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Rezensionen 18. Januar

Wuppertal: Verdi «Luisa Miller»

Am 27. Januar im Opernhaus

Sollten die Zuschauer im Teatro San Carlo am 8. Dezember 1849 ihre Konzentration ausnahmsweise auf die Bühne gerichtet haben und nicht nur auf die Garderobe der anwesenden Marquisen, dann muss sie schon die Ouvertüre zur «Luisa Miller» verstört haben. Mit wenigen musikalischen Strichen und der insistierenden Unentrinnbarkeit eines einzigen Themas schafft Giuseppe Verdi hier die Sphäre eines leidenschaftlichen Stürmens und Drängens, womit er den beschleunigten Herzschlag von Friedrich Schillers bürgerlichem Trauerspiel auf den Punkt bringt.

Nun wird man in einer Wuppertaler Repertoirevorstellung naturgemäß weniger durch kostbare Roben und Brillanten abgelenkt als im Neapel des 19. Jahrhunderts. Doch was schon zur Ouvertüre aus dem Graben dringt, zieht einen subito in den Bann. Julia Jones, die Musikchefin des Hauses, lässt erregt und doch mit chirurgischer Präzision musizieren; obwohl die Streicher mit Verdis Tonkaskaden überfordert sind, liegen die Nerven der Partitur blank, auch in den folgenden drei Akten, in denen eine Unrechtsgesellschaft ihrem Untergang entgegentaumelt. Die Sänger werden mit Schwung und Verstand, aber nie überdreht begleitet: Statt auf permanenten Hochdruck setzt Jones auf sezierende Klarheit, was Verdis aufmüpfigem Werk an der Schwelle zur Meisterschaft großartig bekommt.

Das Panorama der widerstreitenden Völker und Ideologien, wie es Verdi im ersten Geniestreich «Nabucco» entworfen hat, ist in «Luisa Miller» sozusagen implodiert. Im kleinen Maßstab eines Tiroler Dorfes tobt sich hier der Konflikt der Systeme aus: Das auf Mord gegründete Regime des Grafen Walter erdrückt brutal die bürgerliche Welt Luisas, ihren Anspruch auf Selbstverwirklichung und Entscheidungsfreiheit bei der Partnerwahl. Ironischerweise fühlt sich ausgerechnet Rodolfo, der Sohn des Grafen, von Luisa angezogen (was man durchaus politisch deuten kann) und legt damit Feuer an das Pulverfass. Letztlich gibt es für keine der beiden Sphären einen Ort der Sicherheit und gefestigten Identität, Verdi lässt hier jeden Lebensentwurf tragisch scheitern.

Die tschechische Regisseurin Barbora Horáková Joly, langjährige Mitarbeiterin von Calixto Bieito und Preisträgerin des Grazer Ring Award für junge Regie und Szenografie, hat die politischen Spannungen kurz vor der Französischen Revolution (Schiller) bzw. dem italienischen Risorgimento (Verdi) beiseitegelassen und sich eher auf Schillers Forderung nach der Erziehung und Identitätsbildung durchs Theater verlegt. Dabei hat sie zusammen mit dem Bühnenbildner Andrew Lieberman und dem Choreografen James Rosental einen ambitionierten Deutungsapparat entworfen, mit dem sie die psychologische Herkunft und Zersetzung der Figuren umkreist.

«Gesellschaft» erscheint hier als Horde grotesker, wesenloser Clownsmasken an einem wesenlosen Ort, bestehend aus weißen Wänden und dem Umriss eines Hauses – vermutlich das, was sich Vater und Tochter Miller von einer behüteten Existenz erträumen. Die klinisch weiße Gegenwart wird im Laufe des Abends jedoch immer mehr von Vergangenheit eingeholt und beschmutzt: Vier Tänzer und zwei Kinder (der Unschuldszustand von Luisa und Rodolfo) bemalen die Wände, bis sie aussehen wie Spritzbilder von Jackson Pollock.

So werden Kindheit und Zukunftsglaube allmählich verschmiert, und die schwarze Farbe liefert der Erzbösewicht Graf Walter, der ein sadistisches Vergnügen daran findet, Menschen in Ölfässer zu stecken und zu entsorgen. Das ist ziemlich schräg erdacht, funktioniert auch nicht immer, erzeugt aber etliche spannende Momente, etwa wenn Rodolfo die Giftampulle für den gemeinsamen Tod mit Luisa aus einem zerfetzten Teddybären, der zerstörten Kindheit, herauswühlt. Leider geraten die Tanz-, Mal- und Kerzenrituale des Bewegungsensembles am Ende doch sehr voraussehbar und dominant, während die Sänger von der Regie zunehmend allein gelassen werden. Anregend und poetisch ist Horákovás Ansatz allemal.

Ungetrübte Freude bereitet das klug zusammengestellte Ensemble, das die hohen Anforderungen der Partitur fantastisch meistert: Izabela Matula, eine kraftvolle, jugendlich aufbegehrende Luisa mit vielen, auch lyrischen Farben, der mexikanische Tenor Rodrigo Porras Garulo als markanter Rodolfo, der nie narzisstisch auftrumpft, sondern Gespür für dramatischen Aufbau besitzt. Michael Tews ist als Intrigant Wurm vor allem darstellerisch präsent, Anton Keremidtchiev lässt als Miller seinen klangvollen Bariton zuweilen allzu voluminös tönen, während Sebastian Campione als Conte di Walter fehlende Schwärze durch Espressivo wettmacht. Zusammen mit dem vollen Mezzo Nana Dzidziguris als Federica steht hier ein formidables Verdi-Ensemble auf der Bühne, dem man auch an einem normalen Samstag in Wuppertal ein volles Haus gewünscht hätte.

Michael Struck-Schloen

https://www.oper-wuppertal.de/oper/spielplan/detailansicht-auffuehrung/?tx_wbfe_pi1%5Bperformance%5D=2124