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«Der Junge muss an die frische Luft»

«Der Junge muss an die frische Luft»

Es gibt Menschen, die an ihrem Schicksal zerbrechen; andere, die den Schmerz im Alkohol ertränken; und dann wieder solche, die niemals aufgeben und den Herausforderungen des Lebens tapfer entgegentreten. Hape Kerkeling scheint zu diesen willensstarken Kämpfernaturen zu gehören.  

Wer befürchtet, dass es sich bei der Verfilmung seiner Kindheitsautobiografie (2014 erschienen und lange Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste) um eine platte deutsche Komödie handelt, wird angenehm überrascht sein, hier wurde mit Fingerspitzengefühl gearbeitet. Bereits mit ihrem Film «Jenseits der Stille» (1996) hat Regisseurin Caroline Link gezeigt, wie sensibel sie mit komplizierten Themen umzugehen weiß – auch dort ging es um den Verlust der wichtigsten Bezugsperson eines Kindes: der Mutter. 

Der 9-jährige Hans-Peter (Julius Weckauf) muss diesen Schmerz ebenfalls erleiden. Seine Mutter verliert nach einer Operation ihren Geruchs-und Geschmackssinn und verfällt in eine tiefe Depression, von der sie sich nicht mehr erholt. Röchelnd liegt sie nach einer Überdosis Tabletten im Bett, der kleine Hans-Peter schluchzend neben ihr. Es ist beeindruckend, wie tapfer der gerade mal 10-jährige Julius Weckauf sich dieser schauspielerischen Herausforderung stellt.

Den Suizid seiner früher strahlenden und wunderschönen Mutter Margret (Luise Heyer) verkraftet der kleine Junge nur schwer, aber er ist nicht allein. Da ist ein feierwütiger, trinkfester, liebevoller Familienclan, da sind die «Ommas» und «Oppas» – wer den rheinischen Dialekt nicht mag, sei an dieser Stelle vorgewarnt –, die auf ihren Partys ein Glas Eierlikör nach dem anderen wegkippen. Und da ist Oma Änni (Hedi Kriegeskotte), deren großartigen Sinn für Humor Hans-Peter geerbt hat. Sie ist laut und witzig, eine total verrückte Nudel. Zum Fasching verkleidet sie sich als Pirat, während Prinzessin Hans-Peter singend übers Parkett tänzelt. Den Pailletten-Schal umgeschlungen, die schwarze Perücke auf dem Kopf, knallrot geschminkte Lippen, dazu ein ausgesprochen witziges und mitreißendes Naturell: Er weiß, wie man die Menschen zum Lachen bring. 

Viel Zeit verbringt der kleine Junge mit seinen Großeltern und mit älteren verschrobenen Frauen. Der Vadder (Sönke Möhring) ist Schreiner und ständig auf Montage, kein schlechter Kerl, aber auch nicht wirklich präsent. Hans-Peter sitzt in Omas Krämerladen und lauscht dem Klatsch und Tratsch der alten Damen – wertvolles Material, das später in die kleinen Comedy-Shows eingebaut wird. Er ist ein komplexer Charakter: Sehr sensibel, klug, nachfragend, lustig, empathisch und hilfsbereit. 

Er ist anders, sagt er von sich. Während sein älterer Bruder am Motorrad rumschraubt, schaut er sich Männer in weißer Feinrippunterwäsche an. Er ist etwas Besonderes. Und Oma Änni prophezeit ihm schon früh eine erfolgreiche Karriere als Komiker. Wie Loriot, dessen Mutter ebenfalls starb, als er erst sechs war. Auch er verbrachte viel Zeit mit alten Herrschaften, die in Kunstfiguren wie Opa Hoppenstedt ihre Spuren hinterließen. 

Übrigens: Hape Kerkeling hat sich als kleiner Junge auf die Rolle von Opa Hoppenstedts Enkel beworben und leider eine Absage kassiert, wie der Film erzählt. Dafür wird Hans-Peters Opa Hermann jetzt von Rudolf Kowalski gespielt, der in Loriots Sketch «Weihnachten bei den Hoppenstedts» einst den Staubsaugervertreter der Firma Heinzelmann verkörperte…  

Zum Schluss meldet sich dann der echte, erwachsene Hape zu Wort, schaut direkt in die Kamera: Es endet mit rührenden Worten über sich selbst.

Ein feiner Film – lustig, traurig, aber vor allem: liebevoll.

Janis Sooß