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Rezensionen 4. Januar

Foto: Alex Spichale

Stuttgart: «Mosaico»

Vom 10.–13., 16.–20. Januar im Theaterhaus

Wenn Brigitta Luisa Merki choreografiert, entsteht ein Teppich, so farbenfroh wie ein anatolischer Kelim, so fein und präzise geknüpft wie ein Seidenteppich und so erdnah wie der Granitplatten-Sitzplatz in Herrn und Frau Schweizers Garten. Es scheint darum obsolet, dass sie ihr zweitletztes Stück «Mosaico» nennt. Mosaike sind sie eigentlich alle. Hier aber hat die Aargauer Choreografin einen jungen Kollegen herbeigeholt, David Coria aus Sevilla, Flamenco-Choreograf wie sie. Und beide Choreografien fügen sich in der Alten Reithalle in Aarau mit dem Flamenco und der Musik des Orchesters Chaarts zu eben diesem Mosaik, das dem Tanz den Namen gibt. 

Im Mittelpunkt des ersten Teils steht der «Bolero», den Brigitta Luisa Merki bereits 2017 für «tanz&kunst königsfelden» geschaffen und nun mit ihrer Kompanie Flamencos en route überarbeitet hat. Da gibt es kein Vortanzen, kein Umringen, keinen Verführungstanz, dafür eine Gruppe von Frauen und Männern, welche die Faust in die Höhe strecken und von da aufs Herz klopfen, zum Klacken der Absätze. Dieser «Boléro» ist ein Tanz der Wut und des Schmerzes, gebrochen in sanften Begegnungen und Berührungen. Ein starkes Stück, das wie Ravels Komposition von der Wiederholung lebt. Und das hier noch stärker wirkt als damals in Königsfelden, weil die Kostüme einfacher gehalten sind. Wie damals wurde Ravels «Boléro» auch in Aarau live gespielt vom jungen Aargauer Musikensemble Chaarts. Das ist ein Luxus, der kaum auf Tournee mitgenommen werden kann, den aber Brigitta Luisa Merki den Aarauern als Geschenk geben wollte. Diese hatten sich im Juni in einer Abstimmung zu über 60 Prozent für den Umbau der ehemaligen Reithalle der Schweizer Armee in ein Kulturhaus für das Sinfonieorchester Argovia Philharmonic, für Theaterund Tanzvorstellungen sowie zeitgenössischen Zirkus ausgesprochen. Kostenpunkt 20,45 Millionen Schweizer Franken. Flamencos en route hat in den Jahren der Zwischennutzung das Haus regelmäßig bespielt. 

Und welches Fest! Dieses Mosaik aus verschiedenen Flamenco-, Tanz- und Musikstilen erscheint wie die Essenz von über 30 Jahren erfolgreicher Arbeit. Dazu gehört die Musik des ehemaligen musikalischen Leiters der Kompanie, Antonio Robledo, zu dessen «canto amor» Merki im ersten Teil neben Ravels «Boléro» tanzen lässt. Dazu gehört die dunkle Stimme der langjährigen Flamencos en route-Sängerin Karima Nayt, die dem Flamenco maghrebinische Klänge entgegensetzt. Dazu gehört auch die Förderung junger Künstler wie David Coria. Sehr schön, wie er die Gruppen führt und strukturiert. Die rasenden Wechsel geben der Choreografie junges zeitgenössisches Flair, ebenso das Spiel zwischen Virtuosität und Langsamkeit. Besonders witzig ist jene Szene, in der die Tänzerinnen sitzend mit Füßen und Händen den Rhythmus schlagen. Es ist zu hoffen, dass wir von dem Choreografen noch mehr zu sehen bekommen.
Lilo Weber

www.theaterhaus.com