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«Boah, das will ich machen»

Günther Groissböck wird Wotan

Herr Groissböck, hier ist die Millionenfrage: Was haben Sie und Roger Daltrey gemeinsam?
(lacht) Da muss ich das Publikum fragen. Naja, der Name kommt mir schon bekannt vor, aber im Moment kann ich ihn nicht unterbringen.

Er war Leadsänger von «The Who».
Ich bitte um Pardon: Die hatten ihre beste Zeit, soviel ich weiß, in den 1960er- und 1970er- Jahren. Da hätte ich als Säugling zum Fan werden müssen ...

Pardon gewährt. Daltrey hat 1975 den jungen Liszt in dem Film «Lisztomania» von Ken Russell gespielt ...
... und ich war in der Bayreuther Inszenierung der «Meistersinger» von Barrie Kosky der ein bisschen ältere Liszt. Der junge Liszt hat es im Leben ja angeblich echt krachen lassen – und der alte hat dann versucht, dies alles in priesterlicher Enthaltsamkeit zu egalisieren.

Mit Liszt/Pogner, mit dem Landgrafen, Fasolt und Gurnemanz haben Sie auf dem Grünen Hügel bereits markante Spuren hinterlassen. Ab 2020 wird Ihr Fußabdruck dort noch größer. Seit wann wussten Sie, dass Sie im neuen Bayreuther «Ring» den Wotan singen werden?
Zum ersten Mal wurde ich im Frühling 2014 mit der Idee konfrontiert, da fing ich an, mich mit der Figur und Partie intensiv zu befassen. Im August 2015, zwischen den «Rosenkavalier»-Aufführungen in Salzburg, fuhr ich zum Vorsingen nach Bayreuth, das Katharina Wagner zusammen mit Christian Thielemann abnahm. Ich hatte schnell das Gefühl, dass das etwas wird; Ende August 2015 habe ich es dann konkret gewusst.

Mit Ihrem kernigen Bass werden Sie ein Wotan in der Tradition von John Tomlinson sein, der diese Partie im Barenboim-Kupfer-«Ring» sang.
Die Geschichte mit Tomlinson ist kurios; dazu muss ich ein bisschen ausholen: Meine Großmutter ist während des Zweiten Weltkriegs mit dem Arbeitsdienst in Bayreuth gewesen und erzählte zu Hause in Waidhofen immer von ihren Erlebnissen, speziell vom Festspielhaus und von den Führungen dort. Als ich 1996 mit dem Singen anfing, schrieb sie direkt an Wolfgang Wagner: «Mein Enkel beginnt zu singen und würde sich wahnsinnig freuen, wenn er einmal eine Vorstellung in Bayreuth sehen könnte.» Und tatsächlich hat Herr Wagner ihr eine Karte für den «Parsifal» geschickt. Ich bin ganz stolz hingefahren; John Tomlinson war damals der Gurnemanz, und ich kann mich noch sehr gut an seine ersten Töne erinnern: «He! Ho! Waldhüter ihr ...» Boah, habe ich gedacht, das will ich auch machen. Im vergangenen Sommer, als ich selbst den Gurnemanz sang, sehe ich in der letzten Vorstellung in den Kulissen einen bärtigen Mann stehen und denke, der schaut aus wie Tomlinson. Ich gehe danach in die Garderobe, schminke mich ab – und plötzlich klopft es an der Tür; er steht da, gratuliert mir und meint, «ich habe von deinen Plänen gehört und könnte dir ein, zwei Sachen sagen». Total nett. Wir wollen uns im Oktober treffen, wahrscheinlich in Dresden. Ich fühle mich absolut geadelt, die Tomlinson-Wotan-Tradition hoffentlich irgendwie weiterführen zu können.

Tomlinson schien manchmal mit der Höhe zu kämpfen – wobei das auch als stimmiger Ausdruck von Wotans innerem Zweifel durchgehen konnte. 
Man sollte diese «inneren Zweifel» natürlich so bewältigen, dass sie eine gewisse Klangästhetik besitzen und trotz Wut oder Verzweiflung noch gesund klingen. Wagner schreibt ja «hoher Bass» und nicht «fauler Bariton» – er will also dezidiert eine Stimme, die sich etwas abmühen muss, damit man die Zerrissenheit der Figur spürt. Zum Beispiel in den Ausbrüchen des zweiten Akts der «Walküre», wo Wotan wirklich alles rauslässt. Nikolaus Harnoncourt hat einmal vom Figaro-Grafen gesagt, dass die Rolle tendenziell schwerer besetzt werden sollte, damit das «e giubilar mi fa» nicht wie eine lockere Koloratur klingt, sondern dass man wirklich hört, wie dieser Mann beinahe vor Eifersucht platzt. Und genau das sollte es an den erwähnten Stellen auch bei Wotan sein. Er muss diese negtative Energie ausschwitzen, dieses Die-Welt-zerstören-Wollen, das «Fahre denn hin, herrische Pracht». Zwischen den Tönen sollte eine fast nihilistische Geste mitzuhören sein: «Das ist mir alles wurscht, ich brenne alles nieder». Bei Tomlinson kam es genau so raus. Man hat gemerkt hat, dass er kämpft, aber das war bei ihm zugleich das Spektakuläre. Kurzum: Im Rahmen des technisch Zumutbaren und des stimmhygienisch Gesunden dürfen diese Phrasen durchaus auch wehtun.

Was wäre Ihre Lieblingsstelle? «Der Augen leuchtendes Paar»?
Eigentlich die Stelle ein paar Seiten davor, wo Wotan singt: «Da labte süß dich, selige Lust ...», und dabei Brünnhilde eigentlich sagt: Du hast mich durchschaut, aber ich kann nicht anders. Das ist noch schöner als der «Abschied», geht noch mehr zu Herzen. Jedenfalls mir.

Wotan ist ja kein Alpha-Mann, sondern eher eine zwiespältige, zögerliche, skrupulöse Figur.
Im Verlauf des «Ring» sieht man ihn vor vollendete Tatsachen gestellt; die wirklich glorreichen Zeiten hatte er eigentlich vor dem «Rheingold». Danach ist er in seinen Verträgen gefangen; es geht im Grunde nurmehr darum, möglichst unbeschadet aus dem Schlamassel herauszukommen. Schon ab dem Moment, wenn Wotan aufwacht und seine erste Phrase singt – «Der Wonne seligen Saal bewachen mir Tür und Tor» –, holt Fricka ihm ja mit ihren Worten «Auf, aus der Träume wonnigem Trug» in die Realität; fortan wird er nur noch mit Problemen und Vorwürfen konfrontiert – zum Beispiel mit der Frage, wie er Walhall jetzt wirklich bezahlen will. Den Mann der großen schöpferischen Visionen lernen wir nicht mehr kennen.

Darin erinnert er an Don Giovanni; dem gelingt nach den d-Moll-Akkorden der Ouvertüre ja auch kaum noch etwas.
Bei beiden Figuren ist man mit einem Charakter konfroniert, in den man quasi mittendrin hineinsteigt. Man würde gerne wissen, wie genau es vorher war – einfach, um dem Typus auch gestalterisch näher zu kommen. Doch man geht gleich von null auf hundert und hat es sofort mit jemandem zu tun, der mit allen Mitteln seine Geschäfte macht, und das nicht immer ganz koscher. Wotan ist so voller Widersprüche, dass es einfach schwer ist, ihn zu fassen und zu beschreiben.

Wen wünschen Sie sich für die Regie? Gerüchteweise wurde Tatjana Gürbaca erwähnt, die im Vorjahr mit ihrer «Ring»-Essenz  am Theater an der Wien Furore machte. 
(schmunzelt) Ich weiß, wer es machen wird, darf es aber offiziell noch nicht sagen.

Klar, das muss Festspielchefin Katharina Wagner tun. Und wer wird dirigieren?
Wir hätten schon einen Dirigenten, aber den hat nun die moderne «Heilige Inquisition» im Visier.

«Heilige Inquisition»? Sie meinen die #MeToo-Kampagnen?
Eine hochproblematische Angelegenheit, weil so vieles ungenau ist. Keine Frage: Wenn etwas Unrechtes passiert ist und bewiesen wird, muss es aufgezeigt und mit entsprechender Konsequenz geahndet werden. Dass aber Gerüchte auf Facebook oder Twitter genügen, um das Leben von Menschen zu zerstören, ist unerträglich. In den Sozialen Medien etabliert sich in diesem Zusammenhang offenbar auch eine Art «Opferindustrie»; das Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden hat sich in den Medien – und das bezieht sich nicht nur auf die sozialen – leider völlig verschoben. Das gilt übrigens nicht nur für #MeToo, sondern generell für den allzu freien Umgang mit fragwürdiger «Wahrheit», aber auch für pseudomoralische Überlegenheit aller Art. Wir müssen gesellschaftliche Grundregeln finden, Beweisführungsketten, ein rechtsstaatliches Procedere; es ist absolut unzulässig, dass jemand durch Gerüchte im Internet gemobbt und kaputt gemacht wird. So etwas ist für uns alle höchst gefährlich, wir bewegen uns meiner Meinung nach leider mehr und mehr in Richtung einer hysterischen Denunziantengesellschaft.

Könnte man diesen Phänomenen durch Kunst entgegentreten? Und lassen sich mit pädagogisch-politischen Aussagen noch Mauern einreißen?
Kunst kann allenfalls dabei helfen, Sichtweisen zu erweitern, eventuell sogar Meinungen zu bilden. Aber ich bin skeptisch, ob es tatsächlich wirksam ist. Außerdem scheint eine gewisse Trendwende erreicht. Viele sind all der Auslegungen und «Botschaften» müde geworden und sehnen sich danach, dass die Werke selbst wieder im Mittelpunkt stehen, dass mehr Raum für eigene Fantasie, eigene Gedankenbilder bleibt. Dass man also dem überdeutlichen, oft moralischen Zeigefinger mal eine Pause gönnt.

Ob Peter Konwitschny auch Ihrer Meinung wäre?
Seine Art zu inszenieren, war auf jeden Fall notwendig. Aber man muss das Ganze auch aus dem zeitgeschichtlichen Kontext der jüngeren Regietradition sehen. Konwitschny ist auf seine Art für die Opernszene so wichtig wie Harnoncourt für die Musik – als neuer Ansatz. Nur gab es viele Trittbrettfahrer, die Erfolg zu haben glaubten, wenn sie Konwitschny imitierten. Und irgendwann geht so etwas in eine falsche Richtung. Im Moment ist das politisch-pädagogische Theater vielleicht ein bisschen abgelutscht. Aber diese Phasen sind wie wechselnde Gezeiten; es gibt sie ja auch in der Musizierpraxis. Denken Sie nur an Karl Richter: Bei dem war die «Matthäus-Passion» fast so lang wie der «Tristan», breit und üppig und so vom Klang her gedacht, dass man sich sagte: ein bisschen mehr Rhetorik wäre schon recht. Und dann, mit und nach Harnoncourt, schlug das Pendel zur anderen Seite aus, da hätte man sich sich gelegentlich ein bisschen mehr Fleisch gewünscht. Doch beides erleben zu können, gibt einem dann auch die Chance, den Weg zur Utopie des vollkommenen Ganzen zu suchen. Möglichst üppiger Schönklang mit größtmöglicher rhetorischer Aussage. Oder szenisch die schönsten, weil stimmigsten Bilder und dahinter die intelligenteste Message. Das wäre das Ideal.

Sie meinen Werktreue? 
Jede intelligente Neudeutung, die ein Werk ernst nimmt und es bereichert – man denke etwa an Stefan Herheims wunderbare «Parsifal»-Inszenierung in Bayreuth – hat ihre Berechtigung und bleibt dem Werk auch treu. Aber wenn man nicht in der Lage ist, wirklich substanziell Kreatives zu schaffen, sollte man dem vertrauen, was der Autorenwille vorgibt.

Ihr wichtigster Lehrer an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst war Robert Holl ... 
Ein großer Hans Sachs in Bayreuth, und ein ganz toller Pädagoge. Zugleich unglaublich low profile, etwas Uneitleres gibt es kaum. Für mich war es zum Zeitpunkt meines Studiums in Wien einfach wichtig, von Leuten, die meine Vorbilder waren, das Feedback oder die Bestätigung zu bekommen, dass ich mich in die Richtung entwickelte, die ich mir wünschte. Und in diesem Sinne hat mir Holl mit seiner völlig natürlichen Art immer Sicherheit gegeben. Seine Stimme live im Raum mitzuerleben, wenn wir zum Beispiel an der letzten Bassarie aus der Matthäus-Passion arbeiteten, war außergewöhnlich. Plötzlich erlebt man das nicht nur auf CD, sondern direkt neben sich – da stellt man irgendwie einen Schalter um und merkt, das ist jetzt nicht Fiktion, sondern Realität.

Die alten Römer sprachen vom gesunden Geist im gesunden Körper, die Neuzeit nennt es Fitness. Sie sind, wenn ich es mal so nennen darf, ein Fitness-Fanatiker. Schon mit 18 Jahren haben Sie am Berlin-Marathon teilgenommen.
Mit 14 sogar schon einmal in Wien. Leider bin ich nie unter drei Stunden gekommen, was mich heute noch wurmt. Sport ist psycho-hygienisch unglaublich wichtig; man kann die Stresshormone, diese ganzen Synapsen, Schaltungen, die sich im Alltag so aufbauen, so richtig durchputzen. Und abgesehen vom meditativen Aspekt dient Sport auch der physischen Gesundheit. Hinzu kommt für mich, dass das Singen ebenfalls athletisch ist, und mit Fitness hat man einfach einen Vorsprung. Wenn ich zum Beispiel an den ersten  «Rosenkavalier»-Akt denke, wo ich als Ochs auf Lerchenau ziemlich herumhetze und nie wirklich zu Atem komme, dann womöglich noch den Monolog in der ungestrichenen Fassung singen und am Schluss das eingestrichene f über acht, neun Takte aushalten muss: Da ist es kein Nachteil, wenn der Körper gut in Schuss ist. Vor den «Rosenkavalier»-Vorstellungen in Salzburg bin ich immer mit dem Rad etwa eine Stunde in Richtung Untersberg gefahren. Bei Fürstenbrunn gibt es einen steilen Anstieg von über 20 Prozent, da reißt es den Puls gleich auf 170 hoch – das war genau die richtige Vorbereitung für die Aufführungen, weil dadurch das Zwerchfell aufwacht und richtig arbeiten muss.

Gibt es Wunschpartien außerhalb des Wagner-Fachs?
Absolut, und sie kommen in den nächsten Jahren auch in meine Gasse: der Fiesco zum Beispiel, oder Phillip II. – wo, kann ich noch nicht sagen. Eine Traumpartie wäre auch Claggart in Brittens «Billy Budd». Ein geniales Stück! Kaum ein anderes lässt uns Ausweglosigkeit so extrem spüren. Ansonsten sind da natürlich einige Partien, die ich sehr gerne singen würde, die aber irgendwie an mir vorbeizugehen scheinen, vor allem bei Mozart. In dem Zusammenhang gibt es offenbar das Problem, dass man zu einer gewissen Zeit noch nicht reif genug dafür war – und plötzlich ist man irgendwie darüber hinaus.

Auch über Don Giovanni?
Den würde ich natürlich sehr gerne singen. Aber auch Leporello. Da müsste allerdings jemand den Mut haben, etwas zu riskieren – hinsichtlich Stimmklang und Stimmgewicht, auch hinsichtlich der Tempi, die meiner doch schwereren Stimme adäquat wären. Gehen würde das sicher, und schön wäre es auch.

Das Gespräch führte Gerhard Persché