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Timing ist Trumpf

Die Sopranistin Dorothea Röschmann

Bewegt eine lyrische Sopranistin schon recht früh der Gedanke: «Wie kann und werde ich einst von der Susanna wegkommen?»
Komischerweise nicht. Eine dramatische Auseinandersetzung mit Text liegt mir von Natur aus. Schon im Chor wollte ich immer Evangelist sein. Mich hat fasziniert, wie hier auf fast schauspielerische Art mit Timing, Ausdruck und Ausbrüchen gearbeitet und Musik ausgedrückt wurde, so dass man das Publikum an die Angel bekommt. Einfach Geschichten erzählen, darum geht es doch. Schon als ich Anfang 20 war, wollte ich mich dramatischeren Aufgaben stellen. Mir wurde aber der sehr gute Rat gegeben: Du musst erst durch die Zerlinas, Barbarinas usw. durch, um Erfahrungen zu sammeln und zu begreifen, ob du den richtigen Weg einschlägst.

Sie empfanden das nicht als Wartezimmer?
Nein, es gab ja genug zu tun. Die Susanna zum Beispiel ist ein so wunderbarer Charakter, mit dem man gern eine lange Zeit verbringt. Parallel dazu habe ich schon für anderes trainiert – und als die Anfrage für die «Figaro»-Gräfin kam, war ich bereit. Es kommt natürlich immer darauf an, mit wem man das erste Mal riskiert. Gerade die schlechten Erfahrungen kriegt man aus dem Gehirn und dem Körper ganz schwer wieder heraus. Ich hatte das Glück, dass mich Daniel Barenboim für die Gräfin gefragt hat.

Bei Mozart bewegten Sie sich in einem extremen Spannungsfeld zwischen Barenboim und Nikolaus Harnoncourt. Wie vermeidet man da schizophrene Situationen?
Es funktionierte, gerade weil beide so verschieden waren. Beide Richtungen haben mich unglaublich bereichert. Abgesehen davon, dass mir Harnoncourt dieses enorme Vertrauen entgegenbrachte, mich 1995 in Salzburg als Susanna zu besetzen. Er war damals sieben Wochen lang bei jeder szenischen Probe. Zu Regisseur Luc Bondy sagte er: «Ich bin der erste Zuschauer, ich stelle die Fragen, wenn ich etwas nicht verstehe.» Und das hat er auch getan. Fantastisch.

Ganz interessant ist: Ich bin schon mehrfach gefragt worden, ob ich nicht auch unterrichten möchte. Diese Verantwortung kann und will ich aber derzeit nicht übernehmen, weil ich noch zu beschäftigt bin, auch mit der Familie. Vor zwei Jahren habe ich aber einer Kollegin, die Susanna studierte, ein paar Tipps gegeben. Und alles, was mir Barenboim und Harnoncourt sagten, kam wieder hervor. Harnoncourt meinte etwa, Pausen seien mit das Spannendste überhaupt. Mit Timing könne man – wie ein Schauspieler – alles machen, alles sagen. Es muss natürlich immer ausgefüllt sein mit Energie. Bei Harnoncourt war das körperlich zu spüren.

Das vollständige Interview
finden Sie in Opernwelt 11/19