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Showtime

Holiday on Ice wird 75 Jahre

Kein Stargast in Sicht? Davon lässt sich Rostock doch die gute Laune nicht vermiesen! Dass die amtierenden Eiskönige, die Weltmeister und Olympia-Sieger Aljona Savchenko und Bruno Massot, nur auf Plakaten prangen – geschenkt. Weil der Trainer des Traumpaars einem Herzinfarkt erlag, kurz bevor «Showtime» vom Stapel lief, fällt der Auftritt flach. Bis auf weiteres muss die Jubiläumsproduktion, mit der Holiday on Ice seinen 75. Geburtstag feiert, ohne das Duo auskommen. Aber dafür gehen sieben Principals an den Start, die auf dem Eis eine Mega-Show abziehen: Kufen-Revue statt Kunstpurismus. Die zweistündige Aufführung bringt Rostocks Stadthalle zum Brummen – bis hinauf unters Dach, wo Oma und Enkel und Papa und Mama die ganze Chose per Smartphone festhalten. Als verwackelte Doku wird «Showtime» in unzählige Familienvideotheken Eingang finden, bleibende Erinnerung an ein XXL-Event, was Licht, Ton, Garderobe und grafische Animation betrifft. Fantastische Gimmicks, denen die Choreografie nicht immer standhält.

Holiday on Ice ist eine Institution, gewissermaßen das eisige Pendant zum Berliner Friedrichstadtpalast. Jahr für Jahr wird ein neues Format aufs Eis gezaubert, und das, seit ein cleverer Unternehmer gut betuchten Hotelgästen in Toledo/ Ohio die Weihnachtstage des Jahres 1943 mit «Gladiators» und «Minstrels» vertrieb, den beiden ersten von bislang 104 Schlittschuh-Spektakeln, die unter dem Label «Holiday on Ice» bald den ganzen amerikanischen Kontinent eroberten. Gefolgt von Europa – und Moskau, das die US-Darbietung 1959 als ersten Kulturimport aus dem Westen einkaufte. 

Seit damals gehört zum Erfolgsrezept, dass die Macher regelmäßig internationale Eislaufgrößen engagieren, vor allem Welt- und Olympiachampions. Den Anfang machte die Norwegerin Sonja Henie, einst Schülerin der Diaghilew-Ballerina Tamara Karsawina. Ab den 1960er-Jahren nahm man auch deutsche Topläufer unter Vertrag, so das Wirtschaftswunder-Tandem Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, später die DDR-Amazone Katarina Witt, Sportskanonen wie Tanja Szewczenko und Norbert Schramm, und schließlich (zumindest auf dem Papier) das Dreamteam 2018, Savchenko und Massot. 

Seit zwei Jahren gilt «made in Germany» ohnehin für die ganze Marke. Seitdem gehört Holiday on Ice dem größten Ticketverkäufer Europas, der CTS Eventim mit Sitz in Hamburg, Bremen und München. Eines weiß man auf der Chefetage des Marktführers ganz sicher: Welche Stoffe die Kasse zum Klingeln bringen.

«Showtime» setzt auf Nummer sicher und strickt aus den siebeneinhalb Erfolgsjahrzehnten eine Story, die vom ersten bis zum letzten Song inklusiv funktioniert: für sämtliche Generationen, Klassen, Sprachen, für Krabbelkinder, Zweibeiner und Rollstuhlfahrer gleichermaßen. Dafür wird die 40-köpfige Artisten-Crew auf eine Zeitreise geschickt, zurück ins Jahr 1943, zu den ersten «auditions» und «rehearsals» der neu gegründeten Formation, ihrer Feuertaufe vor Publikum samt anschließender Tournee. Abgesehen von einer Handvoll herber Geschmacksverirrungen wie Ritzenflitzer-Outfits für die Damen kurvt das spielfreudige Ensemble wunderprächtig kostümiert übers Eis. Mit Charme und Schwung bringt es das Genre zum Glitzern, nicht ohne den einen oder anderen ironischen Fingerzeig.