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Jessye Norman

in memoriam

Sopran? Mezzo? Die Norman hat sich selbst am meisten lustig gemacht über diese Schubladen: als ob das irgendetwas zu bedeuten hätte. Bei Riccardo Mutis Münchner Dirigenten-Debüt 1981 mit einem noch heute legendären, nur als Raubkopie erhältlichen Verdi-Requiem sang Jessye Norman die oberste Stimme (an der Seite von Agnes Baltsa); bei Claudio Abbado in Edinburgh bewegte sie sich eine Etage tiefer neben dem Engelssopran von Margaret Price. Doch nicht nur in solchen Fällen entzog sie sich Einordnungen. Von Beginn an, ab dem Sieg im Münchner ARD-Wettbewerb Anno 1968, war da Staunen.

Über die ozeanische, weltumarmende Fülle einer Stimme und – manchmal hinter vorgehaltener Hand, manchmal auch ungalant direkt – über das entsprechende Erscheinungsbild. Es ist eine Mär, dass Jessye Norman sofort durchstarten konnte. Am Münchner Gärtnerplatztheater, damals durchaus interessiert an dieser im US-Bundestaat Georgia geborenen Wunderfrau, mehrten sich Zweifel: Welche Bühnenfigur ihr wohl überhaupt passen könnte? Die Deutsche Oper Berlin griff schließlich zu – und sehr hoch. In einer Wiederaufnahme des «Tannhäuser» durfte Jessye Norman 1969 ohne Bühnenprobe debütieren und bekam noch in der Pause einen Vierjahresvertrag vorgelegt...

In einem Krankenhaus in Manhattan ist Jessye Norman mit 74 Jahren gestorben. Dieses größte Rätsel des Menschseins hat sie selbst wie keine andere in Klang gegossen. «Ist dies etwa der Tod?», die letzte Zeile der «Vier letzten Lieder», singt die Norman wie entmaterialisiert, ein im Doppelsinn unfassbares Amalgam von Orchesterklang und Stimme. Nicht unbedingt Trauer hört man heraus, eher Trost, sogar subtile Neugier. Und die Gewissheit: Da kommt noch was.

Das vollständige Porträt von Markus Thiel finden Sie in Opernwelt 11/19