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Rezensionen 11. Januar

Foto: Anna Kolata

Halle: Michal Sedláček «#bizarr»

Am 13., 19., 23., 26. Januar in der Raumbühne Babylon

Der Ausgangspunkt – daran lässt schon der Beginn keinen Zweifel – ist das Barock. Die zwanzig Tänzer des Ballett Rossa der Oper Halle tragen rüschenreiche Kostüme, aufgetürmte Perücken – alles in strengem Schwarz und Weiß (Kostüme: Carla Caminati). Sie spazieren bereits während des Einlasses zu Vogelgezwitscher über den weißen Tanzboden der Raumbühne «Babylon», entworfen von Sebastian Hannak, während die Zuschauer in drei Etagen an den Seiten und im Parkett Platz nehmen. Die Raumbühne ist ein Einheitsbühnenbild für verschiedenste Produktionen des Hauses, und «#Bizarr», die zweite Choreografie des stellvertretenden Ballettdirektors Michal Sedláček, der Beitrag der Sparte zum Spielzeitauftakt.

Michal Sedláček greift nicht nur bei den Kostümen tief in die Barockkiste: Die Altmeister Johann Sebastian Bach und Johann Pachelbel stellen einen Großteil des Soundtracks, hinzu gesellt sich ein anderer Altmeister, nämlich Peter Gabriel, und musikalisch fügt sich das erstaunlicherweise zu einem runden Ganzen. Tänzerisch setzt Sedláček zunächst auf Massenszenen im Bühnenrund. Große ausgreifende Bewegungen mit individuellen Freiräumen für Tänzerinnen und Tänzer bestimmen das Bild. Wie Aufziehfiguren steuern sie in Formationen, die von allen Seiten gute Einblicke gewähren, über die Bühne. Die feingliedrige Musik unterstreicht den puppenhaften Bewegungsmodus.

Plötzlich ein Bruch. Von den beiden Leinwänden oberhalb der Bühne brüllt der MGM-Löwe, und merklich verschiebt sich der tänzerische Fokus, der bald an expressive Darbietungen aus den Hochzeiten des Stummfilms erinnert. In solcher Dialektik pendelt der neunzig Minuten lange Abend exkursartig um die barocken Eindrücke. Die inszenatorischen Brüche werden dabei zumeist von außen gesetzt, um etwa eine Perkussionsnummer mit Fässern oder einen Pas de deux mit hereingerolltem Klavierflügel wirken zu lassen.

Dramaturgisch gelingt es Sedláček, immer punktgenau den nächsten Impuls zu setzen, um das Rad noch einmal weiterzudrehen. So kommt es nach etwa einer Stunde zu einer massiven Realitätskonfrontation: Auf den Videowänden werden einige Tänzerinnen und Tänzer in Alltagsszenen vorgestellt, etwa beim Einkaufen oder im Café. Die Kunstfiguren reagieren konsterniert, und bald werden aus den barocken Kleidern farbenfrohe zeitgenössische Kostüme. Ein zweiter Effekt macht sich die Besonderheiten der Raumbühne zunutze. An Seiten- und Hauptbühne fällt der eiserne Vorhang und drittelt den Raum. Tänzer wie Zuschauer sind in Teilgruppen getrennt, es ergeben sich humorvoll-artistische Etüden zum Überwinden der Barriere. Am Ende dann bricht die Trennung von Kunst und Wirklichkeit endgültig zusammen, wenn die Ballettmitglieder sich bereits auf der Bühne abzuschminken beginnen. Kleine Gesten mit großer Wirkung als Kontrast zum barocken Anfang. 

Torben Ibs

https://buehnen-halle.de/bizarr