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Rezensionen 28. Dezember

Foto: Arno Declair

Hamburg: David Bowie / Enda Walsh «Lazarus»

Am 28., 29. Dezember, 13., 23., 24. Januar im Schauspielhaus

Das Jukebox-Musical hat als Genre nicht den besten Ruf. Im Grunde handelt es sich hier um Hitsammlungen längst verrenteter Popstars, um die eine mehr oder weniger passende Handlung gestrickt wird, und nur in Ausnahmefällen geht die dann als hemmungsloser Blödsinn und so halbwegs funktionierendes Entertainment durch. Meist aber sind Jukebox-Musicals Bauernfängerei, schlichte Gelddruckmaschinen ohne jeglichen künstlerischen Anspruch. Mehr oder weniger gelungene Beispiele sind Abbas «Mamma Mia» oder Udo Jürgens’ «Ich war noch niemals in New York», was schon andeutet, wie wenig solche Produktionen mit dem aktuellen Popgeschehen zu tun haben.

Formal ist auch David Bowies «Lazarus» so ein Fall: 13 alte Hits von «Life on Mars?» (1971) über «Heroes» (1977) bis «Absolute Beginners» (1986), plus vier neue Songs. Zusammengehalten wird das Ganze durch Dialoge aus der Feder des irischen Dramatikers Enda Walsh, die auf der Schlussphase des Science-Fiction-Films «The Man who fell to Earth» basieren, in dem Bowie 1976 selbst die Hauptrolle spielte: den Außerirdischen Newton, der auf der Suche nach Rettung für seinen von einer ökologischen Katastrophe zerstörten Heimatplaneten auf der Erde landet, hier so reich wie zynisch wird und schließlich erkennen muss, dass er nicht wieder in seine Heimat zurückkehren wird.

«Lazarus» zeigt einen Newton, der sich primär von Gin ernährt, sich der Seelenverwandtschaft zu seiner Assistentin Elly verweigert und seine Abscheu gegenüber der irdischen Lebensweise durch Dauerberieselung mit Junk-TV bestätigen lässt. Und nach und nach in einem Delirium versinkt, in dem ihn seine inneren Dämonen heimsuchen. Fröhliches Entertainment ist das schon mal nicht, sondern das Psychogramm einer gequälten Seele – was formal ein Jukebox-Musical ist, kommt auf der Inhalts­ebene deutlich dunkler daher. Wobei Bowie als Musiker ja ebenfalls in der Lage war, vordergründig leichtgängige Popmusik überraschend zu verschatten. Das Genre ist also gar nicht so unpassend gewählt.

Uraufgeführt wurde «Lazarus» im Dezember 2015 vom New York Theatre Workshop am Off-Broadway, wenige Wochen vor Bowies Krebstod. Seither wurde das Stück schon mehrfach nachgespielt, im deutschsprachigen Raum in Düsseldorf, Wien und Bremen. Aber auch wenn der Stoff erstens weit über die genreüb­liche Trivialebene hinausweist und zweitens nach einer klaren Regiehandschrift verlangt («Reicher Alien säuft sich besinnungslos und tut sich selbst leid» trägt als Story nicht besonders weit), schlägt das typische juristische Gebaren großer US-amerikanischer Theaterproduktionen hier voll durch. Heißt: Wer in Deutschland «Lazarus» spielen möchte, erkennt die Autorität der Uraufführungsinszenierung von Jim Nicola an und verzichtet auf radikale Neudeutungen oder Fremdtexte.

Dass am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ausgerechnet Falk Richter als «Lazarus»-Regisseur verpflichtet wurde, beruht angesichts dieser Beschränkungen wohl auf dem Missverständnis, dass einem Theatermacher, der sich für Popkultur interessiert, auch zugetraut wird, sich mit Popmusik auszukennen. Man will Richter nicht unterstellen, dass er das nicht tut, dennoch ist es eine kleine Demütigung, wenn ein Regisseur, der für das Schauspielhaus immerhin vorige Saison mit Elfriede Jelineks «Am Königsweg» die Inszenierung des Jahres verantwortete, hier schnöde ein fremdes künstlerisches Konzept exekutieren muss. Andererseits: Der Hamburger «Lazarus» gibt als Regieleistung zwar wenig her, allerdings zeigt er, wie gut Richter sein Handwerk beherrscht. Drehbühne (Kathrin Hoffmann), Musik (eine solide rockende Band unter Leitung des Gitarristen Alain Croubalian), Massenszenen und Video (Chris Kondek) jedenfalls fließen ineinander, dass es eine Lust ist.

Richter beweist sich hier also weniger als Künstler, sondern als jemand, der eine Stückmaschinerie tadellos arrangieren kann, und das ist natürlich auch was. Einzig der Mindfuck, den Newton vor dem flimmernden Fernseher erleidet, ist eine kleine Reminiszenz an «Am Königsweg», mit einander überlappenden Videos, deren Arrangement manchmal an Panels im Comicstrip erinnert und so eine Kakofonie aus Propaganda und Entertainment erzeugt. Allein: Bei der Jelinek-Inszenierung vor einem Jahr waren solche Bilder noch ein hochpolitischer Kommentar auf die Entertainment-Ästhetik rechtspopulistischer Symbolpolitik, hier sind sie vor allem schickes Ausstattungsaccessoire.

Allerdings ist Alexander Scheer als Newton eine Wucht: eine halb faszinierende, halb beängstigende Kopie des Siebzigerjahre-Bowie, blasiert, brüchig, drogenvernebelt. Was noch gesteigert wird durch die Tatsache, dass Scheer stimmlich ganz dicht an Bowies Bariton ist. Die gleichen bewusst übertriebenen Phrasierungen, die gleiche Ornamentik, das gleiche Kippen der Stimme in den Songhöhepunkten – man glaubt tatsächlich, den echten Bowie zu hören und zu sehen. Scheers Auftritt ist die in ihrer Selbstentäußerung faszinierende Mimikry einer Künstlerpersönlichkeit, gestützt durch die Band, die die Originalsongs passgenau reproduziert, ihnen aber wenig Eigenes zuzufügen weiß. Mit unter anderem zwei Keyboards, zwei Gitarren und einer Bläsersektion entsteht so ein satter, wuchtiger Rocksound, der sich vor allem auf den handfesten Bowie bezieht. Also nicht unbedingt der mit den raffiniertesten Songs. Stimmig ist das aber, das klagende Saxofon in «Lazarus», die jubelnden Chöre in «All the young Dudes». Greatest Hits.

Was bei dieser fulminanten Bowie-plus-Band-Performance ein wenig in den Hintergrund gerät, ist neben Regisseur Richter das restliche Ensemble. Solospieler wie Gala Othero Winter (als Marley) oder Tilman Strauß (als Nemesisfigur Valentine) geben ihre Auftritte als das, was sie in Wahrheit sind: Nummern in einer Revue, die zwar inhaltlich mehr Tiefgang behauptet als andere Musicals, deren assoziative Story bei Licht betrachtet aber immer nur die Überleitung zum nächsten Song darstellt. Und Yorck Dippe darf als alter Arbeitskollege des Helden zwar ganz kurz seine halb liebenswerte, halb beängstigende Verschrobenheit ausspielen, wird aber schnöde umgebracht, bevor die Rechteinhaber hier eine allzu eigenständige Darstellerleistung monieren. Einzig Julia Wieninger macht aus Assistentin Elly mehr als das Mittel zum Musicalzweck, röhrt «Changes» mit Mut zum Missklang, verheddert sich strippend aufs Reizendste in ihrem graumäusigen Kostüm und deutet im Zusammenspiel mit Strauß’ Valentine eine selbstzerstörerische Abgründigkeit an.

Im Spiel von Wieninger und Scheer spürt man, was aus «Lazarus» hätte werden können, hätte die Rechteabteilung des Schauspielhauses der Inszenierung mehr Freiheiten herausgehandelt: eine Hommage, die Bowies Songs ernst nimmt und dabei hinter der Pop-Performance eine weitere, überraschende Geschichte entdeckt. Dass Falk Richter so etwas beherrscht, steht außer Frage. Hier durfte er es allerdings nicht.

Falk Schreiber