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Rezensionen 28. Januar

Zwickau: Annett Göhre «Arbeiten! Rausch! Gehirn zerschmettern!»

Am 25. Januar, 1., 10. Februar., 8. März im Malsaal

Max Pechstein, bedeutender Vertreter des Expressionismus, wurde 1881 in Zwickau geboren, er starb 1955 in Berlin. Die Kunstsammlungen der Stadt Zwickau verfügen über die größte Sammlung seiner Werke. Wie für viele Künstler des Expressionismus waren auch für ihn die Aufbrüche der Tanzmoderne und die überschäumende Wildheit des frühen Jazz wichtig. Unter dem Titel «Max Pechstein: Bühne, Parkett, Manege» wird das Zwickauer Museum im April eine große Sonderausstellung eröffnen, schon jetzt zeigt die Tanzkompanie der Theater Plauen-Zwickau ein theatralisches Pendant – Annett Göhres «Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!», dem ein Pechstein-Zitat den Titel gab. Annett Göhre lässt sich von biografischen Stationen anregen, die in Bilder der Bewegung übergehen. Drei Tänzer verkörpern Pechstein. Sie begegnen einander, kommunizieren und machen unterschiedliche Sicht- und Empfindungsweisen des Künstlers erfahrbar. Die Konstante ist der Freund, der Maler Alexander Gerbig. Dazu gesellt sich eine Symbolfigur – die Sehnsucht –, untermalt von Südseeklängen, die an Pechsteins prägende Reise zu den Palau-Inseln erinnern. 

Es werden keine Gemälde nachgestellt, es gibt auch keine Projektionen. Stattdessen zunächst Menschen, die wie Skulpturen wirken und im Zusammenklang mit der Musik Bewegungen aufnehmen – und Beziehungen. Das Berliner Nachtleben, das Pechstein anregte, spiegelt sich als Tanz zur Jazzmusik im blauen Dunst. Ein anderes Bild ist den Frauen gewidmet, Pechsteins erster und zweiter Frau, dazu kommt ein Mädchen, das sich in einen witzigen «Kuss-Pas de deux» verstrickt mit einem der drei Pechsteins.  

Viele Bilder von Pechstein wurden vernichtet, existieren nur noch als Fotografie. In der Zeit des Nationalsozialismus galt seine Malerei als «entartet». Göhre bezieht sich auf eines der verlorenen Kunstwerke, «Stürmische See», macht daraus ein Solo des einsamen Künstlers mit Momenten der Brechung, der Unsicherheit. Ein Mensch, dem der Boden unter den Füßen zu entgleiten scheint. Darüber laufen Projektionen mit aktuellen AfD-Zitaten, die eine Einschränkung der Kunstfreiheit fordern. 

Aber die Sehnsucht stirbt nicht. Wieder ertönen Südseeklänge, zuletzt dient ein Mix aus Max Reger und Bryan- Ferry als Folie für ein Terzett, das noch einmal die Facetten der Künstlerpersönlichkeit ausleuchtet. Das Publikum wird hier in surreale Räume gezogen, in die tänzerischen Bildassoziationen eines sensiblen Kammerspiels.

Boris Gruhl

www.theater-plauen-zwickau.de/ballett-premieren.php?id=1479