Inhalt

Rezensionen 18. Januar

Foto: Birgit Hupfeld

Bochum: nach de Sade «Philosophie im Boudoir»

Am 25., 26. Januar, 2., 9., 16. Februar im Schauspielhaus

Den Anfang macht eine Zirkusnummer: Eine Frau im märchenhaften Kinderkleid wird nur an den Haaren hängend aus der Versenkung in den Bühnenhimmel gezogen, dabei dreht sie sich wie tanzend um sich selbst. Wir sind, so scheint es, in einer Art Kinderbelustigung für Erwachsene. Sechs Gestalten, einheitlich grell geschminkt, kichern und lassen die Zungen kreisen. Seltsame Clowns in aufgedonnerten historisierend klerikalen Kostümen, weitschwingende Nonnenhauben, eine schwarze Bischofsmütze, ein schwarzer Blütenkranz, eine schwarze Strahlenkrone (Kostüme: Victoria Behr).

Was sie dann reden, ist nichts für Kinder (auch nichts für manche Erwachsene, die in der Premiere fluchtartig die Vorstellung verließen). De Sades «Philosophie im Boudoir» wurde 1794 im Gefängnis geschrieben. In den Dialogen geht es um die Einweisung der Klosterschülerin Eugénie in sexuelle Ausschweifungen aller Art. Das ist kaum zu lesen, geschweige denn auf die Bühne zu bringen. Aber Herbert Fritsch findet einen Weg: Die Lust wird lustig. Sein Humor macht die härteste Pornographie heiter und die blutigste Brutalität erträglich.

Nichts wird gezeigt, alles gesagt. Keine Figur verfestigt sich. Der Text flottiert frei zwischen den Sprechern. Die fünf Frauen und der eine Mann deuten keinen der vielen beschriebenen Geschlechtsakte auch nur an und verbreiten dennoch eine Atmosphäre akrobatischer, alberner Lüsternheit. Wenn zum Beispiel der junge Gärtner geholt wird, dessen mächtiges Glied die Frauen verbal bewundern, entsteigt auf der Bühne die Schauspielerin Jing Xiang dem blutroten Kasten, der das einzige Element auf der ansonsten spiegelnd schwarzen Bühne des Bochumer Schauspielhauses ist, als eine Art Heilige mit golden strahlender Monstranz auf dem Kopf, im weit ausgestellten, reich verzierten rosa Gewand.

Fritsch setzt immer auf Kontraste. Das Bild zeigt nie, was das Wort sagt. Und kontrastierend nutzt er auch die Musik. Otto Beatus sitzt vor der Bühne am Klavier und zerdehnt Arien und Chorpartien aus Bachs «Johannespassion», mischt Richard Claydermans Schmacht-Ballade unter. Am stärksten aber ist er, wenn er Svetlana Belesova begleitet, die eine der eingestreuten bösen Märchen aus de Sades «Justine & Juliette» rezitiert. Die Schauspielerin tanzt ekstatisch den Text vom geilen Menschenfresser («Ich esse, was ich gevögelt»). Beatus improvisiert am Klavier dazu, kommentierend, unterstreichend, vorwegnehmend, immer wortgenau, akurat jeder Bewegung der Schauspielerin antwortend: anthropophagisch-erotische Sexualmusik.

Die Philosophie kommt auch nicht zu kurz. Nach der Premiere wurde die Aufführung um eine halbe Stunde gekürzt (was ihr offensichtlich genutzt hat). Die zentralen Passagen blieben erhalten. Hier rechtfertigt sich die Inszenierung über die Lust an der verweigerten Provokation hinaus. Man erkennt die Extremformen aktueller Denkrichtungen: Biologismus (Die Natur mordet, deshalb dürfen auch wir), Neoliberalismus (Abbau von Sozialleistungen stärkt die Eigeninitiative der Armen), aufklärerischer Egoismus (Ist einem gedient, ist allen gedient), Relativismus (Was hier Verbrechen ist, ist dort Tugend) – so bunt durcheinandergewirbelt treibt de Sade jeden Gedanken bis an die Schmerzgrenze.

Frauenfeindlichkeit unter dem Mantel der Frauenemanzipation kann man de Sade vorwerfen, wenn er die Frauen auffordert, ihre Ketten zu zerreißen und sich ihrer Bestimmung als Rezeptakel männlicher Lust hinzugeben. Aber wenn fünf Schauspielerinnen in einer Inszenierung des Schauspieler-Regisseurs Herbert Fritsch im Chor fünf Mal wiederholen «Wir sind nicht kreativ!», wird auch die entschlossenste Feministin zugeben müssen, dass es sich um Ironie handelt. Als Eugénies Mutter die sexuelle Unterweisung stören will, wird sie von den versammelten Libertins vorne und hinten zugenäht. Dazu ziehen die lustmörderischen Damen und der eine Herr weiße Strumpfmasken über, sitzen traulich beisammen an der Rampe wie im Nähkränzchen und sprechen im hohen, zartesten Singsang. So wird die brutalste inzestuöse Quälerei zwar anhörbar, aber nicht weniger grausam und erschreckend. Dann schwebt von Himmel herab wieder die wundersame Dame mit dem stabilen Haar (Julia Myllykangas) im Zopfhang mit schöner Drehung. Ende der grausamen Märchenstunde.

Gerhard Preußer 

https://www.schauspielhausbochum.de/de/stuecke/189/die-philosophie-im-boudoir