Musik als Beruf, das war schon früh klar. Mit Vater und Mutter besuchte sie die Sankt Petersburger Opern- und Konzerthäuser. Schon als Vierjährige habe sie den Eltern erklärt: «Ich will Musik studieren.» Zunächst war da, nicht untypisch bei späteren Solisten, der Chor. Anna El-Khashem nahm mit ihrem Ensemble an Wettbewerben teil, wollte sogar selbst Chorleiterin werden. Daneben gab es noch das Klavier, auch hier durfte sie als Kind um Preise spielen. Als die Entscheidung für den Sologesang fiel, nahmen die Eltern das gelassen: «Sie wussten ja, dass ich viel ausprobiert hatte. Sie hatten verstanden, dass ich auf einem guten Weg bin – und als das Münchner Angebot kam, waren sie endgültig beruhigt.» Der erste Preis beim Salzburger Mozarteum-Wettbewerb war da nur noch das Sahnhehäubchen.
Erst ein Engagement vor dem Opernstudio gab es, die weibliche Hauptrolle in Mozarts «Bastien und Bastienne» in einer konzertanten Produktion der Bregenzer Festspiele. Normalerweise wird der Vertrag in der Münchner Nachwuchsschmiede für ein Jahr geschlossen mit Option auf eine Verlängerung um ein weiteres Jahr. Anna El-Khashem ist eine Ausnahme, sie ist nun schon die dritte Saison dabei. Und hat hier auch ihren Freund kennengelernt – Bariton Johannes Kammler wechselte zu dieser Spielzeit ins Stuttgarter Ensemble.
Es scheint also, als habe man in München einiges vor mit Anna El-Khashem. Ausschlaggebend dürfte vor allem eine Produktion gewesen sein. Für «Zeig mir deine Wunder», eine Produktion der Opernfestspiele, nahm das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen Rimsky-Korsakows «Schneeflöckchen» auseinander, erfand dazu Neues und setzte alles zu einer krausen bis wilden Performance zusammen. Anna El-Khashem als zauberisches, somnambules Schneeflöckchen war der Ruhepol, mit einem Gesang, so fein, so lockend, so verheißungsvoll, als sei sie die Botin aus einem fremden Zwischenreich. Fast schien es, als passte das alles gar nicht zum wilden Geschehen um sie herum – und doch gewann der Abend erst dadurch. «Ich dachte mir gleich: Diese Produktion kann mir viel geben, wenn ich alles körperlich und stimmlich zusammenbekomme.»