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Die alte Dame lebt

Von Jürgen Otten

Schnee, natürlich, ist weiß. Immer und überall. Manchmal aber, und gerade das ist das Wunderbare an den Erscheinungen dieser Welt, zeigt sich Schnee in einer völlig unerwarteten Farbe, Form, Figur. Ja, manchmal ist Schnee – violett. Zumindest in Beat Furrers Musiktheater «Violetter Schnee» auf ein Libretto von Händl Klaus, das gleich zu Beginn des Jahres an der Berliner Lindenoper uraufgeführt wird – unter der musikalischen Leitung des Komponisten-Dirigenten Matthias Pintscher, in einer Inszenierung von Claus Guth, als Auftragswerk des Hauses. Ein erster Höhepunkt ist damit avisiert, intendiert, prognostiziert.

Oper, die alte Dame, zeigt sich hier, wieder einmal, von ihrer besten Seite. Sie zeigt sich als eine Kunstform, die nach mehr als 400 Jahren fähig ist zur Erneuerung durch Befragung, Erfindung, Neuschöpfung. Zugleich bekunden ihre Macher, dass es ihnen eben nicht genügt, den Kanon aufzurufen, der so spärlich scheint und doch so reichhaltig ist. Als wolle die Staatsoper zu Berlin dafür den Beweis antreten, hat sie – flankierend zu Furrers Klangerforschung – gleich zwei weitere zeitgenössische Werke programmiert, die ebenfalls im Januar auf die Bühne kommen: Claude Viviers Opéra-rituel de mort «Kopernikus» und das Maskenmusiktheater «Himmelerde». Soviel Mut ist selten.

Aber er tut gut. Und ist dringend notwendig, um die Oper auch 2019 als Diskursbude am Leben zu erhalten. Gerade in Berlin, das ja auf vielen anderen Feldern der Kunst respektive Kultur zusehends den Eindruck erweckt, es sei führungs-, kraft- und ideenlos. Und siehe da: Auch die beiden anderen Häuser der Hauptstadt präsentieren Novitäten, auf die man gespannt sein darf. An der Deutschen Oper Berlin wird Detlev Glanerts Fontane-Oper «Oceane» aus der Taufe gehoben, die Komische Oper präsentiert die Film-Adaption «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» von Moritz Eggert (Eggert, einer der umtriebigsten Komponisten unserer Zeit, ist auch der Autor der Silicon-Valley-Roman-Vertonung «The Circle» auf Dave Eggers, die Anfang Mai in Weimar herauskommt). Arm, aber sexy? Unfug! Komm ins Offene, Freund!, so lautet ab sofort der Berliner Slogan.

Aber ganz im Ernst: Das alles sind Setzungen, die dem chronisch unter Staubbefallverdacht stehenden Genre frischen Wind zufächern, auch außerhalb Berlins. Im gesamten deutschen Sprachraum muten die Opernhäuser sich und uns neue Werke zu, die nicht zuletzt auch nach gesellschaftlicher Relevanz streben. Ganz weit vorn hierbei sind die Bühnen Halle, ohnehin eines der aufregendsten Opern-Laboratorien der Gegenwart. Nach Sara Nemtsovs hochkomplexem Stück «Sacrifice» in der Spielzeit 2016/17 steht dort heuer eine Literaturoper an: «Im Stein» von Brigitta Muntendorf ist eine Vertonung von Clemens Meyers gleichnamigem Prekariats- und Prostituiertenroman (und Michael von zur Mühlen der richtige, weil avantgardistische Regisseur dafür). Auf ähnlicher Höhe angesiedelt ist das Musiktheater «Diotati. Unendlich» von Michael Wertmüller (Musik) und Dea Loher (Text), das am Theater Basel herauskommt.

Was lehrt uns das? Ganz einfach: Die Oper lebt. Sie lehnt sich nicht zurück in ihrem vokalen Wohlfühlsessel, ganz im Gegenteil. Sie ist neugierig, sie bekundet ihre Verankerung in der Spätmoderne – als eine Art Gegenzauber. Sie gibt wichtige Impulse, sie lehrt uns das Staunen (nicht das Fürchten), sie fordert uns heraus, sie formuliert Utopien. Und sie bringt, was ihres Wesens Kern ist, immer wieder mal Stimmen hervor, die uns auf die Knie sinken lassen vor Bewunderung, weil sie schön sind (und von Dostojewski wissen wir: Schönheit wird die Welt retten). Nur ein Beispiel unter vielen: Asmik Grigorian. Ihre Salome in Salzburg war das Ereignis des vergangenen Festspielsommers. Im August dieses Jahres wird die Produktion wiederaufgenommen. Mit der litauischen Sopranistin in der Titelrolle. Also: Auf nach Salzburg. Und vorher: nach Mailand, ins Teatro alla Scala. Dort debütiert Asmik Grigorian bereits im Frühling als Marietta/Marie in Erich Wolfgang Korngolds Traum(a)-Oper «Die tote Stadt». Ein Muss! Aber nicht das einzige in der beste aller Opernwelten.

Jürgen Otten