Theater / Kommentar

Kleine Dramenschule

Ein Leitfaden für vielgespielte neue Stücke

Ein Artikel von Clara Muster

Hintergrundbild von Max Mustermann

Hand aufs Herz: Darf man 162 Menschen vom Himmel schießen, um möglicherweise eine Katastrophe in der Münchner Allianz-Arena zu verhindern? Weil ein Terrorist einen Airbus gekapert hat und droht, ihn ins laufende Länderspiel zu stürzen? Nein, darf man natürlich nicht. Das Bundesverfassungsgericht hat ein etwas übereifriges Gesetz der Schröder-Regierung von 2005 denn auch bald kassiert. Aber wenn man's trotzdem tut, als ein 162 Menschenleben gegen vielleicht viel mehr Tote abwägender Bundeswehr-Pilot? Dann wartet die Polizei, und es gibt einen Prozess.

«Terror», das erste Theaterstück des Bestseller-Autors und Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, gibt diese Gerichtsverhandlung wieder. Es referiert ausgiebig die juristischen Argumente, erläutert anhand von Zeugenaussagen die Umstände der bundesdeutschen Luftverteidigung, führt einen auskunftsfreudigen Angeklagten vor, lädt Staatsanwaltschaft und Verteidigung zu länglichen Plädoyers, erläutert nebenbei die Abläufe eines Strafpro-zesses und streut ein paar einschlägige Kant-Zitate und Juristenanekdoten ein. Alles schön der Reihe nach. Am Ende darf das Publikum abstimmen, ob der Angeklagte schuldig sei oder nicht. Je nach Ergebnis wird die entsprechende Urteilsbegründung verlesen. Nach knapp zwei Stunden ist der Fall entschieden.

Wirklich erstaunlich daran ist nur, dass Schirachs Dramatiker-Debüt, das Anfang Oktober in Berlin und Frankfurt gleichzeitig Premiere hatte und an einem weiteren Dutzend Theater nachgespielt wird, das meistaufgeführte neue deutsche Drama der Saison sein dürfte. Und das zu Zeiten, in denen Nachspiele deutschsprachiger Stücke immer seltener in den Spielplänen auftauchen, weil neue Texte nach ihrer Uraufführung hauptsächlich wie Fallobst behandelt werden. Was ist da also los? Wie hat Ferdinand von Schirach das geschafft? Was ist bloß sein unglaubliches, rekordverdächtiges Erfolgsrezept?

Nach gewissenhafter Lektüre lässt sich dazu einiges sagen.Wenn Sie, liebe Dramatikerin, lieber Dramatiker, demnächst einen neuen Schirach schreiben wollen, lassen Sie keine Fragen offen, sondern erklären alles in leicht fasslicher Breite. Vermeiden Sie unbedingt alle poetischen Mehrdeutigkeiten oder sumpfigen Interpretations-zonen. Vor allem: bitte kein Kunstverdacht. Bewegen Sie sich ästhetisch - wenn man das verräterische Wort überhaupt in den Mund zu nehmen wagt - möglichst in den ausgetretensten Bahnen. Ein solides 50er-Jahre-Gerichts drama ist immer hilfreich.

Machen Sie außerdem Ihr Stück, so gut es geht, regietheatersicher. Denken Sie am besten erst gar nicht ans Theater, sondern an ein Hörspiel. Regisseuren ist nie zu trauen, Schauspielern auch nur bedingt. Schreiben sie Ihren Text möglichst so, dass man ihn eigentlich nur aufsagen muss, und alles andere auch wirklich sinnlos wäre. Verteilen Sie Ihre Argumente möglichst hölzern auf zweibeinige Thesenträger. Schauspieler sollen textsicher sein und sich nicht einbilden, dass sie auch noch Künstler wären.

Um ein hochmoralisches Thema sollte es sich bei Ihrem Stück schon drehen Leben oder Sterben und am besten in einem apokalyptischen Szenario: Leben und Sterben. Bleiben Sie dabei strikt realistisch. Alles, was nicht genauso gut in der Zeitung stehen könnte, strengt die Vorstellungs-kraft nur unnötig an.

Eine kleine Prise Partizipation am Schluss kann nicht schaden. Aber machen Sie's kurz: Ein klares Ja oder Nein muss genügen. Und wählen Sie einen eingängigen Titel, der die Sache knackig auf den Punkt bringt. «Der Prozess» wäre auch gegangen, aber den gibt es ja schon.

Viel Erfolg! Die deutschen Theater werden es Ihnen danken.