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«Gehen Sie nach Italien!»

Ein Gespräch mit dem Dirigenten Will Humburg

Als ich mein Diplomkonzert dirigierte, mit der ersten Symphonie von Johannes Brahms, war ich gerade mal 22 Jahre jung, agierte völlig übertrieben, vor allem bei einem accelerando, das ich im 3. Satz machte. Und zumal in der Brahms-Stadt Hamburg, waren einige Kommentare im Orchester dann auch entsprechend: «So geht das nicht!» Dohnányi kam nach dem Konzert in meine Garderobe und gratulierte mir. Ich war aber noch unsicher, ob ich für den Beruf des Dirigenten wirklich begabt genug wäre. Also fragte ich ihn. Dohnanyi gab eine für ihn typische Antwort: «Na ja, das war die schlechteste Erste von Brahms, die ich je gehört habe. Aber ich habe mich nicht gelangweilt.»

Nach einer Pause fuhr er fort: «Wissen Sie, Herr Humburg, bis Sie 30 sind, wird sich kein Mensch dafür interessieren, wie Sie ein Stück dirigieren. Man erwartet, dass Sie die Vorstellung irgendwie gut zu Ende bringen. Zwischen 30 und 40 werden Sie an der einen oder anderen Stelle wahrscheinlich mal einen eigenen Akzent setzen dürfen. Aber erst ab 40 wird man sich vielleicht dafür interessieren, wie Sie eine «Zauberflöte» oder eine «Salome» dirigieren. Vorher nicht.» Und dann gab er mir einen im Rückblick sehr guten Rat: «Gehen Sie nach Italien. So wie Sie dirigieren, werden Sie es in Deutschland am Anfang schwer haben. In Italien gibt es gutes Essen, da scheint die Sonne, dort sind die Menschen warmherziger und jungen Dirigenten gegenüber aufgeschlossener.» Und genau so war es auch.

Sie waren ab 2009 Chefdirigent und sogar Künstlerischer Direktor des Teatro Massimo Bellini in Catania. Wieso sind Sie nicht unter den blühenden Zitronenbäumen geblieben?
Das war auf Dauer schlichtweg unmöglich. Sie können sich nicht vorstellen, was für ein organisatorisches Chaos dort herrschte.

Wie war die musikalische Qualität dort? 
Das Orchester in Catania war, im europäischen Vergleich, richtig gut, und die künstlerische Moral war bei den Musikern hoch. Wir haben zum Beispiel eine grandiose «Elektra», aber auch eine unglaublich gute Neunte Mahler und Neunte Bruckner miteinander gemacht. Aber man hatte stets nicht mit einer, sondern mit sechs verschiedenen Gewerkschaften zu verhandeln. Und manchmal machte mich die Mentalität einfach sprachlos: Ausgerechnet vor der Hauptprobe zu dieser «Elektra» kam der Solo-Cellist zu mir und sagte: «Maestro, ich kann erst eine halbe Stunde später zur Hauptprobe erscheinen. Ich muss meine Mutter vom Flughafen abholen.» Als ich ihn darauf hinwies, seine Frau könne das doch vielleicht machen, antwortete er: «Aber die muss doch arbeiten!»

Das gesamte Gespräch mit Will Humburg von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 1/21