Als Schauspielerin? Ich kenne viele, die es geschafft haben.
LM: Bei mir steht das schon da, seit es Wikipedia gibt.
Elisabeth Schwarz: Ich kenne noch aus «der Zeit vor mir» – und das ist ja nun wahrlich sehr lange her –, dass Schauspielerinnen ihr Alter versteckt haben. Wenn es auf Abstecher ging und man im Hotel den Ausweis vorzeigen und sich eintragen musste, dann haben manche rasch die Hand drauf gelegt, damit man ja nichts sehen konnte. Es gibt Schauspielerinnen, die das Alter nicht preisgeben wollen – und es auch schaffen.
LM: Das kannte ich auch noch von einer amerikanischen Kollegin, die hat immer ins Gästebuch bei der Altersangabe geschrieben: «Guess!» – Wenn mein Name in der Zeitung vorkommt, dann steht eigentlich immer das Alter in Klammern dahinter. Mir ist es wurscht. Aber mein Name existiert eigentlich auch ganz gut ohne diese Zahl...
Das ist guter alter Spiegel-Stil. – Aber es gibt jedenfalls die Tradition, dass sich Schauspielerinnen jünger machen. Als ich ein Portrait über Jutta Lampe geschrieben habe, war ihr «offizielles» Geburtsjahr 1943. Das passte allerdings überhaupt nicht zusammen mit den Stationen ihrer Karriere, von denen sie mir ganz unbefangen erzählt hatte: Mit 14 konnte sie nicht debütiert haben. Und Marianne Hoppe war sehr lang 80 – bis sie dann spürte, es könnte allmählich dem Ende entgegen gehen: Da wurde sie rasend schnell 90, um auch an diesem runden Geburtstag noch gefeiert zu werden. – Wenn der Körper ein Arbeitsmittel ist, kann man solche Tricks durchaus verstehen, zumal, wenn noch immer gilt, dass es für Schauspielerinnen ab 40 weniger Rollen gibt und sie entsprechend weniger besetzt werden.
ES: Man kann das ein bisschen rauszögern, wenn man ein eher schmaler mädchenhafter Typ ist zum Beispiel. Aber schließlich werden die Rollen weniger; und nicht nur das: Sie werden kleiner! Man ist nicht mehr stücktragend.
LM: Natürlich hilft es zunächst, wenn man jünger wirkt. Doch wenn man hinterm Namen in Klammern 60 liest, kommt jeder und jedem zunächst mal die eigene Großmutter in den Sinn –
ES: – oder die «alte Nachbarin» –
LM: – aber nicht eine Schauspielerin, die womöglich jünger aussieht oder fitter ist als erwartet und nicht verlebt oder verbraucht; wobei ja auch Jüngere schon sehr verbraucht aussehen können ...
Was ja nicht unbedingt ein Karrierenachteil sein muss.
LM: Gar nicht, aber das Alter in der Klammer produziert eine Erwartung, die jenseits der konkreten Persönlichkeit existiert. Man wird dann selbst gar nicht mehr gesehen, sondern es erscheint eine höchst individuelle Erinnerung an eine Person in diesem Alter.
Im Schauspiel gibt es jedenfalls für Männer über 40 deutlich mehr Rollen. Die Geliebte oder die Femme Fatale sind selten über 40 –
ES: – und selbst die schwierige Ehefrau ist das selten! Wenn man sich mal die Shakespeare-Dramen betrachtet als wichtigsten Fundus der dramatischen Weltliteratur: Da gibt es überhaupt wenig Frauenrollen, und wenn, dann kleine; eben weil es in Dramen oft um Macht geht – und Frauen haben bis heute weniger Macht als Männer. Also geht es um Männer. Lady Anne in «Richard III.» etwa ist eine sehr kleine Rolle; aber eine sehr schwierige.
Es gibt die Lady Macbeth, immerhin. Und die ist nun ganz besonders böse.
ES: Je älter, je böser.
LM: Böse kann aber auch sehr viel Spaß machen. (Lachen) Bei Shakespeare gibt es mehrere Mütter – aber nur eine weibliche Figur, die eine Mutter hat: Julia. Ophelia zum Beispiel hat keine Mutter.
ES: Und wo ist die Mutter von Lears Töchtern? Väter und Söhne gibt es en masse.
LM: Außerdem gibt es bei Shakespeare etliche Frauenfiguren, die irgendwann im Stück Männer spielen, aber keinen Männerfigur, die eine Frau spielt. Es gibt die Hosen-Rolle, aber keine Kleid-Rolle. Auch eine Machtfrage?
Jedenfalls eine interessante Frage. Ist es so, weil meist Männer die Dramen geschrieben haben – und sich mehr für Männer und deren Macht interessieren?
ES: Mächtige Frauen gab es ja kaum. Elisabeth I. und Maria Stuart: Ausnahmen. Machtspiele waren Männer-Spiele.
Was sich während des 19. Jahrhunderts dann geändert hat, da kamen dann die Noras und die Hedda Gablers. Aber auch die – und hier komm ich zurück von der Macht- zur Altersfrage – sind eher in ihren Zwanzigern und Dreißigern.
LM: Klar. Aber damals hat man viel früher geheiratet, auch, weil man früher gestorben ist. Darum kann man heute überall leicht 10 Jahre drauflegen und eine Hedda oder Nora auch Ende 30 sein lassen. Es dehnt sich.
Als wird uns 1982 kennenlernten, Elisabeth, hast du die Wassa Schelesnowa gespielt, eine Frau in ihren Vierziger, die wir heute als deutlich älter empfinden –
ES: – auch, weil sie sehr verbraucht ist, eine Geschäftsfrau, die viel gearbeitet hat.
Du warst so alt wie die Figur im Stück, 44, hast sie aber deutlich älter «angelegt», als «alte» Frau um die sechzig! (Lachen) Du sagtest damals zu mir: «Es ist klug, wenn man nicht nur darüber nachdenkt, was man noch spielen kann, sondern auch darüber, was man schon spielen kann.»
ES: Als junge Schauspielerin hab ich oft Kolleginnen gesehen, die ich für zu alt hielt, um zum Beispiel Minna von Barnhelm zu spielen. Das glaub ich der nicht mehr!, war mein – mit der Arroganz der Jugend gefälltes – Urteil. Das hat mir nicht gefallen. Ich wollte nicht eine Schauspielerin werden, die sich immer krampfhaft jünger macht, um bestimmte Rollen – noch – zu bekommen. Was konnte ich dagegen machen? Ich hab mit einer gewissen Leidenschaft früh auch «alte Schachteln» gespielt. Ich dachte: So kann mir nichts passieren, ich bin ja dann schon längst da, wovor sich viele so fürchten – beim «Fachwechsel»! Als ich dann die Großmutter in Martin Kusejs Inszenierung von Horváths «Geschichten aus dem Wiener Wald» spielte, war ich 20 Jahre zu jung für die Rolle, die anderen passten altermäßig ziemlich exakt. Das war dann ein künstlerischer Spagat, gar nicht so einfach... Ich musste mir eine sehr eigene Haltung erarbeiten.
LM: Toll, dass die Regie das auch mitgemacht hat.
ES: Es war meine erste Rolle bei Kusej. Als er mich traf, sagte er: Sie sind ja noch so jung. Und ich dachte: Schon vorbei, der nimmt mich nicht. Ich hätte durchaus gern auch die Trafikantin gespielt, aber die war schon besetzt mit Hildegard Schmahl – völlig richtig. Kusej hat mich dann doch genommen.
LM: Du brauchst einen Partner, der sich auch traut.
ES: Das Risiko für den Regisseur war überschaubar. Die Großmutter ist eine feine, aber eben auch eine kleine Rolle. Wie gesagt: Mit dem Älterwerden kommen für Frauen die kleineren Rollen. Beim Theater geht das ja noch. Im Fernsehen bleibt dann oft nur die Schwiegermutter, die von ihren Schwiegertöchtern nicht so gemocht wird. Da klirrt es vor Klischees. Da kann man wenig machen.
LM: Aber wenn die Rolle interessant ist, kann sie ruhig klein sein. Denn eine «tragende» Rolle kann ja auch nur der langweilige rote Faden sein, an dem sich die Handlung entlanghangelt, während die «Nebenfiguren» spannend sind. Außerdem: Beim Fernsehen ist die Arbeit an einer solchen «kleinen» Rolle ja schnell vorbei, während du im Theater ein, manchmal zwei Spielzeiten lang immer wieder einen ganzen Abend damit beschäftigt bist und denkst: Es dürfte ruhig etwas größer sein.
Wir reden ja bislang nur über eine Form von Schauspielerei, die im Fernsehen, anders als im Theater, die vorherrschende ist, bei der eine Figur mit der Darstellerin gleichsam «identisch» wird: Figurengestaltung als Verkörperung. Das ist auf der Bühne ja längst nicht mehr die Regel. Da ist die Korrelation zwischen Alter und Kunstfigur oft völlig unwichtig oder unwesentlich.
ES: Die zwischen biologischem Alter und Figur vielleicht. Aber es gibt doch immer auch die Dimension der Vitalität. Bei manchen Theateraufführungen schaue ich erstaunt zu und sehe, wie sich Schauspieler als Artisten beweisen oder gegen Wände werfen, und denke: Interessanter Stoff, interessanter Zugriff, aber in diesem «Stil» könnte ich nicht mitspielen, allein, weil meine Kraft nicht mehr reicht.
LM: Das könnte ich ja vielleicht noch schaffen. (Lachen) – Aber wenn ich dich, Elisabeth, anschaue, denke ich jedenfalls nicht an 80, sondern an eine Frau etwas über 60.
ES: (lacht) Bei meiner Rolle im «Polizeiruf» mit Matthias Brandt hab ich eine Achtzigjährige gespielt. Beim Abschlussfest waren dann alle sehr zufrieden, auch mit mir, aber meinten doch: «Ein bisschen sehr jung.»