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Rezensionen 11. Januar

Foto: Nils Klinger

Kassel: Wilke Weermann «Odem»

Am 11., 13. Januar, 4., 23. Februar im tif

Was wissen wir von dem, was wir erfinden? Was wissen wir über Alexa und Siri, über Sex-Bots und Reborn-Babies, über Pygmalions Venus und Frankensteins Monster? Woher wissen wir, dass sie, mit denen wir so viele Affekte und Wünsche verbinden, denen wir uns so zeitintensiv und zugewandt widmen, selbst keine Gefühle haben, kein Bewusstsein? In seiner Uraufführung «Odem» am Staatstheater Kassel dreht der junge Autor und Regisseur Wilke Weermann (Jahrgang 1992) den Spieß um. Denn seine Protagonisten sind drei Androiden, die durch eine romantische künstliche Welt wandeln, umgetrieben von Einsamkeit und Sehnsucht. So untergräbt «Odem» hartnäckig die Grenzen zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz.

Schwerer Nebel wabert am Boden, die Bühne ist eine zweidimensionale bildhafte Landschaft: Wie ausgeschnitten stehen rote Silhouetten kahler Bäume und schiefer Kreuze, dahinter die ebenfalls rote Ruine einer Abtei mit gotischen Tür- und Fensterbögen (Bühne und Kostüm: Josa Marx). Hier lebt eine Nonne mit drei Androiden, die sich anfangs wie Gespenster aus dem Nebel erheben, um mit kantigen Bewegungen Gartenarbeiten zu verrichten, während die Nonne (Lona Culmer-Schellbach) mit einem paraphrasierten Song von «The Wiz» über die Tragweite von Gefühlen räsoniert: «What would I do if they could suddenly feel?» 

Als wolle sie sich schlafen legen, schlüpft sie schließlich in einen weißen Leichensack. Mit sto­ischer Keckheit zieht Android MB91 (Marius Bistritzky) immer wieder den Reißverschluss auf. Zunehmend missmutig rappelt sich die Nonne Mal um Mal auf, beißt schließlich in einen vergifteten Apfel und stirbt, schneewittchengleich. Und der Tod der Einen wird zur Ermächtigung der Anderen: Nun sind die Androiden unter sich, die pittoreske, einem Gemälde von Caspar David Friedrich nachempfundene Bühnenlandschaft wird ihr Reich, in dem sie fortan mit einer gewissen Spieluhrenhaftigkeit wandeln – tragen sie doch alle schwarzweiße, ebenfalls romantisch angetupfte Kostüme, wogende Kleider und Rüschenhemden.

In einer verweisreichen Montage aus Eigen- und Fremdtexten fragt Wilke Weermann, was die Maschine vom Menschen unterscheidet. Wo beginnt das Menschliche, und wo endet es? Erzählt wird beispielsweise von dem britischen Mathematiker Alan Turing, einem Pionier der Informatik, der den heute omnipräsenten Turing-Test erfand, um das Verhalten von Menschen und KI zu unterscheiden. Und damit die Leitfrage des Abends ausgibt: «Können wir das für einen Menschen halten?» «Odem» erweitert die aktuelle Diskussion um Ein- und Ausschlussmechanismen unserer Gesellschaft und führt sie fort: Können wir Homosexuelle wie Turing, können wir Postmigranten, Frauen und Kinder, Siri und Alexa für Menschen halten? Kurzweilig und anregend, mit erzählerischer Leichtigkeit und Souveränität bringt Wilke Weermann die Geister, die wir riefen, zum Tanzen und mit ihnen die scheinbar so geordneten Verhältnisse.

Esther Boldt

www.staatstheater-kassel.de/schauspiel/premieren/odem/