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Rezensionen 28. Dezember

Frankfurt: Franz Lehár «Die lustige Witwe»

Am 29., 31. Dezember,  1., 6., 20. Januar

Seiner berühmten und extremen Frankfurter «Rosenkavalier»-Inszenierung (2016) hängte Claus Guth die Bleigewichte mannigfacher Vergänglichkeits- und Todeszeichen an. Wie würde er nun mit Franz Lehárs «Lustiger Witwe» umgehen? Zu vermuten war, dass es überhaupt nicht lustig würde, sondern womöglich noch viel düsterer. Die 1905 uraufgeführte Operette gilt ja nicht unbedingt als repräsentativ für eine Epoche praller Daseinsfreude; eher attestiert man ihrem tänzerischen Vulkanismus den Vorschein welthistorischer Katastrophennähe.

Guths Neuinterpretation bedeutet in manchem eine Überraschung. Die Aufführung oszilliert in virtuosen dialektischen Spiegelungen und Brechungen, zeigt sich leichtgewichtig und schwer, nimmt die Operette ernst und unernst zugleich, arbeitet zielsicher mit dem ständigen Umschlagen von Schein in (vermeintliche) Wirklichkeit, offenbart die intelligente Bodenlosigkeit einer trügerisch-stämmigen Amüsierdramaturgie. Eines tut sie beileibe nicht: das Werk als poliertes Schaustück eindimensionalen Ausstattungs-, Tanz- und Sangesprunks hinstellen. Weit weg also von Jerome Savary und Broadway. Und versehen mit einer unmissverständlichen leitmotivischen Metapher – dem an etlichen Nahtstellen die Handlung bedeutsam sistierenden Ticken eines Metronoms.

Hintersinn und Mehrbödigkeit gehören freilich schon zur Essenz des «Originals», zumindest des (trotz mancher Stilblüten ingeniösen) Librettos von Victor Léon und Leo Stein. Da darf gefeixt werden über die Exzesse des Patriotismus, auch wenn sie ein mickriges fiktives Ländchen Richtung Balkan betreffen. Da wird das Männlichkeitsgetue der besseren Herren nicht so sehr frech gefeiert als zwinkernd verhöhnt, und das verruchte Maxim gerät Graf Danilo, auf der Flucht vor der Liebe, zum Ort höllenmäßig schnöder Selbstverbannung. Krasse Cancan-Sinnlichkeit und vornehme Gesellschaftssphäre – zwei Seiten einer Medaille.

Obenhin betrachtet, hantiert Guth mit einem einfachen Trick. Er erzählt statt einer Geschichte deren zwei. Die Originalhandlung der «Lustigen Witwe»  arrangiert sich nach dem Muster «Theater auf dem Theater» als Abdrehen eines Films, gleichsam als riesiges Zitat. Dazwischen kann sich – die komplementäre Erzählschicht – als fortlaufender Subtext das Miteinander des Filmteams einnisten. Mit den Geschicken Hannas und Danilos korrespondiert die Liebesgeschichte von «Juri» und «Marlis» (so die Vornamen des Frankfurter Sängerpaars). Inszenatorische Ehrensache, dass deren erotische Beziehung am Schluss nicht im Triumph, sondern in Trübnis landet. Die beiden Ebenen werden so kunstvoll vermischt und verfugt, dass es niemals knirscht. Christian Schmidt beschäftigt ausgiebig die Drehbühne – den großen Chortableaus ist ein splendid ausgestatteter Festsaal samt Hinterbühne mit «pontevedrinischem» Wald vorbehalten; Solistenauftritte spielen gerne in einem Outdoor-Ambiente vermittelnden Hof mit Catering-Utensilien.

In der gestellten und «gefilmten» Operettenhandlung ergeben sich allerlei Momente denunziatorischer Energie, natürlich besonders bei den karikaturistisch aufgemotzten Paraden des die Diva umringenden Herrenkollektivs. Dekorative Revuechoreografie wird da witzig durch den Kakao maßloser Übertreibung gezogen – in beflissener Anbetung der Weiblichkeit mutieren Männer schier ins Hündische. Mit Pfiff bedient sich Guth immer wieder auch bewährter Slapstick-Scherze. Es gibt aber auch Passagen, in denen er das Verzauberungspotenzial der Situation unangetastet lässt, ja auf neue Art wunderbar zum Leuchten bringt. Schönstes Beispiel hierfür das Vilja-Lied. Es ist hier nicht bloß ein sentimentaler Heimwehfetzen inmitten chorisch-pontevedrinischer Nestwärme. Wie mit einer sanften Kamerabewegung führen die somnambulen Strophen in die Zweisamkeit einer nächtlichen Romanze im Hof und wieder zurück in den Gesellschaftssaal, selbst ein röhrender Hirsch in der Waldkulisse hätte die traumhaft-lyrische Stimmung nicht zerstören können. Kitsch wandelt sich unversehens in Kunst – ein Wunder der Überschreitung, das Guth an diesem glanzvollen Abend immer wieder gelingt.

Die Chöre (einstudiert von Tilman Michael) singen bald kultiviert, bald martialisch – wie es sein muss. Endlich wieder einmal kann sich auch eine veritable Balletttruppe (Choreografie: Ramses Sigl) entfalten. Kostümfrohes Balkanfeuer wird ungehemmt als Bilderbuchfolklore vorgeführt. Nicht weniger zünftig die kleiderstoffreich Stoffarmut simulierenden Cancan-Exzesse im Maxim. Und eine Sondernummer das von einer eigens zusammengestoppelten Orchestermixtur sekundierte «große Bühnenchaos» der gegen Schluss scheinbar aus dem Ruder laufenden Dreharbeiten. Nicht nur hier, sondern auch in allen anderen dramatischen oder lyrischen Stationen der äquilibristisch ineinander verschränkten Ereignisse wahrt die Dirigentin Joana Mallwitz kühlen Blick, sichere Hand und akkurat gezügelte Temperamentsausbrüche. Raffinierter Schabernack auch durch Umstellung und Platzierung von Musiknummern. Alle Rollen diesmal also Doppelrollen.

Jurii Samoilov gibt nicht nur den überlegen-weiberfressenden (wenn auch im Grunde herzensliebesbedürftigen) Filou, vielmehr auch den ein wenig angeschlagen durchs Leben taumelnden Künstler-Privatier (ausgestattet mit einem ungefährdet ansprechenden, in allen Schattierungen chevaleresken Bariton). Marlis Petersen, betörend vor allem in ihren zarteren vokalen Tönungen, streift in ihrer Garderobe sofort jeglichen Glawari-Glamour ab und wird zur verletzlichen, glücklos hin- und hergerissenen Liebenden. Stimmlich gut ausbalanciert auch das zweite Paar: Kateryna Kasper (schillernd mit ihrem «Ich bin eine anständ’ge Frau») und Martin Mitterrutzner als Valencienne und Rosillon. Ein heftiges komödiantisches Talent: Barnaby Rea als Baron Mirko. Und, nicht zu vergessen, die drastisch eingeführte Figur des Filmregisseurs (Klaus Haderer), der sich ab und zu als Wienercharge Njegus in die Operettenhandlung einmischt. Auch er bekommt einen kleinen Extra-Auftritt als erotischer Schwärmer.

Die schönste anekdotische Beiläufigkeit ereignet sich vor dem Vorhang zum Intermezzo vor dem dritten Akt: Der wachsende Liebeshunger des Korrepetitors (Mariusz Klubczuk), in einer Pantomime dreimal vorstellig, verrät sich durch immer größere Rosenmengen für die verstohlen verehrte Darstellerin der Hanna. Die deren Garderobe erreichende Offerte dürfte unerwidert bleiben. Mitten in den sublim destruierten großen Geschichten schafft Guth Platz für kleine, anrührende. Operette aktuell: perfekte theatralische (Vor-)Täuschung mit eingelegten Wahrheits-Intarsien.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

https://oper-frankfurt.de/de/spielplan/die-lustige-witwe_2