Ein bisschen was Geistliches
Alle Jahre wieder: das Weihnachtsoratorium
Hintergrundbild und kleines Bild: Der Dresdner Kreuzchor präsentiert in Begleitung durch das Orchester der Dresdner Philharmonie in der Kreuzkirche Dresden das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Foto: Marko Förster/dpa
Auch 2018 stehen sie wieder hundertfach auf den Konzertkalendern: Die sechs Kantaten, die Johann Sebastian Bach an den Weihnachtsfeiertagen 1734/35 in Leipzig erstmals aufführte. Dass sie heute fast immer in der Advents- anstelle der Weihnachtszeit aufgeführt werden, stört dabei niemanden. Wer will schon im Internetzeitalter auf etwas warten oder gar über das Warten nachdenken? Nein, die Bachschen Adventskantaten «Nun komm der Heiden Heiland» oder «Schwingt freudig euch empor» schaffen es nicht auf die Programme. Lieber wird mit dem Weihnachtsoratorium weihnachtliche Freude schon in die Adventszeit importiert.
Und das sogar mit einem gewissen Recht, denn worüber man sich freut, ärgert oder Lust empfindet – da hat es Bach selbst auch nicht so genau genommen. «Jauchzet, frohlocket», heißt es in der uns vertrauten 1. Kantate, «rühmet, was heute der Höchste getan». Um den gerade geborenen Erlöser geht es da...
... im Jahr zuvor, 1733, war dieser «Höchste» noch die sächsische Kurfürstin Maria Josepha gewesen. Für deren Geburtstag hatte Bach die Musik nämlich komponiert - «Königin lebe, wird fröhlich geruft», heißt es da. Und weil die Kantate mit «Tönet ihr Pauken, erschallet Trompeten» anhebt, beginnt auch das Weihnachtsoratorium mit Solo-Pauken.
«Schlafe mein Liebster» aus: Bach Kantate BWV 213. In: Sämtliche Kantaten Vol. 5; Ton Koopman. Challenge 2003
Recycling im wahrsten Sinne des Wortes – war doch eine einmal aufgeführte Geburtstagskantate nach einmaligem Gebrauch von keinerlei Nutzen mehr, eine Wiederverwendung also nur vernünftig. So vernünftig, dass auch anrüchigere Analogien akzeptiert wurden. Wie die der Jungfrau Maria mit der Wollust. «Schlafe mein Liebster und pflege der Ruh, folge der Lockung entbrannter Gedanken! Schmecke die Lust Der lüsternen Brust, und erkenne keine Schranken» hatte die Figur der «Wollust» 1733 dem Herkules empfohlen, in einer Geburtstagskantate für den Kurprinzen zu Sachsen.
Ob sich wohl jemand gewundert hat in Leipzig, als er ein Jahr später dieselbe Musik hörte, als Mariae Wiegenlied? «Schlafe mein Liebster genieße der Ruhe», heißt es immer noch, und sogar die Lust an der Brust ist noch da: «Labe die Brust, empfinde die Lust, wo wir unser Herz erfreuen».
Ob Herkules im Original und Jesus in der Kopie der Verlockung lustvollen Einschlafens nachgeben, wird in den weiteren Texten nicht erzählt. Herkules immerhin wandte sich dann doch lieber der «Tugend» als der «Wollust» zu: «Ich bin Deine, Du bist meine, küsse mich, ich küsse Dich» singen Herkules und die Tugend ihn einem Duett...
... das es ebenfalls ins Weihnachtsoratorium gebracht hat, als «Herr Dein Mitleid, Dein Erbarmen, tröstet uns und macht uns frei» - auch hier wird die innige Verbindung eines Paares umstandslos von der körperlichen in die geistliche Sphäre übertragen.
Doch möglich ist noch viel mehr! Mit den Worten «Ich will dich nicht hören, ich will dich nicht wissen, Verworfene Wollust, ich kenne dich nicht» hatte Herkules das Werben der armen «Wollust» verschmäht und sich entschieden der «Tugend» zugewendet...
...in der 1. Kantate des Weihnachtsoratoriums wird daraus «Bereite Dich Zion mit zärtlichen Trieben, Den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn!». Freudig Vorbereitung hier, Ablehnung dort: Offenbar ging es Bach nur um die Entschlossenheit, mit der man an eine Aufgabe herangeht. Egal, welche.
Klemens Hippel