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Stimme der Zukunft

Anna El-Kashem

Eigentlich ist Anna El-Khashem, die «Nachwuchskünstlerin des Jahres», gerade erst richtig in München angekommen. Doch schon jetzt steht die 22-Jährige aus dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper regelmäßig auf der großen Bühne

«Für dich, Hollywood ist dran.» Aber wer sagt denn, dass alte Künstlerwitze nicht auch die Realität streifen können? Immerhin ist Anna El-Khashem Ähnliches passiert. Sehr plötzlich bekam die Russin ein Vorsingen fürs Opernstudio der Bayerischen Staatsoper vermittelt. Die Sopranistin flog also von der Heimat Sankt Petersburg nach München, präsentierte ihre mozärtlichen Vorzeige-Arien, dann der berüchtigte Satz: «Danke, Sie hören von uns.» Und kaum wieder zurück an der Newa, tatsächlich die Nachricht – in der kommenden Saison habe man einen Platz für sie. «Ich bin jubelnd in der Wohnung herumgesprungen, weil ich es nicht glauben konnte.»

Höher als im Nobelhaus am Max-Joseph-Platz kann man ja auch kaum einsteigen. Vor zwei Jahren, zur Saison 2016/17, ist das passiert. «Amanti costanti», das Blumenmädchen-Duett in Mozarts «Figaro», war der erste Nationaltheater-Einsatz für Anna El-Khashem, damals in der alten Inszenierung von Dieter Dorn. «Ich dachte, ich sterbe vor dem Auftritt», sagt sie heute. Inzwischen ist die 22-Jährige eine Stufe aufgestiegen, zur Barbarina in Christof Loys Neuproduktion. Ein gerissenes, supercooles, latent aggressives Gör erlebt man da, das genau weiß, wie man den nervlich angeschlagenen Almaviva in die Ecke drängt. Barbarina, so Loys Idee, sollte eine gefallene Tochter sein. Drogen, Alkohol, alles schon mal ausprobiert.

Viel beibringen muss man Anna El-Khashem offenkundig nicht, wie sie sich neben den Stars Aufmerksamkeit verschaffen kann. Wenn sie die Bühne betritt, merkt der Operngast sofort auf. Nicht nur an ihrer Ausstrahlung liegt das, auch an der lyrischen Stimme, dunkel, unverschleiert und flexibel geführt, die zu Größerem drängt. Wenn die «Nachwuchssängerin des Jahres» von alldem spricht, immer noch etwas ungläubig über das, was ihr in den vergangenen zwei Jahren widerfahren ist, dann tut sie das in nahezu perfektem Deutsch. Anna El-Khashem ist in Sankt Petersburg geboren und aufgewachsen. Ihr Vater stammt aus dem Libanon und lernte während eines Auslandsstipendiums in Russland seine spätere Frau kennen; beide sind Ärzte. Deutsch wählte Anna El-Khashem als zweite Fremdsprache in der Schule. Für Grundkenntnisse reichte das, den Rest hat sie sich dann in München angeeignet, einzig die bayerische Färbung fehlt noch.

Musik als Beruf, das war schon früh klar. Mit Vater und Mutter besuchte sie die Sankt Petersburger Opern- und Konzerthäuser. Schon als Vierjährige habe sie den Eltern erklärt: «Ich will Musik studieren.» Zunächst war da, nicht untypisch bei späteren Solisten, der Chor. Anna El-Khashem nahm mit ihrem Ensemble an Wettbewerben teil, wollte sogar selbst Chorleiterin werden. Daneben gab es noch das Klavier, auch hier durfte sie als Kind um Preise spielen. Als die Entscheidung für den Sologesang fiel, nahmen die Eltern das gelassen: «Sie wussten ja, dass ich viel ausprobiert hatte. Sie hatten verstanden, dass ich auf einem guten Weg bin – und als das Münchner Angebot kam, waren sie endgültig beruhigt.» Der erste Preis beim Salzburger Mozarteum-Wettbewerb war da nur noch das Sahnhehäubchen.

Erst ein Engagement vor dem Opernstudio gab es, die weibliche Hauptrolle in Mozarts «Bastien und Bastienne» in einer konzertanten Produktion der Bregenzer Festspiele. Normalerweise wird der Vertrag in der Münchner Nachwuchsschmiede für ein Jahr geschlossen mit Option auf eine Verlängerung um ein weiteres Jahr. Anna El-Khashem ist eine Ausnahme, sie ist nun schon die dritte Saison dabei. Und hat hier auch ihren Freund kennengelernt – Bariton Johannes Kammler wechselte zu dieser Spielzeit ins Stuttgarter Ensemble.

Es scheint also, als habe man in München einiges vor mit Anna El-Khashem. Ausschlaggebend dürfte vor allem eine Produktion gewesen sein. Für «Zeig mir deine Wunder», eine Produktion der Opernfestspiele, nahm das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen Rimsky-Korsakows «Schneeflöckchen» auseinander, erfand dazu Neues und setzte alles zu einer krausen bis wilden Performance zusammen. Anna El-Khashem als zauberisches, somnambules Schneeflöckchen war der Ruhepol, mit einem Gesang, so fein, so lockend, so verheißungsvoll, als sei sie die Botin aus einem fremden Zwischenreich. Fast schien es, als passte das alles gar nicht zum wilden Geschehen um sie herum – und doch gewann der Abend erst dadurch. «Ich dachte mir gleich: Diese Produktion kann mir viel geben, wenn ich alles körperlich und stimmlich zusammenbekomme.»

Ob sie sich nicht manchmal denke: München als erste Station – was soll da noch kommen? «Das sehe ich andersherum: Ich bin 22 und schon an der Bayerischen Staatsoper, das ist eine riesige Investition in meine Karriere. Ich lerne, was ich kann – danach werden wir schon sehen, was kommt.» In nächster Zeit sind das zum Beispiel die Esmeralda in einer neuen «Verkauften Braut», das Taumännchen in «Hänsel und Gretel» sowie eine Rolle in der Opernstudio-Produktion von Tschaikowskys «Iolanta». Susanna wäre die ersehnte nächste Stufe. Angesichts des rasanten Karrierestarts ahnt man: Lange kann das nicht dauern.

Markus Thiel