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Rezensionen 11. Januar

Heidelberg: Mozart «Idomeneo»

Am 12., 14., 20. Januar, 23. Februar

Eine ähnlich radikale Umdeutung von Mozarts «Idomeneo», wie Peter Konwitschny sie jetzt in Heidelberg herausgebracht hat, war wohl noch nie zu sehen. Wenn am Ende des zweiten Akts das vom Meeressturm entsetzte Volk den Namen des Schuldigen fordert, entert der verzweifelte Titelheld, wie in einem Amoklauf den Gott Neptun verfluchend, das im Hintergrund auf der Bühne sitzende Orchester, drängt den Dirigenten gewaltsam vom Pult, ergreift die Partitur und schleudert sie in die Tiefe. Die Musik bricht ab, der Vorhang fällt.

Von diesem Moment an bleibt buchstäblich kein Stein mehr auf dem andern. Angedeutet hatte sich der verstörende Umgang mit dem Stück auf der in drei Tiefenebenen gestaffelten Bühne von Anfang an: kräftige Striche in der Musik und drastische Änderungen am Wortlaut des (wie schon in Konwitschnys Stuttgarter Inszenierung der Cherubini-«Medea» – siehe OW 1/2018) auf Deutsch gesungenen Textes. Die Handlung trägt sich auf dem schmalen Streifen des zugedeckelten Grabens zu, das Orchester spielt als musikalischer Mit-Akteur der theatralen Erzählung auf hoch- und niederfahrenden Podien im Hintergrund, dazwischen werden gemalte Wellensilhouetten von Punktzügen bewegt.

Los geht es auf der von Okarina Peter und Timo Dentler zum Sandstrand mit pittoresker Palme aufgeschütteten Szene scheinbar harmlos-gefällig. Der in die trojanische Prinzessin Ilia verliebte Idamante schenkt den gefangenen Trojanern die Freiheit. Konwitschny zeigt eine ausgelassene Party poppig-bunt gekleideter, Sex treibender, sich betrinkender Frauen und Männer, in die Arbace mit der Mitteilung platzt, der König sei auf der Heimfahrt vom Trojanischen Krieg nach einem Schiffbruch ertrunken. Was sein Vertrauter Arbace in diesem Moment noch nicht weiß: Idomeneo hat überlebt, weil er Poseidon als Preis für die Rettung versprach, ihm den ersten Menschen zu opfern, der ihm nach seiner glücklichen Landung begegnen wird. Zu seinem Entsetzen ist es der eigene Sohn: Idamante. Der frevelhafte Schwur reißt alle, das Volk, ihn selbst, den Sohn, Ilia und die auf diese eifersüchtige, von den Furien als Muttermörderin verfolgte Elektra in den Abgrund.

Wenn das Spiel nach der Pause mit dem dritten Akt weitergeht, gibt es keine Bilder mehr. Die Szene ist leergeräumt, das Meer eine hölzerne Kulisse. Kurzen Prozess macht Konwitschny auch mit Mozarts zuvor in den Orkus geworfener Partitur. Zum Höhepunkt der inneren Handlung wird das Quartett, das die vier Protagonisten mit existentieller Ausweglosigkeit konfrontiert: Musik, wie Mozart sie in dieser Radikalität nie mehr geschrieben hat. Alle sind sie Opfer, alle innerlich zerrissen. Konwitschny übersetzt die harmonischen Abwege der bis in entfernteste Tonarten sich verirrenden Musik in eine Verknotung der Körper, die sich, je mehr sie sich berühren, umso weiter voneinander entfernen. Das erinnert an seinen Hamburger «Rosenkavalier», wo er das Schlussterzett auf ähnliche Weise als desillusionierende Illusion inszenierte.

Danach geht alles schnell zu Ende. Der Aufklärer Mozart zeigt, nicht anders als Lessing in seinem zeitgleichen «Nathan» oder Goethe in der «Iphigenie», einen utopischen Gesellschaftsentwurf: den gewaltfreien Übergang von der alten zur neuen Zeit, das Mündigwerden des Menschen aus der Fremdbestimmung durch die Götter. An dieses humanistisch illuminierte glückliche Ende – Ilia will sich an Idamantes Stelle opfern und besänftigt so Neptun, nur Elektra folgt ihrem Bruder in den Hades – mag Konwitschny so wenig glauben wie einst Hans Neuenfels in seiner provokativ-berüchtigten Berliner Inszenierung. Bei Neuenfels präsentierte Idomeneo am Ende nicht nur die Köpfe von Idamante und Neptun, sondern auch die der monotheistischen Religionsgründer. Bei Konwitschny entlädt sich, Mozarts Vorlage aufs Knappste zusammendrängend, eine traumatische Familienkatastrophe, bei der schließlich alle, Volk wie Protagonisten, tot am Boden liegen – niedergemäht, selbst gerichtet. Als Letzter stirbt Idomeneo mit den originalen, hier aber geradezu sarkastisch klingenden Worten «Jetzt bin ich glücklich». Der Jubelchor kommt als Endlosschleife vom Band zur Untermalung des Schlussbeifalls. Wenn die Utopien aufgebraucht sind, sitzt uns als letzter Gesellschafter das Nichts gegenüber.

Der Preis für dieses im Sinne Heiner Müllers pessimistische Lehrstück über eine zu Ende gehende Zivilisation ist Mozarts Musik, von der im Schlussakt wenig übrig bleibt. Eine einzige Nummer, das nur von Streichern begleitete Accompagnato, in dem Idamante von Idomeneo vor der Opferung Abschied nimmt, hebt Konwitschny allerdings geradezu emphatisch hervor. Bei ihm singt es der sterbende Idamante, umstellt von einem auf der Szene sitzenden Streichquartett – Essenz der Vater-Sohn-Problematik, die hier ganz ins Zentrum rückt.

Gewinn und Verlust halten sich dabei die Waage. Gewiss, Konwitschny zerrupft das Stück, erfasst gerade darin aber auch die Gewalt dieser musikalisch reichsten, kühnsten Oper Mozarts, die in konventionellen Aufführungen verloren geht. Ein großes Plus ist auch die Textverständlichkeit, begünstigt durch die vor dem Proszenium agierenden Sänger. Darunter leidet allerdings die Klangbalance mit dem weit hinten postierten Orchester, das der Vielfalt der Partitur manches schuldig bleibt. Unter den Protagonisten ragte sängerisch die Elektra der mit dramatischer Verve deklamierenden Hye-Sung Na, darstellerisch das altgediente Ensemblemitglied Winfrid Mikus als Idomeneo hervor, dem man wohlweislich die Koloraturen der «Fuor del mar»-Arie erlassen hatte, der den unglücklichen Vater aber mit genau der Mischung aus Verzweiflung und Hilflosigkeit spielte, die für dieses Konzept benötigt wird.

Uwe Schweikert

www.theaterheidelberg.de/?events=idomeneo-12-01-2019-1930