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Planet der Frauen

Von Eva Behrendt

2019 wird als Theaterjahr der Frauen in die Geschichte eingehen. Im Januar beschließt die Theatertreffen-Jury ein Moratorium und lädt – «um ein Exempel zu statuieren» – für einmal ausschließlich Inszenierungen von Frauen ein. Das Treffen im Mai wird ein Riesenerfolg: «Ick sags ja unjern, aber ick hab allet jesehen», lobt Frank Castorf im Anschluss, «und dit war Championsleague».

Im Februar gibt der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) bekannt, dass ab 2020/21 die freie Gruppe She She Pop die Leitung der Berliner Volksbühne übernehmen wird. «Nur ein Performancekollektiv kann die linke Utopie an diesem Haus noch einmal wachküssen», begründet Lederer seine Entscheidung. «Außerdem: Rosa hätte es genau so gewollt!»

Nach einer Zählung der überwiegend Männer repräsentierenden Skulpturen und Gemälde im Wiener Burgtheater bittet Noch-Intendantin Karin Bergmann Künstlerinnen wie Cindy Sherman, Marina Abramovic und Sophie Calle um alternative Leihgaben für die Foyers und Feststiegen.

Auf der Pfingstkonferenz des ensemble-netzwerks in Borgholzhausen trinkt Lisa Jopt während ihres Eröffnungsvortrags wieder durch einen Strohhalm – die von Kritikern als «Lolita-Geste» gegeißelte Trinkpraxis macht Schule und verbreitet sich als effektive postfeministische Drohgebärde bei Gagenverhandlungen und Besetzungsgesprächen. «Wer am Strohhalm nuckelt, kann locker mit 20 Prozent mehr rechnen», so Jopt in einer Talkshow im Herbst. Weil die Strategie nur bei Frauen funktioniert, gründet sich unter der Führung von Insta-King Lars Eidinger eine Protestbewegung unter den Hashtags #laststrohhalm #noplastic.

Im August veröffentlich der belgische Künstler und Choreograf Jan Fabre ein youtoube-Video. Darin schraffiert er nackt, nur unzureichend in eine Eisenkette gewickelt, mit einem Kugelschreiber seinen Küchenboden und raunt: «Ich weiß, dass Ihr mich wollt» in die Kamera.

Das Zürcher Schauspielhaus unter der neuen Leitung von Nicolas Stemann eröffnet im Oktober mit einem Skandal: Elfriede Jelinek, deren Stücke Stemann jahrelang uraufgeführt hat, zieht kurzfristig ihren Text zurück: «Der Nicolas ist eh nett, aber es wird Zeit, dass mich mehr Frauen inszenieren», so die Nobelpreisträgerin.

Lederers Entscheidung für die Volksbühne löst im Laufe des Jahres eine Kettenreaktion an den Hauptstadttheatern aus: Ulrich Khuon will umgehend den Intendantensessel für Shermin Langhoff räumen, «weil dieser Name an dieses Theater und Deutsch neu definiert gehört».

Die Schauspielerin Thelma Buabeng übernimmt zusammen mit der Kabarettistin Idil Baydar das Gorki Theater, nachdem Yael Ronen sich mit einem Umbenennungsvorschlag für das Haus in «International Institute of Political Murder Therapy» aus dem Rennen katapultiert hat.

Oliver Reese schlägt Constanze Becker als Nachfolgerin für die Leitung des Berliner Ensembles vor, doch das Ensemble zieht es vor, sich «endlich» selbstzuverwalten, und erteilt allen Leitungskräften «Hausverbot».

Thomas Ostermeier zieht nach Paris, «weil eh alle meine Freunde dort sind». Künftig nutzt das dänisch-österreichische Duo Signa die Schaubühne samt umliegender Gebäude (darunter auch ein Fitnesstudio, ein Swingerclub und die Redaktionsräume des Theaterverlags) für die immersive Dauerinstallation «Zwanglos zwanghaft», die sofort auf Jahre hin ausgebucht ist.