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Feste feiern!

Von Dorion Weickmann

Draußen in der großen weiten Welt gibtʼs kaum Anlass, die Champagnerkorken knallen zu lassen. In Frankreich trudelt der präsidiale Senkrechtstarter dem Absturz entgegen, die Engländer brexiten vor sich hin, Italien ist staatsschuldentechnisch das neue Griechenland, und Deutschland … ergänzen Sie einfach selbst! Doch die kleine feine Tanzwelt lockt 2019 mit Festivitäten, die sich uneingeschränkt für ein schaumweinseliges «Vivat!» empfehlen.

Da sind zum Beispiel drei eminente Geburtstage. Schon im Februar feiert Hamburgs Ehrenbürger John Neumeier, der Marathonmann des Balletts, seinen Achtzigsten. Natürlich wird die Hansestadt dem Tanz-Direktor, Schulgründer und Stiftungsvorstand den roten Teppich ausrollen. Vielleicht wird sie sogar seine großartige Kollektion an Ballets-russes-Memorabilien unter ihre Finanzfittiche nehmen. Die Ballettfreunde könnten sich dafür mit einer mitternächtlichen Alster-Illumination revanchieren – Schampuskanone inklusive!

Weniger Wind macht aller Voraussicht nach William Forsythes 70. Geburtstag im Dezember. Der Mann, der von Frankfurt aus das Ballett einem choreografischen Totalrevirement unterzog, eine Zeitlang die Performance-Ecke bespielte und sich zuletzt wieder auf die Klassik besann – dieser Mann residiert inzwischen auf einer Farm in den USA. Wo er geboren ist, genau wie Kollege Neumeier.

Zu den beiden Amerikanern gesellt sich ein österreichischer Jubilar namens Johann Kresnik. Ein Polit-Wuchtikus mit so hohem Wutbebenfaktor, dass die Besichtigung seiner Choreografien das Infarkt-Risiko erheblich erhöht. An Kresniks existentiellem Zorn wird sich wohl auch im neunten Lebensjahrzehnt nichts ändern.

Außer eminenten Geburtstagen wird es 2019 natürlich auch eminente Aufführungen geben – und attraktive Premieren (zumindest auf dem Papier). Das Königliche Ballett Flandern annonciert für Mai einen Abend mit «Bach Studies» vom ehemaligen Chef des Pariser Opernballetts, Benjamin Millepied. Der sich kürzlich einen Rauschebart zugelegt und eine Reihe interessanter Experimentalfilme gedreht hat. Was neugierig macht, wie sich der Choreograf entwickelt hat, seit er 2016 die Flügeltüren des Palais Garnier hinter sich ins Schloss fallen hörte.

Genau dort wird die Kanadierin Crystal Pite im Herbst ein neues Stück inszenieren: 60 Minuten lang, Laufzeit nur zwei Oktober-Tage. Aber die Frau gehört zu den großen Entdeckungen, weil sie dem akademischen Tanz die Zeichen der Gegenwart einschreibt: Leid und Lust, Hirn und Herz – Momentaufnahmen unseres Daseins.

Jahresmittig sitzt das Branchenhighlight schlechthin: Frankfurt ruft Anfang Juni zum «Tanzkongress». Da wird zwar eher getalkt als getanzt und mehr Selters als Sekt konsumiert. Aber mal ehrlich: Welches Familientreffen taugt schon als Gute-Laune-Macher? Also am besten alle Feste feiern, wie sie fallen. Im Theater, im Tanzhaus, im Ballsaal – wo auch immer. Dann läuft 2019 rund.

Dorion Weickmann