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Hals und Beinbruch

Aberglaube im Theater #4

Von Sina Katharina Flubacher

Theater liebt die Gewalt. Welch lustvolles Prügeln auf der Bühne – hier fliegt ein falscher Zahn, dort spritzt es aus dem Blutbeutel –, welch hemmungsloses Meucheln und Metzeln. Die heimliche Freude am Brutalen eint sie alle, Schöpfer wie Zuschauer. Wonneschauer bei Elektras Rachefantasien, wildes Herzklopfen bei den Splatter-Szenen in Shakespeares «Titus Andronicus». 

Ja, Gewalt auf und hinter der Bühne hat Tradition, und weil diese am Theater gerne gepflegt wird, tritt man nichtsahnenden Schauspielkollegen in den Hintern, bevor sie ihren ersten Bühnenauftritt absolvieren. Dieser sogenannte «Anfängertritt» soll die Konzentration beim Spielen erhöhen und Glück bringen. Auch in Schweden wählt man gerne rabiaten Körperkontakt und tritt sich gegenseitig dreimal in den Allerwertesten für eine gelungene Premiere. Und wer sein Textbuch fallen lässt, muss es treten, um zukünftige Texthänger auf der Bühne zu verhindern. 

Theater und Gewalt sind seit jeher vereint, und spätestens mit Klaus Kinski war allen klar: Wer hauptberuflich nicht er selbst ist, fährt eben gerne mal aus der Haut. Die Konsequenz ist gering. (Oder Genialität.) So hält sich auch das hartnäckige Gerücht, dass Schauspielern eine halbe Stunde vor und nach der Vorstellung per Gesetz eine verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen werden kann. Oh, schöne Narrenfreiheit. 

Als grausamstes Bühnenphänomen muss Außenstehenden jedoch der Wunsch nach «Hals- und Beinbruch» erscheinen, den sich Theatermenschen gerne zurufen. Traditionell wünscht man es sich vor der Premiere, aber nur böse Zungen stellen einen Zusammenhang zwischen legendären Bühnenunfällen und unverhofften Karrieren von Zweitbesetzungen her. Der Wunsch nach Knochenbrüchen folgt dem bereits bekannten Prinzip, absichtlich etwas Schlechtes zu wünschen, um die Geister zu verwirren und so für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Dieser recht drastische Kniff leitet sich sprachlich aus dem Hebräischen «hazlóche u bróche» (hazlachá = Glück und b’rachá = Segen) ab, das im Jiddischen als «hatslokhe u brokhe» übernommen und im Deutschen zu »Hals- und Beinbruch« verballhornt wurde. Populär wurde die Redewendung durch Romane und Schriften des frühen 20. Jahrhunderts, wo sie, neben ein «Waidmannsheil!» gesetzt, auch immer wieder dem Jagdjargon zugerechnet wurde. 

«Hals- und Beinbruch» ist aber vor allem eins: eine internationale Glücksformel mit hohem Gewaltpotential. Auch das italienische Äquivalent ist der Jagd entlehnt; hier wünscht man den anderen direkt ins reißende Wolfsmaul. «In bocca al lupo» (Im Mund des Wolfes) lautet der Satz, auf den keinesfalls «grazie» (Danke), sondern nur «crepi, il lupo!» (Krepiere, Wolf!) erwidert werden darf. Und auch in England wünscht man sich «break a leg» vor Premieren und anderen wichtigen Ereignissen. Sehr wahrscheinlich stammt es aus dem elisabethanischen Theater und Sprachgebrauch, wo «to break a leg» bedeutete, das hintere Knie beim Applaus elegant zu beugen. Dieser charakteristische Hofknicks etablierte sich als Verbeugung in Richtung der oberen Sitzränge, wo Adlige und mitunter sogar die Königin höchstpersönlich saßen. Der Glückwunsch zielt hier also vor allem auf einen rauschenden Beifall ab. Eine etwas wagemutige Theorie koppelt die Entstehung von «break a leg» direkt an die Ermordung Abraham Lincolns. Der Schauspieler (!!) John Wilkes Booth schoss Lincoln 1865 in seiner Loge im Ford's Theatre in den Kopf und sprang danach hinunter ins Parkett – wobei er sich buchstäblich das Bein brach. Ein weiterer Zusammenhang mit dem Theater scheint jedoch nicht zu bestehen. 

Wahrscheinlicher ist daher eine bühnentechnische Herleitung: Die Seitenwände am Bühnenrand werden im Englischen als «leg» bezeichnet, sie sind gassenförmig angeordnet und verhindern bis zu einem gewissen Grad, dass Schauspieler hinter der Bühne gesehen werden können. Wer diese Gasse durchschreitet, übertritt damit also eine Grenze und wird sichtbar – «to break a leg» hieße also nicht viel mehr, als einen Auftritt zu absolvieren. Und wer je auf einer Bühne stand, ins Scheinwerferlicht blinzelnd, weiß, dass dafür ein bisschen Glück nie schadet. In diesem Sinne: Hals- und Beinbruch!