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Filme und Serien #4

«Die dunkelste Stunde», «Der andere Liebhaber»

Die dunkelste Stunde

Noch ein Churchill-Film? Und ist nicht das Biopic sowieso das dümmste Genre, vorhersehbar, klischeehaft, oft schlicht verlogen, wenn es den großen Helden feiert, der unbeugsam gegen eine Welt von Feinden steht, verlacht und verkannt, aber dann, ganz knapp vor Toresschluss, bekommt er doch Recht und seinen verdienten Triumphzug, jedenfalls bei uns, dem Kinopublikum?

«Die dunkelste Stunde» / «Darkest Hour» (2017) spielt in den ersten Amts-Wochen des neuen Premierministers Winston Churchill, der den Appeaser Chamberlain abgelöst hat, im Mai und Juni 1940, als die deutschen Armeen Holland, Belgien, Frankreich überrollen, die britischen Truppen in Dünkirchen eingekesselt werden, als der Krieg schon verloren scheint.

Das glaubt nicht nur Außenminister Halifax (Stephen Dillane), das glaubt fast das gesamte Kriegskabinett, und deshalb sollen Friedensgespräche mit Deutschland ins Auge gefasst werden. Nur Churchill (Gary Oldman) glaubt das nicht, denn er WEISS, schreit er wie von Sinnen, dass man mit Hitler, dieser Bestie, nicht verhandeln kann! Und dann gelingt es diesem Kriegshetzer tatsächlich und auch noch mit öffentlichen Reden, mit Argumenten und Rhetorik, Politiker und Presse, Bevölkerung und König zu beeindrucken und von seiner Sichtweise zu überzeugen.

Zwei seiner berühmten Kriegsreden spielen deshalb in diesem Film eine wichtige Rolle, wir sehen, wie er sie seiner Sekretärin (Lily James) diktiert, hervornuschelt, die Tasten der Schreibmaschine klappern, und dann werden diese Wörter zur Rede, die in die Schlacht geführt wird: Als er am 13. Mai den Briten nichts anderes verspricht als «blood, toil, tears and sweat», und die Rede vom 4. Juni, «we shall fight on the beaches» – und dann stapft er trotzig heraus aus dem Unterhaus, auf uns und die Kamera zu, im Hintergrund die jubelnden Abgeordneten, das idealtypische Schlussbild eines Biopic, in seiner Vorhersehbarkeit fast zum Lachen und trotzdem anrührend und eindrucksvoll.

Der Film hat mir gut gefallen, und nicht nur, weil ich seit vielen Jahren ein Churchill-Verehrer bin. Es begann, als ich seine Autobiographie las, «Meine frühen Jahre», 1930 erschienen, da hatte er seine politische Zukunft eigentlich schon hinter sich, und ich entdeckte eine atemberaubend selbstironisch und selbstbewusst erzählte Lebensgeschichte. Allein dafür hätte er den Literatur-Nobelpreis verdient gehabt, den er dann 1953 für eines seiner historischen Werke erhielt. 

Joe Wrights Film ist deshalb bemerkenswert und gelungen, weil er sich, über den Daumen gepeilt, an die historische Wahrheit hält; weil er sich auf eine überschaubare Zeit beschränkt, also nicht alle wohlbekannten Stationen, von der Wiege bis zur Bahre, abklappern muss. Und weil er sich sogar traut, die unangenehmen Seiten seines Helden, von denen es mehr als genug gibt, anzudeuten, ohne gleich den Winston mit seinem Bade auszuschütten und ihn ideologiekritisch zu «dekonstruieren».

Kurz gesprochen: Churchill war in ganz selbstverständlicher Weise Rassist, Imperialist, Krieger (übrigens kein guter Soldat, er wollte immer mittels Protektion die Befehlskette umgehen), ein Kind des Viktorianismus (er war fünfzehn Jahre älter als Hitler!). Und diese schon damals unzeitgemäße Figur – Alkoholiker mit depressiven Schüben, egoman, rücksichtslos, hochfahrend – hat dann tatsächlich die Welt gerettet, fast könnte man sagen: allein.

Seine Begabungen, sein rhetorisches Genie (für den Beruf des Politikers nicht ganz unwichtig), seine Schlagfertigkeit, sein Witz, die funkelnde Bosheit, der Fleiß, der Mut, die Energie – all das kann seine finsteren Seiten nicht vergessen machen. Aber vielleicht ist genau das der Skandal und ein Grund, warum uns Churchill bis heute so sehr interessiert: eine moralisch und politisch rätselhafte Figur, die nicht in unseren demokratischen Kosmos von Untadeligkeit passt und den heutigen Ansichten über Politik und Politiker keineswegs entspricht.

Gary Oldham macht seine Sache sehr gut, aber meinetwegen hätte es dieser maskenbildnerischen Materialschlacht nicht bedurft, jeden Drehtag fünf Stunden Auf- und Abbau der Gesichtsprothesen. Albert Finney in «The Gathering Storm» oder Simon Ward in «Der junge Löwe», sogar Brian Cox im (missglückten) «Churchill» bewegen sich wie Winston, schieben die Unterlippe charakteristisch vor, wüten wie er, und das reicht, mehr Ähnlichkeit ist gar nicht nötig, um ihn glaubhaft zum Leben zu erwecken.

Wright geht intelligent und elegant mit den Schwächen des Genres um, in den unvermeidlichen pathetischen Szenen verfremdet er diese ein wenig, theatralisiert sie, als sei dies ein Gemälde, und so entsteht Distanz. Auch die physische und gelegentlich psychische Gebrechlichkeit des Helden wird nicht verschwiegen, sondern eher ausgestellt: Volksaufklärung statt Legendenbildung. Der Film ist in einem altmodischen Sinne lehrreich, ästhetisch und schauspielerisch eindrucksvoll, sehr guter Schulfunk sozusagen, und ich meine das als Kompliment.

Leider gibt es auch zwei Mängelrügen: viel zuviel Musik (Dario Marianelli), und meistens ist sie viel zu erhaben. Und die zentrale Szene in der U-Bahn, in der Churchill ausnahmsweise in Kontakt mit den normalen Briten gerät, aus diesem Treffen Kraft für seine schwere Aufgabe schöpfend, ist ausgedacht und kitschig-verlogen, ein Hollywood-Winston fürs globale Publikum, das hätte nicht sein müssen.

Viele der berühmten Sprüche von ihm und über ihn arbeitet der Film brav ab. Eine meiner liebsten Szenen ist die vom Ende des Krieges, VE-Day, eine begeisterte Menge will ihren Winston sehen, und dann tritt er auf den Balkon von Whitehall und hebt sehr staatsmännisch an: «This is YOUR victory», und die feiernde Menge grölt gutgelaunt zurück: «No, it is YOURS!», und da muss er, der alte «blubberer», wieder weinen. Zwei Monate später wählen dieselben Leute dann ihren Kriegshelden als Premier ab. Was für ein merkwürdiges Volk, diese Briten. Ruhm und Dank, dass Ihr uns gerettet habt.

Kurt Scheel

Der andere Liebhaber

Der neue Film von François Ozon beginnt mit Bildern, die ebenso unerhört wie selbstverständlich sind: Man blickt in ein pulsierendes ungefähres Etwas, ein pochendes Herz?, eine offene Wunde?, und es dauert eine ewige Sekunde, bis man begreift – wir schauen gemeinsam mit der Gynäkologin durch ein Spekulum in eine Vagina. Die Vagina von Chloé. Danach sehen wir sie beim Friseur, ihr langes Haar wird gekappt und fällt. 

Man kann die weitere Handlung einfach beschreiben: Eine junge Frau, seelisch ungefestigt, gerät zwischen zwei Männer, Zwillinge, die unterschiedlicher nicht sein könnten, der eine gut und einfühlsam, der andere kalt und herrschsüchtig – und verliert sich im Chaos ihrer emotionalen und sexuellen Verstrickungen und Hörigkeiten. Am Ende gibt es einen Toten; und es ist überraschenderweise nicht der Gute, der sterben muss. Gibt es einen Toten? Und wenn ja: Ist es wirklich der Böse?

Man kann die weitere Handlung auch komplizierter beschreiben: Eine junge Frau, die seit langem unter Schmerzen im Unterbauch leidet, geht auf Anraten ihrer Gynäkologin, die psychosomatische Malaisen vermutet, zu einem psychoanalytischen Therapeuten. Eine Reihe von tief-schürfenden Sitzungen beginnt, das Mutter-Tochter-Verhältnis wird analysiert, das Triebleben ausgeleuchtet, und der Therapeut schweigt, während sie redet – ganz dem Regelwerk gemäß. Dabei geschieht das seit Freuds Zeiten zutiefst Verbotene: Er verliebt sich in sie, nachdem sie sich längst, wie es die Übertragungsdynamik verlangt, in ihn verliebt hatte. Ende der Therapie, Beginn der Liebesbeziehung. Sie ziehen zusammen, eine cleane Yuppie-Wohnung mit Blick über Paris und geschwätziger Nachbarin, die Katzen liebt – wie auch die junge Frau. Der Mann liebt Katzen gar nicht. 

Ein Idyll. Das lang schon arbeitslose Model findet bald Arbeit in einem Museum, als Aufsicht. Flaniert zwischen Kunstwerken. Welt der schönen Bilder. Doch der Schein trügt. Es gibt ja den bösen Bruder, auch er Analytiker, doch mit völlig anderen Methoden. Sie sieht ihn per Zufall bei der Heimfahrt vom Bus aus. Sie ist frappiert. Hält ihn für ihren Mann auf Abwegen, der sie betrügt. Sie befragt Paul. Der bestreitet das. Aber es kommt heraus, dass er einen Zwillingsbruder hat – mit anderem Familiennamen.

Sie sucht den Paul so ähnlichen Fremden. Findet ihn. Findet den anderen Therapeuten. Louis Delord. Will seine Patientin werden. Er nimmt sie an. Nimmt sie hart ran, ist direkt (anders als zuvor Paul), ist direktiv im Therapeutischen, im Sozialen – und Sexuellen. Und doch ist dieser Louis seinem guten Zwillingsbruder so ähnlich wie eine Seite der Medaille der anderen. Und die jungen Frau hat beides in sich: die Scheue und eher Frigide – und die haltlos Verhurte, die eine noch unbekannte sexuelle Sensation in sich sucht und vom anderen Liebhaber «herausficken» lässt – mit heillosen Folgen.

Wie immer in den jüngsten Ozon-Filmen geraten wir in ein Wechselbad der Bilder, es spiegeln sich die Akteure in Spiegeln – und auch die Spiegel spiegeln sich in Spiegeln. Wir erklimmen Wendeltreppen mit der Protagonistin und der (ver-)folgenden Kamera, in fast unendlich anmutende Höhen. Wir verlieren uns in kalkulierten Vexierspielen, in einem Identitäten-Kaleidoskop – und wissen im weiteren Verlauf des Films nicht mehr, was «reale» Handlung, was Traum oder Wahn einer Figur, was allseitiges Wahrnehmungs-Wirrwarr ist. Jedenfalls auf den ersten Blick, beim ersten Sehen. 

Marine Vacth spielt Chloé, die junge Zerrissene. Sie hatte in «Jung und schön» ihre erste Hauptrolle in einem Ozon-Film. In «Der andere Liebhaber» ist sie die perfekte, porös-alabasterne Projektionsfläche. Ein Kunstwerk im Filmkunstwerk. Ihre Schönheit ist streng wie ihre darstellerischen Mittel, alles sparsam. Sie ist, zumindest mental, passiv-aggressiv. Ein imaginierendes (oder von sich selbst imaginiertes?) Opfer ihrer Biographie, der Umstände, der Männer. Ihre Geschichte ist am Ende nicht auserzählt, trotz allem, was wir gesehen zu haben glauben. Sie bleibt sich und den Zuschauern ein Geheimnis.

Was nicht verwundert. Wir sind ja in einem Film von Ozon und deshalb nie auf der sicheren Sicht-Seite. Neben der zäh-zarten Protagonistin brilliert Jérémie Renier (auch er schon öfter in Ozon-Filmen besetzt) als idealer Verkörperer des symbolisch aufgeladenen Doppelgänger-Motivs. Paul Meyer, der Gute, ist ein liebenswerter dreitagebärtiger Softie. Louis Delord, der Böse, ein gewalttätiger glattgesichtiger Sex-Maniak. Beide Männer sind jedoch auf ihre Weise Verführer, keiner ist ungefährlich. Denn beide zerstören – wenn es sie denn überhaupt wirklich als Zwillingsbrüder gibt – die Welt, die Einbildungswelt von Chloé. Bis sie sich selbst dort ebenfalls verzwillingt, damit sie ohne völlige Zerreißung doppelt lieben kann.

Nicht nur Renier spielt zwei Figuren. Auch Jacqueline Bisset, immer noch schöner Alt-Star des europäischen Kinos, glänzt einmal als Chloés ungeliebte Mutter; zum anderen als Mutter einer (von Chloé nur herbeiphantasierten?) Sandra, die ein Pflegefall ist, seitdem sie – vor Jahren – von den beiden Brüdern geliebt und bei einem vom bösen Louis verursachten Unfall fast umgekommen wäre. Wenn es denn stimmt. Denn auch diese Episode, ein Seitenstrang der großen Liebeserzählung von Chloé, der Wanderin zwischen Wahn und Wirklichkeit, ist nicht «sicher». Immer wieder rutscht die scheinbare klare Filmhandlung zwischen Erzählrealitäten hin und her und – aus. 

«Der andere Liebhaber» sei, so Ozon, inspiriert von Joyce Carol Oates’ «Lives of the Twins» und von vielen Filmen – ein kulturschwangeres artistisches Patchwork-Feuerwerk. Freuds Traumdeutung spielt eine Rolle, es werden vielerlei symbolische Rufzeichen gesetzt: kannibalistische Zwillinge, die genetischen Codes einer Schildpattkatze. Manchmal gerät die Kino-Kunst vor lauter Bedeutungshuberei in die Nähe von Kitsch. 

Um herauszufinden, ob es mehr Kunst oder Kitsch ist, habe ich «Der andere Liebhaber» zweimal angeschaut. Beim zweiten Sehen funktioniert die inszenatorische Überrumpelung weit weniger, großäugige Überraschtheit weicht kenntnisreicherer Bewunderung für das detailgenaue dramaturgische und visuelle Puzzle, das Ozon als filmisches Filigranwerk gestaltet hat. Und ja: Es ist nicht Kunst oder Kitsch, sondern ein unbekanntes Drittes, das sich behauptet jenseits der spontanen Urteils-Fähigkeit und der nachprüfenden Dechiffrier-Willigkeit. Was man oder frau, was jeder Zuschauer sieht, dürfte jeweils etwas anderes, aber immer Bemerkenswertes, Irritierendes, In-Erinnerung-Bleibendes sein.

Mehr vom Plot sei nicht verraten. Es ist ja auch ein Psycho-Krimi. Atmosphärisch mitunter spooky wie Roman Polanskis Klassiker «Rosemaries Baby». Ansehen! Auch zweimal Ansehen lohnt sich. Doch selbst dann bleibt «Der andere Liebhaber» letztlich schön rätselhaft. Und das ist auch gut so. 

Michael Merschmeier