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Rezensionen 28. Dezember

Foto: Matthias Horn

München: Fjodor Dostojewski «Der Spieler»

Am 3., 13., 19. Januar im Residenztheater

In einer Spielzeit, die der Frage «Was heißt spielen?» gewidmet ist, kommt man um Dostojewski kaum herum. Wer wüsste besser als ein jahrelang Spielsüchtiger, was es heißt, immer wieder am Abgrund zu stehen, alles zu riskieren und zu verlieren bis auf den buchstäblich letzten Heller, ja sogar das eigene noch ungeschriebene Werk zum Einsatz zu machen? Bei seinem zweiten Roman «Der Spieler» kulminieren Lebenssituation und Sujet zu einem aberwitzigen Countdown: In nur 26 Tagen und Nächten im Oktober 1866 diktiert Dostojewski der jungen Stenotypistin Anna Snitkina, die er wenig später zu seiner zweiten Frau macht, die geforderten zehn Druckbögen. Auf dem Spiel stand nicht nur seine finanzielle Existenz, sondern das Schicksal seines bisherigen und künftigen Werks, dessen Rechte er ein Jahr zuvor für ein Darlehen von 3.000 Rubel an den geschäftstüchtigen Verleger Stellowski verpfändet hatte, wenn er nicht zum Stichtag 1. November einen neuen Roman abliefere. Der Termin wurde, nicht zuletzt dank Annas hartnäckiger Tüchtigkeit, eingehalten, das Werk befreit und einige Jahre später gelang es Dostojewski sogar, seine Sucht endgültig hinter sich zu lassen.

Die Geschichte um den jungen Hauslehrer Alexej, der im Gefolge eines chronisch bankrotten Generals a.D. im fiktiven, aber doch deutlich an Wiesbaden erinnernden Casinostädtchen Roulettenburg sein Glück nicht in der Liebe und auch nur vorübergehend im Spiel findet, gehört vielleicht nicht zu den ganz großen polyphonen Meisterwerken Dostojewskis. Doch bietet die rasante und über weite Strecken dialogisch erzählte Absturzstory einiges an dramatischem Potenzial und zudem noch genügend Anklänge an einen modernen Kamikaze-Kapitalismus, um in letzter Zeit immer mal wieder den Weg auf die Bühne zu finden.

Andreas Kriegenburg, der am Münchner Residenztheater mit einer textreichen Drei-Stunden-Fassung antritt, ist an sich dafür bekannt, weder vor hemmungslosem Slapstick noch vor groß ausagierten Gefühlen zurückzuschrecken. Hier, wo er beides hätte zum Einsatz bringen dürfen, bleibt das Drehmoment seiner Inszenierung bei aller Opulenz eher zurückhaltend. Harald B. Thors ausgefeilte Bühnenkonstruktion lässt auf den ersten Blick an Pfahlbauten in einem philippinischen Slum über einer Müllhalde aus Sektflaschen und Luxuslabel-Einkaufstaschen denken und soll wohl einerseits die Abgründe des Hasards vor Augen führen, andererseits die Schauspieler wie Roulettekugeln in ständiger Bewegung halten.

Auf der erhöhten Plattform in der Mitte thront unter einem prunkvollen Kristalllüster ein Original-Roulettetisch mit professioneller Croupière, an dem von Statisten routiniert gezockt wird. Von diesem Epizentrum der Erregung führen sechs wacklige Holzstege nach außen zu schwebenden, mit Salonmöbeln, Balustrade oder Betten ausgestatteten Spielinseln, während sich das ganze Gebilde langsam und stetig um die eigene Achse dreht. Sportlich gesehen sind die Laufwege, die das Ensemble auf den Beinen dieser Monsterspinne absolvieren muss, um halbwegs im Sichtfeld des Publikums zu bleiben, eine beachtliche Kunstübung, die einerseits Dynamik erzeugt, gleichzeitig aber viel Konzentration bindet und mit der Zeit mehr Assoziationen an ein Hamster- als an ein Schicksalsrad wachruft.

Zu Beginn hecheln alle in einem cool swingenden Arrangement Mundpercussion vorn an der Rampe, doch bald dämpft sich die Erwartung. Irgendwie will einen diese von Andrea Schraad gediegen ausstaffierte Partygesellschaft mit ihren ausgestellten Nöten wenig angehen. Thomas Lettow gebührt alle Achtung, wie er sich mit andauerndem Schnellsprechfeuer durch wahre Textberge schaufelt. Trotzdem gewinnt sein Alexej dabei nichts nervlich Zerfranstes, sondern behält eine robust geerdete Beflissenheit, wenn er Thomas Loibls jovial kicherndem General zur Seite steht oder Lilith Häßle als lasziver Kindfrau Polina mit Lilith-Lockenmähne bescheiden den Hof macht.

Hier liegt die paradoxe Diskrepanz des Abends: Je mehr Kriegenburg investiert, umso weniger riskiert er. Er löst sich nie weit genug von der Vorlage, um neue Nähe zu den Figuren herzustellen, und bleibt zu sehr damit beschäftigt, den mitunter umständlichen Volten des Romans zu folgen, als hinter der gespielten Verzweiflung zu spielerischer Freiheit zu finden. Allein Charlotte Schwab bringt mit ihrem fulminanten Auftritt als angeblich sterbenskranke, aber plötzlich putzmunter in Roulettenburg aufkreuzende Erbtante, die anstatt für die Schulden der anderen aufzukommen nun ihrerseits mit kindlichem Trotz ihr Vermögen verprasst, eine Portion überschwänglicher Anarchie ins Spiel, um nach der Pause in ergreifenden Selbsthass zu verfallen. Warum der General sich dann doch nicht erschießt und Hanna Scheibes blasierte Madame Blanche noch ein halbes Dutzend Partykleider anprobieren muss, interessiert schon wieder weniger. So kann es auch mal im Casino gehen, ein langer Abend mit bescheidenem Gewinn.

Silvia Stammen

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