Zeitflüchtlings – klingt plötzlich durch den Bilder- und Textsturm und beschreibt recht nüchtern und zutreffend die Zuschauerperspektive, als nach anderthalb Stunden des hochorganisierten Durcheinanders sich der Abend noch eine Spirale weiter dreht und hinterrücks thematisch weiter schärft. Manuel Harder und Elias Arens schminken sich ab, die Kamera fährt auf zwei Handtücher und eine Desinfektionsflasche, bis beide ins tödlich-absurde Duell zwischen Naphta und Settembrini springen, bei dem der eine in die Luft und der andere sich selbst in den Kopf schießt, während noch einmal die Kluft zwischen Materie und Nichtmaterie diskutiert wird. 

Schließlich sitzen die Schauspieler wie tot im Zuschauerraum, während Linda Pöppel mit tränenerstickter Stimme unter transparentem Gewand die großen Fragen des vorletzten Kapitels «Die große Gereiztheit» aufwirft: «Glaubst du an eine Wahrheit?», «Was ist Freiheit?», «Was Fortschritt?»

Die gesamte Rezension von Franz Wille lesen Sie in Theater heute 1/21