«Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag‘ ich dir den Schädel ein». Welch ungewöhnlicher Beginn für einen Konzertbericht! Das «Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes», die Leipziger Volkszeitung, wählte ihn am 2. Januar 1919 für einen ausführlichen Beitrag zu einem Silvesterkonzert. Zu dessen Inhalt man dann auch nach ausführlichen antikapitalistischen Ausführungen zum Krieg und dessen Unmoral kam.
Kultur statt Alkohol
Vor 100 Jahren: Arthur Nikisch dirigiert erstmals Beethovens 9. zum Jahreswechsel
Wer hätte damals ahnen können, dass diese »Friedens- und Freiheitsfeier» mit dem berühmten Dirigenten Arthur Nikisch eine nationale Tradition begründen sollte? Seit diesem Konzert vor genau 100 Jahren lässt man immer wieder das alte Jahr mit Beethovens 9. Sinfonie ausklingen.
Obwohl das damals eigentlich ganz anders gemeint war. Nicht das Alte sollte ausklingen, das Neue begrüßen wollte man. Und hatte daher um 23 Uhr angefangen, damit pünktlich zum Jahreswechsel die «Ode an die Freude» erklingen konnte. Kultur statt Alkohol zum Jahreswechsel. Heute spielt man eher um 18 Uhr, damit man rechtzeitig zum Feiern kommt. Doch damals waren 3000 Menschen angetreten, um mit dem vom Arbeiterbildungsinstitut veranstalteten Konzert ins «erste Jahr eines neuen Zeitalters» zu gelangen.
Verbunden war das Konzert damals mit einem kulturellen Anspruch, der es in sich hatte: «Lauterer und wahrer kann niemals die Freude am Anfang eines Jahres gewesen sein, als hier, wo sie in der Freude an der Freude bestand...», schreibt der Rezensent Rudolf Franz. Und rechnet offenbar mit einem Leser, der den Text der «Ode an die Freude» kennt! Und der Satzkonstruktionen wie diese verfolgen kann: «Den leuchtendsten Ausdruck jener Glanzzeit des menschlichen Geistes in Deutschland schuf in ihrem Ausgang Beethovens größtes Werk.»
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – solche Formulierung findet man heute nicht einmal in der ZEIT oder FAZ. Zugegeben, Rudolf Franz war selbst kein Arbeiter, sondern hatte über Ibsen promoviert. Aber so jemand schrieb damals in einer revolutionären Zeitung. Und deren Leser waren geneigt oder jedenfalls in der Lage, seine Ideen zu verstehen: «War es in seiner ganz verteufelt humanen Gesinnung dem erwachsenen Musikfreund schon immer das, was dem Kinde das «Stille Nacht, heilige Nacht» zu sein pflegt, so bekam es jetzt all die tiefere Bedeutung, die ihm nur jemals durch die Entwicklung menschlicher Angelegenheiten zuteil werden konnte.»
Klemens Hippel