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Rezensionen 4. Januar

Foto: Tommy Hetzel

Köln: Elfriede Jelinek «Schnee Weiß (die Erfindung der alten Leier)»

Am 12., 13., 31. Januar, 3., 20., 21 Februar

Vollendeten Lektürespaß, gibt der Kölner Intendant Stefan Bachmann in einem Gespräch mit «Deutschlandfunk Kultur» zu Protokoll, hatte er bei «Schnee Weiß (Die Erfindung der alten Leier)» nicht. «Das Lesen von Jelinek-Stücken hat fast was von Folter», gestand er im Vorfeld seiner Ur-Inszenierung der jüngsten Literaturnobelpreisträgerinnen-Textfläche sympathisch freimütig. «Im stillen Kämmerlein», so Bachmann weiter, führten «diese unendlichen Assoziationsketten» bei ihm zu «großer Frustration und veritablen Wutanfällen». Im Probenraum, «zusammen mit Schauspielern», werde das «sofort sehr viel lustvoller und sinnlicher».

Sinnlich, im Sinne von bodenständig (und also konsequent), beginnt auch Bachmanns Inszenierung im Kölner Depot 2. Es ist eine Ballermann-Stimmung, in die man hier treffsicher geworfen wird; nur eben – von wegen «Schnee Weiß» – auf Österreichisch-Winterlich: Halsbrecherisch und in stilechter Skikleidung, die zu vorgerückter Stunde auch mal unansehnlichen Nackt-Fatsuits weicht, werfen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler Simon Kirsch, Lola Klamroth, Peter Knaack, Nikolay Sidorenko und Sabine Waibel eingangs von einem Kunst-Schneehang herunter. Jana Findeklee und Joki Tewes (Bühne und Kostüme) haben in puncto Bühne und Kostüme sozusagen ganze Immersionsarbeit geleistet.

Dazu dröhnen DJ Ötzi («Ein Stern, der deinen Namen trägt») und weitere musikalische Körperverletzungen aus den Boxen. Und wer hier – was angesichts der gefühlten Achtzig-Grad-Hangneigung eher die Regel als die Ausnahme ist – nach aufrechter Abfahrt unten in der Horizontalen ankommt, findet sich schnell in den buchstäblich nächstliegenden Kopulationschoreografien wieder. In diese Atmosphäre hinein fällt bald der erste große Jelineksche Erkenntnissatz: «Das ganze Unglück kommt vom Sport.»

Mit dem Ski-Ballermann hat Stefan Bachmann ein Bild gefunden, in dem die «unendlichen Assoziationsketten» des Textes in stimmiger Gegenständlichkeit zusammenschnurren. Ausgangspunkt von «Schnee Weiß» sind die systematischen sexuellen Übergriffe und (Macht-)Missbrauchsfälle im österreichischen Skisport, die bis in die 1970er Jahre zurückreichen und Ende 2017 von der ehemaligen österreichischen Abfahrtsmeisterin Nicola Werdenigg öffentlich gemacht wurden.

Und weil der Skisport in Österreich bekanntermaßen als «heilige Kuh» gilt, was die Ex-Sportlerin in ihren Enthüllungen auch noch einmal explizit hervorhob, hatte das Land damit seinen nationalen #MeToo-Skandal – und Elfriede Jelinek die erste ihrer sprachschlüpfrigen Assoziationsketten, in denen der Weg von der Kuh zum Skihasen bekanntlich auch mal kurz und plakativ ausfallen kann: «Geht drauf! Bleibt dran!», heißt es in dem 92-Seiter, den Bachmann in seiner Uraufführung konsistent zum Zweistünder verdichtet. «Die Kuh bei der Flanke fassen, wenn Sie sie sonst nirgends erwischen! Fang ein die Kühe und das Gold dazu! Silber oder Bronze gehen auch. Nur wir gehen nicht.»

Das geradezu atemberaubend authentische Unrechts-Unbewusstsein, mit dem die anschließende Leugnungs- und Vertuschungsrhetorik einhergeht, kennt Jelinek natürlich auch: «Vierzig Jahre ist es doch gutgegangen, dass man sich an dieser Frau vergangen hat», heißt es in ihrem gewohnt perspektivenreichen Textkonvolut. Also: «Was wollen Sie?» Von diesem Missbrauchs-, Kuh- und Tabu-Ski-Hügel aus führen tatsächlich unzählige Assoziationspisten in den Abgrund, wobei der Topos von der körperlichen Selbstoptimierungsabscheu, den man bereits aus Jelineks legendärem «Sportstück» kennt, in der mutmaßlich geradlinigsten Abschüssigkeit verläuft.

Unwegsamer – mithin interessanter – wird es an einem anderen Abgrund. Dort, wo Ballermann, Bigotterie und kollektiver Blindheitswille eine Atmosphäre erzeugen, in der (Missbrauchs-)Opfer selbst zu gefühlt Schuldigen werden und Jelinek also die heilige Wintersport-Kuh gleichsam mit der (österreichischen) Staatsreligion kurzschließt.

Sie greift zu diesem Zweck auf Oskar Panizzas antikatholische Satire «Das Liebeskonzil» aus dem Jahr 1894 zurück, in der ein abgewrackt-tatteriger Gottvater, ein debilitätsverdächtiger Christus und eine hartgesottene Maria aus Machtbehauptungsgründen die sündigen Erdbewohner via Teufelspakt wieder zur Räson zwingen. Das Drama beginnt mit einem (textlich von Jelinek aufgegriffenen) Missbrauchsopfer, das die von der eigenen Mutter initiierte Vergewaltigung durch seinen Schulrektor nicht überlebt hat und in Engelsgestalt seine Schuldgefühle rekapituliert. In «Schnee Weiß», dessen Untertitel von der «Erfindung der alten Leier» natürlich gleichermaßen die gesellschafts- wie die selbstkritische Lesart rechtfertigt, tritt als Panizza-Referenz etwa die Schauspielerin Margot Gödrös im Rollstuhl auf: Ein Apparatschik von patriarchalen Ungnaden mit punktgenau schnarrendem Funktionärstonfall, der das Jobprofil des Skiverbandschefs selbstverständlich mit dem des Gottvaters in eins setzt. Oder Jesus, dessen Kreuz bei Stefan Bachmann aus Skiern besteht und der in der angemessen marktstrategischen Performance von Peter Knaack erfolgreich sein Alleinstellungsmerkmal verteidigt: Wäre ja noch schöner, den exklusiven Opfer-Status preiszugeben; zumal für ein paar lausige Skihäschen.

Parallel zur textuellen Tiefenschürfung, die schichtweise, etwa mit Stichworthilfe Friedrich Nietzsches, unser kulturelles Selbst- beziehungsweise Moralverständnis freigräbt und – ganz nach dem textimmanenten Motto «Es ist nichts Neues dazugekommen, das Alte kommt immer öfter» – als patriarchal geprägtes zeigt, entbirgt sich der Ballermann-Hügel auch auf der Inszenierungsebene zusehends. Wobei Bachmann seiner Gegenständlichkeitsmethode treu bleibt: Irgendwann drehen die Bühnenakteure den Skihügel, und seine nackte, unbeschneite Rückseite gibt den Blick frei auf alles, was der gemeine Gesellschaftsstammtisch gern unter der «schnee-weißen» Puderzuckerdecke hält.

Eines der apartesten Ausstellungsstücke ist hier zweifellos «der Kopf», der – wir befinden uns jetzt auf der Jelinekschen Assoziationsspur hanebüchener Geschlechter-Mythen und ihrer Aushebelung – gleichsam als ganzkörperkastrierter Rest(männlichkeits)stumpf oder auch als «Kopftrophäe» in Gestalt von Simon Kirsch plötzlich kasperltheaterhaft aus einer Tischplatte hervorschießt, von Kollegin Waibel fürsorglich geseift und gewaschen, bei Bedarf aber auch einfach wieder in die Platte zurückgedrückt wird und der, neben vielem anderen, Abenteuerliches aus Freuds Abhandlungen über den Fetisch zum Besten gibt. Denn in lustig-unterhaltsamen Argumentationsverrenkungen leitet Freud ja eben auch den Fetischismus aus seinem Stammtopos her: der Mär von der weiblichen Kastration.

Jelinek verquirlt diesen Freudschen (Themen-)Komplex nun mit der anregenden Abhandlung «Über die Symbolik der Kopf-Trophäen» von der Freud-Patientin Marie Bonaparte, die ihrerseits abgetrennte Köpfe und weitere stolz-phallische Männlichkeitssymbole mit dem kulturhistorischen Loser-Image schlechthin, dem «gehörnten Ehemann», in Beziehung setzt. Weitere Assoziationsverästelungen wie diejenige zur blutigen Kopf-Jägerin Salome tun ihr Übriges, um Bewegung in klischierte Mann-Frau- sowie Täter-Opfer-Schemata zu bringen. Es ist die beste, weil (auch textlich) vielschichtigste Szene des Abends – wobei Originalquellenkenntnis unbedingt Verständnisvorteile schafft.

Dass die Autorin aktuell weder von ihren noch für ihre Geschlechtsgenossinnen übertrieben viel erwartet, zeigt der Schluss des Abends: Zwei Frauen erweisen sich als deprimierende Neuauflagen der «Bakchen» des Euripides, indem sie sich von Männern, die dem Vernehmen nach noch nicht mal über besonders dionysische Verführungskräfte verfügen, instrumentalisieren lassen und am Flughafen von Kuala Lumpur den Halbbruder des nordkoreanischen Präsidenten ermorden. Hinterher geben sie zu Protokoll, sich für Show-Acts eines TV-Formats à la «Verstehen Sie Spaß?» gehalten zu haben.

 

Christine Wahl

www.schauspiel.koeln/spielplan/monatsuebersicht/schnee-weiss/3036