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Gillett trifft ...

Simon Keenlyside

Schön, Dich in Topform zu sehen, Simon.
Was glaubst Du, wie dankbar ich bin. Ich glaube, ich brauchte einfach mal ein Sabbatical ... ein Jahr Auszeit. Meine Kinder sind noch jung; wenn ich nicht der typische Schattenpapa sein will, müssen wir zusammen ein paar Abenteuer erleben. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn es dazu nicht erst eines Stimmproblems bedurft hätte; auf die Monate in Angst hätte ich gern verzichtet. Aber die Sache ist ausgestanden. Ich habe vor drei Jahren in Tokio als Macbeth wieder angefangen. Die Partie ist ein ziemlich gründlicher Test – und der ist zum Glück nicht nur gut gelaufen, sondern hat auch noch Spaß gemacht. Ich war so froh, wieder zu singen! Aber die unfreiwillige Vollbremsung hat meinen Blick geschärft für das, was ich vom Leben wirklich will. Es ist schwer, die richtige Balance zu finden. Für uns alle, denke ich, egal in welchem Beruf.

Wir standen schon zusammen auf der Bühne, da steckten wir als Künstler praktisch noch in den Windeln:  «Turandot» in der Londoner Wembley-Arena, Ping und Pang! Eines Abends hattest Du einen schlimmen Unfall. Ich habe das Bild noch vor Augen: Du lagst im Korridor am Boden, zusammengekrümmt und weinend vor Schmerz. Dein Fußgelenk sah schrecklich aus.
Wir mussten Schuhe mit Ledersohlen tragen, weißt Du noch? So rutschig, dass man sich auf diesen blankpolierten, mörderisch-glatten Treppenstufen jeden Schritt setzen musste wie auf Eis. Irgendwann passierte es eben doch: Plötzlich flog ich durch die Luft und in den Graben. Ich brach mir den Knöchel und – das fand erst ein Jahr später heraus – auch den Rücken. Der erste Lendenwirbel ... Die Sanitäter rückten nicht mal ein Kühlkissen raus, sie sagten, sie hätten nur eins und könnten das nicht entbehren! Stell Dir das mal vor!

Du hast an dem Abend einfach weitergemacht. Bist auf einem Bein über die Bühne gehüpft, ohne aus der Rolle zu fallen. Es war nicht das Klügste, aber bestimmt das Tapferste, was ich je gesehen habe.
Ich war so jung. Und unendlich eingeschüchtert. Du hättest auch die Zähne zusammengebissen. Wir hatten alle Angst vor den Konsequenzen, es wäre uns nie eingefallen, uns zu beklagen. Lieber Sterben! So was kommt halt vor ...

Themawechsel: Ich empfinde eine Art Hassliebe fürs Singen. Es ist wie die verkorkste Beziehung mit einer unglaublich anstrengenden, bedürftigen Frau. Wie geht es Dir?
Singen ist ein Teil von mir. Etwas, was ich jeden Tag mache. Aber nicht alles, was mich ausmacht. Ich übe, und wenn ich fertig bin, schließe ich das weg – und gehe angeln oder mache irgendetwas anderes. Was ich schwer verstehen kann: Wenn Kollegen «einfach ihren Job machen». Hassliebe – okay, aber Brotjob? Dazu ist der Beruf zu brutal.

Aber Du magst doch den Job ...
Ich liebe all die Kleinigkeiten. Die richtige Art der Vorbereitung für jede Musik zu finden, zum Beispiel. Italienische Oper braucht ein bisschen Eisen in der Stimme. Kraft, Ausdauer und Elastizität: Speck, der in einer heißen Pfanne brät, weißt Du, was ich meine? Fürs Kunstlied nimmt man das lieber zurück, tauscht dieses squillo gegen etwas Weicheres aus. Ich suche nach passenden Registern wie ein Organist. Diese technische Puzzelei hat etwas herrlich Handwerkliches, irgendwie Altmodisches. Mir macht das Freude.

Du bist ständig auf Achse. Wie schaffst Du es zu üben? Wie findest Du ein Plätzchen, wo Du Deine Ruhe hast – und niemanden störst?
Ach, irgendwas ergibt sich immer, wenn man’s versteht, die Gelegenheiten beim Schopf zu packen … In Genf stieg ich immer in meinen Kleiderschrank. In Barcelona war es im Hotel zu still, da entdeckte ich Schiffsdecks für mich – und nahm nachmittags zum Einsingen die Fähre. In Salzburg schlich ich mich spätnachts in den Wald zum Üben. In Madrid kann ich die Seilbahn empfehlen: Da gibt’s Zweierkabinen, eine Hin- und Rückfahrt bringt eine halbe Stunde Ungestörtheit. Es kann passieren, dass ich mich vor einer weltweiten Liveübertragung aus irgendeinem Riesenhaus in einer Besenkammer wiederfinde, zwischen Wischmops und Eimern. Das finde ich irgendwie sogar beruhigend. Es erinnert mich daran, dass alles auf der Bühne bloß Illusion ist.

Du sperrst Dich gegen Presse, Marketing, PR – fast hätte ich Dich zu diesem Gespräch nicht überreden können.
Ich hasse es aus tiefstem Herzen, im Mittelpunkt zu stehen. Ich weiß, Du fragst dich jetzt: Wieso dann die Bühne? Ich weiß es selbst nicht. Wenn ich Glück habe, überwiegt die Freude an der Musik die Scheu. Außerdem spiele ich eine Rolle, muss mich also nicht selbst zeigen. Nur deshalb geht das.

PR ist doch heute Teil des Jobs.
Ich verstehe inzwischen, dass es wichtig und richtig ist, sich bei den Sponsoren zu bedanken, die unsere Gagen zahlen. Aber das kann ich unter vier Augen machen. Dem Rest geh ich aus dem Weg. Aber es ist schwer, diese Haltung zu bewahren. Das Geld wird knapper. Ich finde es schwer, Nein zu sagen, wenn jemand um Hilfe bittet. Junge Sänger müssen so viel davon machen, Social Media, sich verkaufen – in einem Maß, das meine Generation kaum begreift.   

(Aus dem Englischen von Wiebke Roloff)