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Filme und Serien #3

«The Designated Survivor»; «Wonder Wheel»

Netflix: Designated Survivor (2. Staffel)

Wenn man dem Skandalbuch über Donald Trump, das gerade Washington, die USA und einen Teil der westlichen Welt in Aufregung versetzt, wenn man Michael Wolffs «Fire und Fury» glauben darf, dann wollte The Donald nie wirklich Präsident werden, sondern nur «gut» verlieren gegen Hillary Clinton, um danach mit einem nochmals gesteigerten Markt- und Markenwelt als TRUMP weiter gute Geschäfte zu machen und sich im angewöhnten lauen Leben zwischen NY-Tower und FL-Golfplatz zurückzulehnen. 

Nun kam es bekanntlich gegen alle demoskopischen Voraussagen und tycoonischen Wünsche anders – und, glaubt man wiederum Wolff: Trump verwandelte sich in bekannt abrupter Selbstgewissheit und -überschätzung mit dem Wahlergebnis bzw. spätestens bei der Inauguration, die sich am 20. Januar jährt, in «Mr President». Gewählt, gesalbt und unantastbar. Bis auf weiteres. 

Die Szenen aus dem Weißen Haus, die Wolff für die ersten Monate nach der Amtseinführung «erzählt» (der New Yorker Gesellschaftsreporter war selten persönlich dabei, referiert vom Hören-Sagen, manches ist wohl auch, gottseidank, eher Fiktion), sie gleichen einer Soap: «Willkommen bei den Trumps» – mit dem bald gefeuerten Chef-Ideologen und späteren Wolff-Gewährsmann Stephen Bannon als Rasputin inmitten des höllischen Hofes. Nachdem der als Kronzeuge gegen seinen ehemaligen Chef diente, haben ihn die Mercers, milliardenschwere strippenziehende Geldgeber im Hintergrund, auch bei Breitbart, dem rechtsextremen «Nachrichten»-Magazin, gefeuert.

Eine echt fiktive Polit-Soap ist hingegen «Designated Survivor». Da dachte ein Jemand, eigentlich ein politischer Niemand, nicht mal im entferntesten daran, je Präsident zu werden – und wird es. Wider alle Wahrscheinlichkeit. Und wider Willen. Wie konnte das geschehen? Anders als bei Trumps Wahl ist es nicht der – wenn auch numerisch nicht mehrheitliche – Wählerwille, der ihn ins Amt befördert, sondern ein Attentat, bei dem das Kapitol in die Luft fliegt, während der noch amtierende Präsident seine jährliche «State of the Union Address» vor beiden Kammern des Parlaments abgibt. Fast die gesamte Washingtoner Politelite ist dabei routinemäßig anwesend – und wird getötet. Bis auf Tom Kirkman. 

Der ist Minister für Wohnungsbau und Stadtplanung, wurde am Morgen vor dem Attentat vom Präsidenten auf einen eher unwichtigen internationalen Posten weggelobt – und ist nur noch deshalb im Amt, weil er als Designated Survivor fungieren muss. Das ist jener Mann (oder jene Frau), der (die) während einer solchen Versammlung aller Mächtigen nicht anwesend sein darf, damit wenigstens eine/r die verfassungsmäßige Nachfolge antreten kann, falls – ja: falls das Unsagbare und Unwahrscheinlichste passiert. Hier wird’s Ereignis. 

Was folgt in Staffel 1 von «Designated Survivor», kann sich in der Häufung von Intrigen, Verleumdungen, Lügen, Morden mit allem messen, was auch «House of Cards» zu bieten hat(te), jene düstere Serie mit Kevin Spacey und Robin Wright als Mr. and Mrs. President, die als raffiniertere Vorahnung des tumben Trumpismus gesehen werden kann, auch wenn der Immobilien-Populist vorgibt, mit dem althergebrachten Washingtoner Sumpf nichts zu tun zu haben; das stimmt in gewisser Weise, nur hat er eben seinen eigenen mitgebracht. 

Tom Kirkman hingegen geht anfangs als reiner Tor durch das verminte und verschmutzte Washington D.C., bis er langsam lernt, die ungewollte und ungewohnte Macht auszuüben – aus Pflichtbewusstsein und nach bestem Wissen und Gewissen; dabei macht selbst er sich peu-à-peu die Hände etwas schmutzig, weil das Geschäft es so will. Ohne Schmierstoff läuft die Maschinerie nicht. Und ohne die perfekt ineinander greifenden Checks-&-Balances gibt es keine Demokratie. 

Dabei zuzusehen, wie dieser Präsident wider Willen dennoch ein halbwegs anständiger Mensch zu bleiben versucht, ist spannend – als eine Art Entwicklungsdrama auf schneidigem Grat zwischen Machtge-&-missbrauch und zugleich als paradigmatisches Lehrstück in Sachen «Politik als die Kunst des Möglichen». Dabei ist alles ur-amerikanisch und doch auch ein bisserl sehr idealistisch, ja europäisch: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch». 

Im Zentrum steht Kiefer Sutherland, berühmt geworden als Star der Echtzeit-Serie «24 Stunden» und zeitweilig der bestbezahlte Schauspieler der Welt. Er gibt Tom Kirkman als eine mediengerecht veredelte Kitsch-Kopie von Jimmy Carter, der sich aus der unbescholtenen Unbedarftheit des Südstaaten-Erdnussfarmers und Georgia-Gouverneurs erst zum dauernd zaudernden 39. Präsidenten und schließlich zum Weltgewissen und Friedensnobelpreisträger entpuppte. Das ist ebenso beruhigend wie gelegentlich langweilig. Aber um Kirkman tost turbulent der Wirbelwind «Weißes Haus» wie um die leere Mitte. Die erste Staffel ist ein veritabler Soap-Thriller, spannend und böse; die zweite eher ein kleiner Bruder von «Westwing» – und sie endet mit einem Cliffhanger, der die dritte Staffel, sollte es sie geben, in Richtung einer reinen Familientragödie driften lassen könnte... 

Je weiter sich Kirkmans Präsidentschaft jedenfalls normalisiert, desto klarer wird, dass das Amt durchaus (s)einen Mann «prägt». Gibt es also Hoffnung selbst im aktuellen Fall? «Fire and Fury» – und dann kommt die notorisch patente Washingtoner Berufs-Feuerwehr? Vielleicht sollte man Donald J. Trump statt Fox News heimlich mal Netflix und «Designated Survivor» auf einen seiner Großbildschirme schmuggeln, als eine Art Rezeptbuch für passable Präsidentschaft, natürlich in bewegten Bildern. Klar ist: Gott ist kein DJ – und D.J. kein Gott. Nicht mal ein «stabiles Genie». Aber vielleicht bald ein Tom Kirkman, nur aus der umgekehrten Richtung kommend...? 

Michael Merschmeier 

Woody Allens «Wonder Wheel»

Ich war durchaus bereit, «Wonder Wheel» eine Chance zu geben, wenn auch nur eine kleine. Vor allem aber sah ich eine gute Gelegenheit gekommen, mir anhand dieses Films meine bereits zwei Jahrzehnte andauernde Enttäuschung über Woody Allen von der Seele zu schreiben, ein kleiner Wutanfall als Einleitung offizieller Scheidungsverhandlungen vielleicht?

Es war doch Liebe auf den ersten Blick gewesen! Ich war noch nicht einmal volljährig, als ich ihn kennenlernte, und es war gar kein richtiger Woody-Allen-Film, «written and directed» von ihm und natürlich auch in der Hauptrolle diesen komischen kleinen New Yorker Juden spielend, in den sich dann alle Kinogeher (auch einige Frauen darunter) verliebten: Ja, so wollten wir einmal werden, irgendwas mit Medien (wir sagten damals Film oder Journalismus) machen, und dann immer in endlosen, psychoanalytisch grundierten Beziehungsgesprächen die schönen Frauen (rum)kriegen. 1965 war das, in «Was gibt’s Neues, Pussy?», Woody Allen hatte das Drehbuch geschrieben, trat auch in einer (guten) Nebenrolle auf, und seitdem sind wir ein Paar!

Über die nächsten dreißig Jahre unserer Beziehung ist nur zu sagen, dass es ein einziger Honeymoon war, regelmäßig entstanden gute oder sehr gute Filme, Stücker zwanzig davon könnte ich auf die Insel mitnehmen. Und dann, im neuen Jahrhundert, war plötzlich Schluss. Ja, gut, es gab noch «Matchpoint» (2005) und «Blue Jasmine» (2011), und vielleicht könnte man sich darüber streiten, ob nicht «Scoop» oder «Midnight in Paris» eigentlich ganz okay gewesen seien – aber zumeist kam ich nun enttäuscht oder gar empört aus dem Kino, und meine Freunde auch: Hatte er sein Talent völlig verloren? Oder schlimmer noch: War er nie so gut gewesen, wie wir gedacht hatten?

Und dann beginnt «Wonder Wheel», die Credits in dieser unglaublich altmodischen Woody-Allen-Schrift, die Schauspieler «in alphabetical order», der schmelzend schöne Song «Coney Island Washboard» von den göttlichen Mills Brothers, das erste Bild ist eine Totale des berühmten New Yorker Vergnügungsparks mit Strandgewimmel, in diesen etwas ausgebleichten Kodakfarben der Fünfziger, von innen leuchtend wie ein Foto von Jeff Wall, Meisterkameramann Vittorio Storaro hat’s gemacht, und da ahnte ich schon, dass es mit einer kritischen Abrechnung DIESMAL wohl nichts werden würde.

Was aber nicht an Nostalgie oder meiner Sentimentalität liegt, sondern daran, dass «Wonder Wheel» ein guter Film ist. Nicht ganz originell, einer seiner Vorläufer, der beste dieser Serie, ist «Verbrechen und andere Kleinigkeiten» (1989), in diesen Filmen geht es Allen im Kern immer um den Wunsch, einen sehr ärgerlichen Störenfried aus dem Leben des Helden entfernen zu lassen, am besten durch Mord. Und er gehört auch in die Reihe der Filme, in denen das Theater/der Film Besitz von den Protagonisten ergreift und dann sie und ihre Liebsten zerstört – über beide Themen hat Woody Allen oft nachgedacht, immer finsterer und fieser werdend, es sind offenbar und in erschreckender Weise seine regelrechten Obsessionen. 

Doch diesmal, in «Wonder Wheel», klappt es wieder, obwohl es nichts zu lachen gibt: Kamera und Musik sind, wie gesagt, vom Allerfeinsten, auch die Schauspieler überzeugen, Kate Winslet, klar, als verblühende Kellnerin in einem Strandimbiss ist großartig, James Belushi als prolliger, rührender Karussellmann, Juno Temple als hübsche (Mafia-)Braut mit gutem Herzen und sogar, Überraschung, Justin Timberlake, der nicht nur einen leckeren, halbbekleideten Rettungsschwimmer mit Ambitionen fürs Theaterstückeschreiben hinkriegen muss, sondern auch noch als Erzähler figuriert. Anfangs wirkt er wie einer dieser gutaussehenden Narzissten, die in aller Ruhe Unglück und Zerstörung bringen, aber der Regisseur lässt ihm überraschenderweise seine Nettigkeit, seine Zugewandtheit, «dekonstruiert» ihn nicht. 

Das Bittere, Verzweifelte, das Misanthropische des Woody Allen wird Kate Winslet aufgebürdet. Aber im Unterschied zu so vielen seiner späten Filme macht sich der Regisseur diesmal nicht lustig über seine Hauptfigur oder bleibt sozusagen teilnahmslos-erbarmungslos, sondern zeigt etwas Mitgefühl – und da wird mir klar, dass mein Befremden über das Spätwerk Allens nicht nur dem ästhetischen Niedergang geschuldet war, nachlassender Originalität, Kreativität (was ja, bei einem achtzigjährigen Regisseur, nicht so verwunderlich wäre), sondern eigentlich moralische Gründe hatte: Widerwillen ob der unverhohlenen Freude eines Greises, in seinem Werk die Figuren, sein Spielzeug, seine Menschlein, am liebsten Frauen, zu quälen wie ein böses Kind bzw. wie Gott, wenn Sie sich an die Sache mit Hiob erinnern.

«Wonder Wheel» ist eine Art Theaterstück, es wird unsagbar viel gequasselt, ist auch gelegentlich etwas ungelenk, «clumsy», theatralisch eben; Winslet verheddert sich in ihre Jugendträume, als sie Schauspielerin werden wollte, und nun, als alternde Kellnerin, will sie diese Träume wiederbeleben in einer verzweifelten Liebesaffäre … Das klingt schrecklich, aber der Film ist zum Glück kein Ibsen- oder Bergman-Pastiche (wie «Innenleben» und «September»), sondern eher von Eugene O’Neill oder, noch besser, Tennessee Williams: Kate Winslet ist auch die Blanche aus «Endstation Sehnsucht», eine der anrührendsten Zicken der Theater- und Filmgeschichte (Vivien Leigh!). Kein GROSSER Film, kein Geniestreich; ein schönes, trauriges, bewegendes Stück, das manche Leute dem greisen Woody Allen gar nicht mehr zugetraut hätten.

Kurt Scheel