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Rezensionen 4. Januar

Lübeck: Jules Massenet «Werther»

Am 11., 19. Januar, 10. Februar

Er war der Marktführer im Opernbetrieb der Belle Époque. Die Häuser rissen sich um seine Stücke. Denn Jules Massenet hatte ein feines Gespür für die unlauteren Seh(n)süchte der Bourgeoisie – für eben jene von der Konvention eingehegte Lust auf emotional-erotische Verausgabung, die das Paradies verheißt, doch meist ins Verderben führt. Mit der 1884 an der Opéra Comique uraufgeführten «Manon» hatte er das Bedürfnis nach klangvoll-wohligen Gefühlsschauern exemplarisch bedient – und so die Nachfrage gehörig angeheizt. Massenet reagierte mit der Verarbeitung eines Stoffes, der wegen seiner teutonischen Herkunft zwar nicht sofort einschlug – die (deutschsprachige)  Premiere fand 1892 in Wien statt, ein Jahr vor der Pariser Erstaufführung der französischen Originalfassung –, der Vorliebe des saturierten Bürgertums für den Kitzel kompromissloser, ja todseliger Entäußerung aber doch entsprach: mit einem Vierakter nach Goethes «Leiden des jungen Werther».

Das von Edouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann verfasste Libretto hat mit der Vorlage freilich nur noch entfernt zu tun: Die Gewichte sind im Interesse griffiger Bühnenaktion verschoben – vom inneren Erleben des tragischen Helden zum äußeren Drama einer liaison dangereuse. Womit Charlotte, das unerreichbare Objekt des Begehrens, und ihre scheinbar gesicherte Lebenswelt ins Zentrum des Geschehens rücken. Als kitschverdächtiges, stimmenverliebtes Rührstück aus der französischen Gründerzeit oder den Cinemascope-verträumten 1950er-Jahren wird «Werther» gern gegeben, als konfektionierter Sturm und Drang, der von der in Irrungen, Wirrungen gewonnen Ich-Werdung einer jungen Frau erzählt. Sandra Leupold geht am Theater Lübeck nun den umgekehrten Weg: Sie koppelt Massenet konsequent zurück an Goethe, die Perspektive des Briefromans von 1774. Und bringt uns gerade in dieser Entrückung einen Befund nahe, den man im Jargon der Leidenschaft leicht überhört: die ungeheuerliche Einsamkeit der Figuren.

Mit ihrer auf das Nötigste reduzierten, hochverdichteten Inszenierung in einem von transparenten Folien begrenzten leeren Kastenraum (Bühne: Hanna Zimmermann) setzt Leupold wieder die Erzählperspektive des Originals in Kraft: Das Geschehen bleibt ausnahmslos an die Wahrnehmung, die Fantasie Werthers gebunden. Er öffnet und schließt den eisernen Vorhang zwischen den Szenen, spielt in einer imaginierten, auf Menschenmaß vergrößerten Puppenstube Delirien durch, die eher von den Nöten eines Narzissten als von unerfüllter Liebe künden. Er ist stets gegenwärtig, als Autor und Protagonist, als Akteur und Beobachter. Charlotte, ihr Gatte Albert und der Vater treten – wie auch die Kinder und alle anderen Passanten seines in sich kreisenden Leids – aus einer Art Jenseits auf die mentale Bühne, das irgendwo hinter der milchig verhangenen Box liegt, um dorthin auch wieder zu verschwinden. Im Übergang friert die Bewegung beinahe ein, staut sich die Zeit.

Jochen Hochfeld hat das Werther-Personal zeichenhaft eingekleidet, in stilisierter Anspielung auf frühromantische Modelle: senfgelbe Kniehose, taubenblaues Gilet, leger geknotete Halsbinde für den Titelhelden; Charlotte trägt ein weißes Kamisol, hochgeschlossen, der Rock ist mit Blumen, Vögeln, Schmetterlingen bedruckt, darüber bauscht sich ein Stück Robe in Altrosa, das Luxus und Moden in den Salons des Fin de Siècle aufruft; Sophie trägt Zopf, Schürze und blaue Bluse, weiß gepunktet und mit Spitze. Status und Rollen in dem sozialen Kosmos, gegen den Werther aufbegehrt, sind durchweg präzise markiert. Die Schauplätze – des Amtmanns Heim, Dorfplatz, Kirche und Pfarrhaus, Schänke, Alberts Salon und Werthers Stube – sind nur aus Licht gebaut (Falk Hampel). Ein leuchtendes Rechteck oder ein Spot am Boden reichen völlig aus, um den Blick in diesem mitunter nebeltrüb fluoreszierenden, quasi eingeschweißten Labor zu orientieren.

Was hier, gleichsam aus dem Geist Adolphe Appias, bis zum letzten Detail gelingt, ist eine inszenatorische Arte Povera, die das Ohr weit öffnet für die Finessen eines drame lyrique, dessen klangliche Farbpalette mehr auf (den Massenet-Bewunderer) Debussy weist als auf melodramatische Effektmusik. Manfred Hermann Lehner, erster Kapellmeister in dem Jugendstil-Haus an der Beckergrube, stellt mit dem Philharmonischen Orchester schon während des Prélude in luftiger Transparenz klar, dass die «Werther»-Partitur nicht ein Potpourri schöner Düfte im Dienste des kommerziellen Erfolgs, sondern filigrane Ausdruckskunst ist. Das Orchester trifft, etwa im «Claire de lune»-Zwischenspiel, die elegischen Pastelltöne, aber ebenso die Sphäre walzerseligen, trillerverzierten Frohsinns, den Emma McNairys Sophie mustergültig, mit kecker Agilität verkörpert. Die wunderzarte piano-Kultur der Streicher gibt der Briefszene impressionistisches Flair, organisch eingebunden sind die Einlagen der Solo-Instrumente, zumal des Altsaxofons, das wie Trauerflor Charlottes «Va! Laisse couler mes larmes» rahmt. Wioletta Hebrowska schenkt nicht nur dieser Air eine zauberhaft von innen strahlende Melancholie, sie ist – vokal – überhaupt der (immer wieder verschattete) Stern, der hier alle überstrahlt. Selbst den formidablen, gutmütigen Albert-Bariton Johan Hyunbong Chois. Der aus Kiel «ausgeliehene» Tenor Yoonki Baek freilich, optisch ein jugendlich frischer Künstlertyp, klingt als Werther über weite Strecken, vor allem in den Ausbrüchen, angestrengt, er dunkelt den Klang künstlich ein, drückt die Spitzentöne, verengt die Vokale. Noch im Schlussduett («Ah! Ses yeux se ferment»), Massenets Antwort auf Wagners Liebestod, mit erlöschender Stimme zu singen, stößt Baek an Grenzen.

Sandra Leupold lässt Werther und Charlotte die letzten Worte quasi konzertant vortragen: stehend, getrennt, dem Publikum zugewandt, die Hand, symbolisch zur Waffe geformt, an der Schläfe. Bis es am Ende, nach dem finalen Kinderjubel zum bevorstehenden Weihnachtsfest, doch noch knallt. Bumm. Blackout. Mit dem von Massenet nach Goethe in die Welt gesetzten Narziss verschwindet auch die Bühne, die dieser sich als Spiegel seiner selbst geschaffen hat. Eine aufregende, brillant gearbeitete Produktion, die am zweiten Abend leider nur mäßig besucht war.

Albrecht Thiemann

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