Rezensionen 26. Oktober
Foto: Thomas Aurin
Simon Stone «Eine griechische Trilogie» in Berlin
Am 8., 9., 18., 19., 20. November im Berliner Ensemble
Eine Nebelmaschine ist eine vielseitige Erfindung. Sie ist äußerst kostengünstig im Einsatz, sie hat, wenn die weißen Wolken schweben, einiges an atmosphärischer Kraft; sie verschluckt, großzügig angewendet, problemlos Menschen und spuckt sie andernorts wieder aus, und sie ist auch metaphorisch äußerst flexibel. Der feine Dunst kann einiges bedeuten: Von Vergangenheit im Ungefähr über Einsamkeit und Zersplitterung mit Untertönen von Wehmut und Schmerz: das perfekte Tool für sensible Romantiker, verunsicherte Gegenwartsdiagnostiker oder beide.
Vor allem ist eine Nebelwand der ideale Zusammenhangskitt für Leute, die nur sehr oberflächlich, zufällig oder über sechs Ecken miteinander zu tun haben. Zum Beispiel dysfunktional atomisierte Kleinfamilien, deren emotionaler Zusammenhang längst in den Zustand von Bauschutt übergegangen ist, die aber über Tradition, gemeinsame Konten oder eine herzliche Gewaltgeschichte immer noch untrennbar verbunden sind und im Lauf der Jahre ein paar zufällige Lebenstrabanten um sich herum angehäuft haben. Wenn solche Leute in eine Nebelmaschine geraten, die ihnen den nötigen diffusen Rückhalt gibt, kann es sogar richtig spannend werden.
Tatsächlich dauert es die geschlagenen drei Stunden Spielzeit von Simon Stones neuester Kreation «Eine griechische Trilogie», bis die Verhältnisse von 12 Zeitgenossen, sozial organisiert in drei Minimalfamilien – Vater, Mutter und Kind – plus drei zersplitterte Anhängsel einigermaßen zu durchblicken sind. Da wäre einerseits das eheliche Unheilsgestirn des arbeitslosen Thomas und seiner unterdrückten Frau Inge, eine lebenslange Unterschichtstragödie, in der der selbstmitleidig-brutale Macho seine gequälte Haushaltsgehilfin solange malträtiert, bis diese zum Hammer greift und ihn zum querschnittsgelähmten Krüppel prügelt. Da wären mehrere Wohlstandsstufen darüber Dr. Christoph Heinemann, Inhaber einer Kinderwunschpraxis mit Samenspendertrieb, und seine Charity-Gattin Philippa, eine bissige Salonwölfin («Ich war gerne reich!»), die noch im bankrotten Zustand der gemeinsamen Tochter Lina die Hölle heiß macht, weil sie nicht besser auf ihre Figur achtet. Da wäre aber auch noch der sexuell umtriebige, dabei robust zugriffige Polizist Michael samt seiner verschreckt-versteinerten Ehefrau Natalie, einer ziemlich strengen Anwältin, und ihrem irgendwie weichgespülten Sohn Friedrich.
Nun ist Natalie auch die Anwältin von Thomas gegen Inge, und Lina mit Friedrich verheiratet, wurde aber in der Hochzeitsnacht versehentlich vom übergriffigen Michael geschwängert. Hinzu kommen noch Kit, die transsexuelle unbekannte Tochter des Samenspenderpapas Christoph auf der Suche nach ihrem leiblichen Erzeuger, sowie nicht zu vergessen Erik, ein schmieriger Sexshopbesitzer um die Ecke von Christophs alter Praxis, die er immer mit antörnendem Material für deren Wichskabinen versorgt hat. Eriks Schwester, die wir nicht zu Gesicht bekommen, hat übrigens gerade Selbstmord begangen, weil ihre gleichgeschlechtliche Ehe mit Uli und den beiden afrikanischen Adoptivtöchtern (ebenfalls nicht anwesend) auf einem selbstversorgend-nachhaltigen Bauernhof an den Intrigen der engstirnigen Provinznachbarn gescheitert ist. Weshalb sich zu Beginn des Stücks alle Frauen aus nicht immer ganz erfindlichen Gründen auf ebenjenem Bauernhof ohne Internetverbindung einfinden, was zu einigen nicht unkomischen Kommunikationsein- und Hysterieausbrüchen angereister Smartphone-Addicts, vornehmlich Philippas, führt. Fehlt nur noch Jakob, der kleinwüchsige Hausfreund und das Nachbarschaftsfaktotum von Thomas und Inge.
Diese vorbildliche Besatzung des sozial zersplitterten spätmodernen Raumschiffs Erde in dessen westlichen Wohlstandabteilungen wird spannungssteigernd, aber nicht immer verständniserleichternd in etwa ein Dutzend Sequenzen aufgeteilt, als Short Cuts hart gegeneinandergeschnitten und außerdem durch eine hohe Plexiglaswand an der Rampe vom Zuschauerraum getrennt. Der eigentlich so hilfreiche Nebel würde nämlich sonst unweigerlich ins Publikum schwappen und die versammelte Zuschauerschaft in röchelnde Flucht schlagen. Damit aber jeder trotzdem hört, was hinter der Wand gesprochen wird, wird der Ton mikroverstärkt per Lautsprecher übertragen, was eine weitere Hörspielebene einzieht und technisch leider nicht immer besonders gut klappt. Manches Handlungsdetail verhallt und verzerrt im Knistersmog oder geht unter – sozusagen akustische Nebelwand.
Was das Ensemble in seinem durchsichtig-simplen Bühnenkäfig (Bob Cousins) aber eher anspornt, sich mit szenisch beschränkten Mitteln – Aus-dem-Nebel-Treten, Stehen, Sprechen, Wiederverschwinden – ins zeitgeisternde Figurenunglück zu werfen. Die Ekelmänner zuerst: Andreas Döhler (Thomas) wütet einen übergriffigen Kotzbrocken von maskuliner Impulskontrollverweigerung in den Rollstuhl, Tilo Nest (Michael) rumpelt – gern in ausgeleierter Unterhose – ein biedermännisch-koprophiles Sexmonster aus dem Nichts, dem vor keiner Körperflüssigkeit graust, Aljoscha Stadelmann (Erik) dringt die schmierige Geilheit und Verlogenheit aus jeder Pore seines bierglasschwenkenden Gleitmittelhändlers, und Martin Wuttke zappelt und zetert die ganze Verzweiflung des verkrachten Privatpraxenmillionärs aus dem feinen Anzugtuch, weil ihn die Schweigegeldzahlungen an seine dutzendfache Nachkommenschaft ums Vermögen bringen. Die männliche Ehre zwar nicht retten, aber wenigstens restbehaupten können nur der wackere Peter Luppa (Jakob) als treuloyale Haushaltshilfe und Samuel Schneider (Friedrich), der die Zumutungen des mehrfach betrogenen Sohns an der Arglosigkeit eines unverbesserlichen Weicheis abprallen lässt.
Deutlich besser als diese erbärmliche Männerschaft kommen unter moralischen Prämissen die Frauen weg: Stefanie Reinsperger (Lina) steht souverän zu ihrem Körper und lässt alle Anfechtungen des Heidi-Klumtums großflächig an sich abgleiten, Caroline Peters (Philippa) zickt mit nicht unerheblicher Würde und Dialogbissigkeit die abgehalfterte Salonlöwin unter das ihr nicht gewachsene Volk, Constanze Becker (Inge) steigt aus schockgefrorener pragmatischer Unterwürfigkeit zum kompromisslosen Rache-Engel auf, und Judith Engel (Natalie) vereist gekonnt das zerfallende Identitätsgemäuer hinter der Fassade der mitleidlos-perfekten Anwältin. Leichte Risse ins angespannte Behauptungsgefüge von Simon Stones hochkonstruierten Horroralltagsgeschichten unterlaufen nur Carina Zichner (Kit) in ihrem wehmütig-scheinhartem Obdachlosen-Trip auf der Suche nach dem biologischen Vater und Kathrin Wehlisch (Uli) als selbstversorgend-stoischer Zivilisationsflüchling. Man täusche sich nämlich nicht: Gerade «Netflix»-artiges Figurengezimmere aus wenigen kräftigen Strichen, die trotzdem maximal lebensecht wirken sollen, bedarf hoher Handwerkskunst.
Wer sich nun fragt, warum das Ganze «Eine griechische Trilogie» heißt, muss weite und bis fast zur Unkenntlichkeit dehnbare Bögen schlagen. Die unter mehrfachen Nebelwänden herbeibehauptete Zusammenkunft der Frauen zu Beginn auf Ulis Bauernhof erinnert sehr fern an die Ausgangslage von Aristophanes «Lysistrate», als die Frauen in Sexstreik treten, um ihre kriegslüsternen Männer zum Frieden zu zwingen. Und das abschließend nicht weniger herbeigezwungene Männergemetzel mit zahlreicher Blutgurgelei an der Plexiwand hat ebenfalls zweieinhalbtausendjahrferne Bezüge zu Euripides «Bacchen«, in denen der Rausch- und Rachegott Dionysos die thebanischen Frauen zur Gewaltorgie an den Männern anstachelt. Dazwischen könnte man noch ein paar hochallgemein verstreute «Troerinnen»-Motive vermuten: Männer sind Täter, Frauen die Opfer – wenn auch keine unschuldigen. Von den angeblich «ehrfurchtgebietenden Heldinnen» der Antike, die die Stückankündigung verspricht, ist wenig übrig geblieben.
Wesentlich ertragreicher als überanstrengte Mythenforschung sind in dieser «Griechischen Trilogie» aber die nicht unkomischen Zerfallserscheinungen seiner monadisch-vereinzelten Bewohner, deren vielfach beschädigte Menschenreste bestenfalls noch nebelhaft miteinander verbunden sind. Die Erzählfäden, die alle und alles irgendwie zusammenhalten, werden bei Stone mittlerweile immer dünner, verworrener und nebensächlicher. Und auch die identitätsstiftende Selbsterkenntnis gelingt diesem abgekochten Hochzivilisationspersonal, das sich in all seiner hochgeschätzen Freiheit genüßlich selbst zerlegt, gerade noch mit einem Selfie. Maßgeblichen Anteil daran, aber keineswegs die alleinige Schuld hat ein buntes Spektrum gerne großtönender, im Zweifel schnell jammerläppischer, notorisch übergriffiger Männer, denen die versprengten Frauen nur eine reichlich archaisch-blutrünstige Rückzugsgemeinschaft entgegenhalten können.
Aber bevor am Ende noch das große tragisch-kulturkritische Weh und Ach über eine zerfallende Spätmoderne einsetzt – die Botho-Strauß-Variante der dramatischen Mythenadaption –, platziert Simon Stone lieber immer noch eine weitere böse Pointe. Und keine Angst, die Sache regelt sich schon wieder: Die alten Griechen sind nach ihrem glorreichen 4. Jahrhundert vor Christus mit Euripides & Co auch sehr schnell von der weltgeschichtlichen Bildfläche verschwunden. Man muss nur an die Zukunft glauben.
Franz Wille
https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/eine-griechische-trilogie