Inhalt

Rezensionen 26. Oktober

Eric Minh Cuong Castaing «Phoenix» in Düsseldorf

Am 26., 27. Oktober im tanzhaus nrw

Im Gazastreifen bringen Drohnen Überwachung, Bedrohung und manchmal den Tod. Der Tänzer Mumen Khalifa sitzt in seiner Wohnung vor der Webcam und erklärt dem Publikum im Theater des Ballet National de Marseille, dass er ohne das allgegenwärtige Sirren der Flugspione schwerer einschläft: «Sie sind unser Wiegenlied. Wenn man sie nicht hört, stimmt irgendetwas nicht.» Das Interview läuft live, die Internet-Verbindung nach Gaza kriselt. Aber sie hält. Khalifa wuchs in einem Lager auf, konnte es nicht einmal zum Spielen verlassen. Hatte zum Zeitvertreib nur das Internet zur Verfügung. Und lernte Dabke, den traditionellen Tanz seines Kulturkreises, über YouTube. Heute sagt er: «Dabke ist meine Form von Widerstand.» Er tanzt ein Solo und kriegt via Skype den Applaus zugestellt, direkt vom Publikum des «Festival de Marseille». Dann folgen Bilder aus Gaza. Da springen die B-Boys der Myuz GB Crew, die auch Parkour praktizieren, durch die Betonruine eines Neubaus. Verschobene Treppen, Schutt überall. Das Werk der Bomben. Der Zugang dazu wäre bei uns gesperrt. Lebensgefahr! Doch die Parkour-Crew zelebriert hier Salti am Abgrund, anscheinend gefilmt mit einer Kopfkamera. Und immer wieder von einer Drohne. 

Lässt man sie auf einer Bühne los, können Drohnen auch tanzen, ganz wunderbar sogar. Im ersten Teil von «Phoenix», das Eric Minh Cuong Castaing inszeniert, neigen sich drei Tänzer erst ganz langsam, dann in verwinkelten Körperbildern. Sie wirken fast immobil und doch von Bewegung durchdrungen. Um sie herum schwirren Drohnen, die nicht filmen, sondern Freude an der Bewegung verkörpern. Fällt die geringer aus, wenn man nicht selbst tanzt, sondern ein ferngelenktes Spielzeug dirigiert? Im weißen Bühnenraum entsteht ein Ballett der Drohnen, deren verschiedene Rotortypen und Größen außerdem die Musik des Stücks erzeugen. Die Richtungswechsel fallen so abrupt aus wie bei Tänzern aus Fleisch und Blut. Die Apparate können zustoßen oder sich über einem Kopf festsetzen. Und sie zwingen die Interpreten auch mal zu Boden. Spielerisch. 

Als Gegenüber der Drohnen werden die menschlichen Körper quasi selbst zur Abstraktion. Der Choreograf Eric Minh Cuong Castaing hat allen Problemen getrotzt und diese technophile Demonstration am Ballet National de Marseille auf die Bühne gebracht. Und damit durchaus einige neue Fragen zum Tanz aufgeworfen.

Thomas Hahn

http://shonen.info/phenix-2015/