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«Hotel Strindberg»

Von Ehekriegen und Geschlechtergefechten

Auf Tripadvisor hätte das Hotel Strindberg schlechte Karten. Die Zimmer sind zwar auf Vier-Sterne-Niveau ausgestattet, aber leider nur über ein Notstiegenhaus zu erreichen; der Aufzug ist nämlich schon seit Jahren defekt, und anscheinend denkt man gar nicht daran, ihn reparieren zu lassen. Auch, dass es sich im Prinzip um ein Nichtraucherhotel handelt, wird hier offensichtlich nicht so eng gesehen. «Man tut sein Bestes», sagt der Concierge Xavier (Roland Koch) nur achselzuckend, wenn er von einem Gast auf den Ziga­rettengeruch hingewiesen wird. Die User-Bewertungen für dieses Etablissement wären wohl existenzgefährdend.

Im Hotel Strindberg kann man aber ohnedies kein Zimmer buchen. Erstens ist es voll belegt, und zweitens steht es nur auf der Bühne des Wiener Akademietheaters. Drei Jahre nach seiner Neufassung von Henrik Ibsens «John Gabriel Borkman» hat sich der australische Regisseur Simon Stone auf derselben Bühne den anderen großen Skandinavier der Jahrhundertwende vorgenommen: August Strindberg. Seit «Borkman», seiner ersten Arbeit im deutschsprachigen Raum, hat Stone seine ganz spezielle Form der Klassikeradaption an mehreren Bühnen und in verschiedenen Varianten erfolgreich angewandt. Das Prinzip ist immer dasselbe: Statt die alten Stücke mit neuen Ästhetiken oder Texten zu konfrontieren, schreibt Stone sie gleich neu; vom Original übernimmt er nur Plot und Figuren. Im Regietheater ist der Regisseur ja schon längst der eigentliche Autor einer Inszenierung; Simon Stones Methode ist da nur der logische nächste Schritt. Aber während er im «Borkman» noch ziemlich genau an der Vorlage entlang schrieb, ist «Hotel Strindberg» ein komplexeres Unterfangen. Ähnlich wie in «Ibsen House», das er 2017 für die Toneelgroep Amsterdam inszenierte, stellt Stone hier nicht ein einzelnes Stück, sondern einen ganzen Autor bzw. dessen Gedankenwelt auf die Bühne. 

Im Hotel Strindberg finden simultan sechs verschiedene Dramen statt, in jedem Zimmer ein anderes – wobei manche Handlungsstränge über mehrere Zimmer hinweg miteinander verwoben sind. Und obwohl es sich um lauter Beziehungsdramen der brutalen, heftigen, gnadenlosen Sorte handelt, sind die Dialoge auf Pointe geschrieben. Wie «Borkman» ist auch «Hotel Strindberg» eine Koproduktion von Burgtheater und Theater Basel (wo die Inszenierung ab Januar 2019 zu sehen sein wird), das neunköpfige Ensemble ist mit Schauspielerinnen und Schauspielern aus beiden Häusern besetzt. Vier davon waren schon vor drei Jahren im «Borkman» dabei, darunter Caroline Peters, die jetzt zum zweiten Mal mit Simon Stone gearbeitet hat – und dafür abermals zur «Schauspielerin des Jahres» gewählt wurde.  

Der ideale Ort für ein Treffen mit Caroline Peters wäre in diesem Fall natürlich eine Hotelbar. Das Café Drechsler am Wiener Naschmarkt ist aber auch nicht schlecht; vom Theatervolk wird es wegen seiner langen Öffnungszeiten gern frequentiert. Das Treffen findet allerdings vormittags statt, das Café ist angenehm leer, und Peters schießt los. Eine gute Stunde lang erzählt sie von der Arbeit mit Simon Stone, die bisher so erfreulich verlaufen ist. Sie hatte dessen australische Inszenierung von Ibsens «Wild Duck» gesehen, war davon sehr angetan und wollte daher unbedingt dabei sein, als er in Wien dann «Borkman» machte. «Ich war sehr neugie­rig und sehr bereit für eine neue Begegnung, und es war dann auch ein echter Treffer. Es ist wirklich toll mit ihm auf den Proben. Ich mag sehr gerne, wie viel Raum er schafft für gute Schauspielermomente. Man kriegt tolle Szenen, die Figuren sind super ausstaffiert – und er kann Frauen genauso gut erzählen wie Männer.»

Wenn Simon Stone zu proben beginnt, gibt es noch keinen Text; zuerst wird mit dem Ensemble das alte Stück gelesen und ausführlich besprochen. «Da geht es um den Plot, um Situationen, um die Konstellatio­nen und um die Themen, über die gesprochen wird», erklärt Peters. «Erst dann schreibt Simon die Dialoge.» Die Lesephase war im Fall von «Hotel Strindberg» besonders extensiv, weil es ja nicht nur um ein Stück ging, sondern um viele, sehr viele. Ursprünglich hatte Stone sich auf die fünf «Kammerstücke» konzentrieren wollen, unter dem Titel war der Abend ursprünglich auch angekündigt. Aber dann kam immer noch ein Stück und noch ein Stück dazu, und am Ende hatte das Ensemble in vier Wochen fast alle Strindberg-Dramen gelesen. Letztlich haben sich in «Hotel Strindberg» sieben Stücke sowie der autobiografische Roman «Plädoyer eines Irren» niedergeschlagen, wobei Stone mit den Vorlagen viel freier umgegangen ist als etwa mit «John Gabriel Borkman». Nur wenige Szenen lassen sich eindeutig auf bestimmte Stücke zurückführen, oft hat Stone nur einzelne Aspekte verwendet. 

Ein zentrales Motiv des langen Abends – viereinhalb Stunden, zwei längere Umbaupausen inklusive – ist aus dem Drama «Der Vater» entnom­men: Eine Frau treibt ihren Mann in den Wahnsinn, indem sie ihm suggeriert, gar nicht der leibliche Vater der gemeinsamen Tochter zu sein. Das Thema wird in drei der sechs Geschichten aufgegriffen – auch in jener, die in der Inszenierung den meisten Raum einnimmt: Martin Wuttke spielt darin den Drehbuchautor Alfred, Caroline Peters seine Frau Charlotte, eine Schauspielerin. Die beiden haben sich für drei Wochen in einer Suite – zwei nebeneinander liegende Zimmer – eingemietet, weil ihre Wohnung wegen Rattenbefalls ausgeräuchert werden muss. Das Paar hat im Lauf der Ehejahre eine Streitkultur entwickelt, von der sich George und Martha aus Albees «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?» noch was abschauen könnten; anders als diese haben Alfred und Charlotte tatsächlich eine (abwesende) Tochter: Lara ist Bildende Künstlerin und dreht pornografische Kurzfilme, in denen sie – was dem Papa gar nicht gefällt – selbst Hauptrollen übernimmt, und zwar die männlichen. Es passt Alfred auch gar nicht, dass seine Frau ihre Jugendliebe, einen gewissen Philipp (Simon Zagermann), zum Abendessen eingeladen hat; der arme Mann ist – ausgerechnet! – Psychiater und wird von Alfred gleich einmal zur Schnecke gemacht. 

Als Charlotte spielt Caroline Peters einerseits voll ihre komödiantischen Qualitäten aus, das Timing der Pointen trifft sie genau. Andererseits stellt sie eine toughe Beziehungskämpferin auf die Bühne, die sich im Infight mit ihrem neurotischen Gatten – was bei einem Gegenspieler wie Alfred/ Wuttke nicht leicht ist – zu behaupten weiß. Obwohl beide Eheleute kampferprobte Partner sind, gelingt es ihr immer wieder, ihn (und uns) zu überraschen: Peters bedient das klassische Rollenbild der unterdrückten Gattin, die mit den Launen ihres Mannes mehr oder weniger zu leben gelernt hat – um dann plötzlich effektvoll Kante zu zeigen und klar zu machen, dass sie nicht so nett und harmlos ist, wie es schien. Dennoch lässt Peters die längste Zeit in der Schwebe, ob das jetzt noch routiniertes Geplänkel ist oder schon echter Hass. Ihre Charlotte ist komisch, aber auch nicht unge­fährlich – obwohl: Eigentlich ist sie vor allem komisch, sehr komisch sogar. 

Im zweiten Akt kommen Alfred und Charlotte von dem erwartbar desaströs verlaufenen Abendessen – schade, dass wir da nicht dabei sein durften! – zurück; er hat ihr ein Glas Rotwein ins Gesicht geschüttet, was den Ehestreit noch einmal deutlich verschärft. Die beiden torkeln in irgendein Zimmer und greifen jetzt zu den wirklich fiesen Waffen. Alfred ätzt, sie habe als Schauspielerin Schönheit mit Begabung verwechselt; Charlotte packt schließlich den Vorschlaghammer aus: «Sie ist nicht deine Tochter.» Das sitzt. 

Jeder Schauspieler und jede Schauspielerin übernimmt in «Hotel Strindberg» drei verschiedene Rollen; Caroline Peters spielt neben Charlotte noch Julia und Johanne. Julia ist eine lebensmüde Greisin, die im Rollstuhl sitzt und zusammen mit Erik (wieder Wuttke) eine depressive Version von Philemon und Baucis darstellt; die beiden Alten sind im Hotel Strindberg aber eher Randfiguren. In einem weiteren Handlungsstrang, der Strindbergs Drama «Der Pelikan» nachempfunden ist, spielt Peters schließlich die eiskalte Johanne. Mit ihrem Schwiegersohn Oskar (Michael Wächter) hat sie nicht nur ein Verhältnis, sie war auch schwanger von ihm und kommt gerade aus der Abtreibungsklinik, was sie allerdings nicht weiter zu beschäftigen scheint. Mütterliche Gefühle sind dieser Frau überhaupt vollkommen fremd; als sich ihr Sohn Peter beim Skifahren in St. Moritz einmal den Arm gebrochen hat, unterstellte sie ihm, die Verletzung nur zu markieren – oder hätte sie deshalb etwa den Urlaub abbrechen sollen? Kein Wunder, dass der inzwischen erwachsene Peter (Simon Zagermann) gerade erst aus der Psychiatrie entlassen wurde; seine Schwester Frida (Franziska Hackl) wird am Ende einen Selbstmordversuch unternehmen. Die anscheinend vollkommen empathiefreie Johanne ist die abgründigste Figur, die Caroline Peters in «Hotel Strindberg» spielt. Das sardonische Vergnügen, das ihr das offensichtlich bereitet, überträgt sich auch auf das Publikum. In ihrer Ego-Radikalität ist das eben nicht nur eine monströse, sondern auch eine ziemlich komische Figur. 

Auch die anderen drei Dramen, die sich im Hotel Strindberg abspielen, liefern keine guten Argumente für die Liebe. Da ist etwa die namenlose Frau (Franziska Hackl), die von ihrem verheirateten Liebhaber versetzt worden ist. Seit Stunden quasselt sie ihm jetzt schon die Mailbox voll und trinkt dabei die Champagnerflaschen leer, die eigentlich für sie beide reichen sollten. Als die Frau ihn endlich erreicht, ist sie bereits entsprechend betrunken und eröffnet ihm, dass sie schwanger sei – was nicht die gewünschte Reaktion auslöst: Der Mann legt ihr anscheinend recht unverblümt nahe, das Kind wegmachen zu lassen.

Meanwhile, einen Stock tiefer: Der Bildende Künstler Arthur (Max Rothbart) und seine Frau Thea (Barbara Horvath) haben einen merkwür­di­gen Deal laufen. Er passt auf das Baby auf, während sie auf Tinder Sex-Dates ausmacht, von denen sie dem Hausmann hinterher detailliert berichtet. Das Kind ist übrigens nicht von Arthur, behauptet jedenfalls Theas Ex-Freund Gustav (Simon Zagermann), der später auftaucht. Ungefähr so würde Strindberg heute wohl tatsächlich eine Beziehung beschreiben.

Der Mann, mit dem Thea ihr jüngstes Date hatte, wohnt praktischerweise auch im Hotel Strindberg: Es ist der schwer narzisstische Dramati­ker Jakob (Michael Wächter), der seine Schreibkrise mit zu viel Alkohol be­kämpft und mit seiner Noch-Frau Sylvie (Aenne Schwarz) im Hotelzimmer verabredet ist, um die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Vorher würde er sie gern noch zu einem «Abschiedsfick» ins Bett kriegen, und weil sie daran kein Interesse zeigt, wird Jakob am Ende so wütend, dass er sie erwürgt. 

Hotel Strindberg» ist für die Schauspielerinnen und Schauspieler schon logistisch eine Herausforderung. Das fängt damit an, dass es oft gar nicht so einfach ist, rechtzeitig von A nach B zu kommen. Eine Schauspielerin, die im dritten Stock einen Auftritt hat, muss in der übernächsten Szene vielleicht zwei Etagen tiefer eine andere Figur spielen. Um das möglich zu machen, ist an der Rückseite der Hotelkulisse ein Aufzug montiert, der so breit wie das Bühnenbild ist und ständig auf und ab fährt. «Man hofft immer, dass man rechtzeitig an der Tür ist, durch die man dann auftreten muss», erzählt Caroline Peters. «Zu 99 Prozent klappt es.» Speziell ist auch die akustische Situation: Weil die Schauspieler hinter Panzerglaswänden agieren, hören sie nur das, was in ihrem Zimmer gesagt wird; um die Anschlüsse mitzubekommen, haben sie einen Knopf im Ohr, in dem sie die vorherige Szene mitverfolgen können. Auch Zuschauerreaktionen hören sie nicht. «Nur wenn man gerade nicht spielt, hinter der Bühne, bekommt man die Stimmung der Aufführung mit», erzählt Peters. «Wenn man spielt, ist man komplett in seinem Plot gefangen. Das hat einen großen Effekt. Zum Beispiel kann man dem Affen nicht so Zucker geben.» 

Das spektakuläre Bühnenbild (Alice Babidge) zeigt drei Etagen des Hotels, und zwar in jedem Akt andere. Verbunden sind die Etagen durch die eingangs erwähnte Notstiege; in einem der Zimmer jammt die ganze Zeit eine Band, zusammengesetzt aus jenen Schauspielern, die ein Instru­ment spielen können und sonst gerade nichts zu tun haben. Das Bühnen­bild ist so schwer, dass der Bühnenboden des Akademietheaters zusätzlich abgestützt werden musste; bei den «Stücken» in Mülheim war «Hotel Strindberg» zwar nominiert, konnte aus technischen Gründen aber nicht gezeigt werden. Dabei sollte die Bühne eigentlich noch aufwändiger werden, wie Caroline Peters berichtet. «Zehn Tage vor der Premiere hat sich herausgestellt, dass bestimmte Bühnenideen technisch einfach nicht zu bewältigen sind.» Was zur Folge hatte, dass große Teile des Stücks noch einmal ganz neu konzipiert werden mussten. Wie cool Simon Stone mit dieser Krisensituation umgegangen ist, hat Peters schwer beeindruckt. «Er hat sich zwar sehr geärgert, es dann aber schnell abgehakt und gesagt: Wie geht’s jetzt weiter? Das finde ich wahnsinnig angenehm an ihm. Er hat eine starke künstlerische Persönlichkeit – aber die drückt sich nicht durch das Theater aus, das er hinter den Kulissen macht.»

Die Selbstverständlichkeit, mit der Simon Stone die Schauspieler als Mitgestalter seiner Stücke begreift, erinnert Caroline Peters an René Pollesch, mit dem sie eine Zeitlang viel gearbeitet hat. Wie bei Pollesch lassen sich auch bei Stone Autor und Regisseur nicht wirklich voneinander trennen. «Die Regie kommt bei ihm ganz stark über die Szenen, die er schreibt. Und er ändert lieber den Text als die szenische Anweisung, weil er weiß: Wenn ich den richtigen Text schreibe, spielen die genau das, was ich erzeugen will.» Den Regisseur Stone hat Peters bei den Proben am ehesten dann wahrgenommen, wenn er den Schauspielern während einer Szene über den Knopf im Ohr Handlungsanweisungen – «Geht doch mal ins obere Zimmer!» – zugerufen hat. «Die versucht man dann mitten im Lauf umzusetzen, ohne zu unterbrechen und sich untereinander abzusprechen. Sich die Sachen einfach so zuzuwerfen, liegt mir – und ich glaube, auch Martin – total: Hier, nimm den Ball! Kannst du fangen? Okay, dann wirf ihn zurück!» 

In ihrer großen Szene im zweiten Akt, nach dem Abendessen, reichen Peters und Wuttke einander mitten im heftigsten Wortgefecht fürsorglich die Weinflasche, und wenn er ihr beim Ausziehen des Abendkleids behilflich ist, sagt sie «Danke, Liebling!» – so viel Zeit muss sein. Schöne Details wie diese haben die Schauspieler beim Spielen und Proben selbst erfunden und nie darüber geredet. Erst auf der Premierenfeier sprach Peters den Regisseur darauf an, und es stellte sich heraus: Stone hatte sie nur deshalb nicht thematisiert, weil er fürchtete, dass er den Moment dadurch kaputtmachen könnte. «Er sagte, dass er noch am Morgen der Premiere in der Dusche überlegt hat: Sag ich’s, oder sag ich’s nicht? Aber dann dachte er sich: Nein, ich sag’s nicht, es funktioniert besser, wenn ich den Schauspielern vertraue und die das selber machen. Was für ein herrlicher Regieansatz! Simon ist eben nicht der Zampano, der die anderen wie Vollhonks behandelt, denen man irgendwas reindrücken muss.»

Weil die Probenzeit nach dem kurzfristig aufgetretenen Bühnenbildproblem am Ende sehr knapp geworden war, wurde das Stück in seiner endgültigen Form zum ersten Mal bei der Premiere durchgespielt. Besonders der dritte Akt war noch sehr frisch; entsprechend erleichtert waren die Schauspieler, als sie während der Premiere dann auf einmal wieder Simon Stone («Guys, I’m back!») im Ohr hatten, der ihnen akustisch beistand. In den ersten Vorstellungen gab es immer wieder Momente, da wusste Peters nicht so genau, wo sie jetzt auftreten soll. «Ich habe dann mit meiner Garderoberin vereinbart: Du musst mich bei Szene 4 immer am Treppenende abholen und mir sagen, was als nächstes kommt, weil ich es an der Stelle nie weiß.»

Im dritten und letzten Akt driftet das Geschehen ins Surreale ab. Die Spielebenen geraten durcheinander, die Figuren verschmelzen miteinander, und sogar die Zeit spielt verrückt. Anscheinend sind drei Jahre vergangen, und aus dem Schriftsteller Alfred ist der Rockmusiker Holger geworden, der im Hotel ein neues Album einspielen soll. Alfred selbst scheint von seiner Metamorphose allerdings nichts mitbekommen zu haben; verwirrt stellt er fest, dass seine (Ex-)Frau Charlotte inzwischen mit dem Psychiater Philipp verheiratet ist, während er eine junge Freundin namens Adele (Aenne Schwarz) hat, die seiner Tochter Lara zum Verwechseln ähnlich sieht. Charlottes Bruder wiederum, der Sozialarbeiter Klaus (Roland Koch), hat die Rolle des Concierge übernommen; dass er jemals Xavier geheißen hat, streitet dieser kategorisch ab. 

Zugleich geistern aber auch, anscheinend unverändert, die Figuren aus den ersten beiden Akten durch das Hotel. Jakob, der offenbar ebenso wahnsinnig geworden ist wie Alfred, glaubt immer noch, dass die von ihm ermordete Sylvie am Leben ist. Und im Frühstücksraum eröffnet Peter seiner Mutter Johanne, dass er über deren Verhältnis mit ihrem Schwiegersohn Oskar Bescheid weiß. «Ich glaub, die haben dich zu früh rausgelassen», erwidert die Mutter cool. Darauf Peter: «Die haben mich überhaupt nicht rausgelassen, Mama!» 

Die Lobby ist inzwischen leergeräumt. Holger hat sich hierhin zurückgezogen, um an einem Song zu arbeiten, das Tonstudio ist zugleich aber auch Alfreds Zimmer in einem Sanatorium. Als Charlotte ihrem Ex dort einen Krankenbesuch abstattet, blafft er sie an: «Siehst du nicht, was du mit mir gemacht hast?» Sie bleibt gelassen: «Das hast du schon selbst gemacht, Alfred.» Gegen Ende sind nur noch Jakob und Alfred, also die beiden Schriftsteller im Stück, auf der Bühne. «Das sind meine Geschichten! Das ist meine Geschichte!», behauptet Alfred. «Das ist alles in meinem Kopf, ich hab das geschrieben!», beteuert Jakob. Irgendwann ist nur noch Alfred da, der in der Unterhose verzweifelt die «Würde des Mannes» verteidigt. Ein jämmerliches Schlussbild. 

Das ganze Stück war also ein einziger Trip durch August Strindbergs Kopf. Seine erste Ehe, mit der Schauspielerin Siri von Essen, hat der Dramatiker in seinen Stücken immer wieder thematisiert. «In jedem Stück ist so ein Paar drin», weiß Caroline Peters, die in dieser Inszenierung, wie alle daran Beteiligten, zur Strindberg-Expertin geworden ist. Im Grunde seien alle Figuren im «Hotel Strindberg» Varianten von Siri und August. Was für ein Bild sie von Strindberg jetzt hat? «Dass er wahnsinnig intelli­gent war, wahnsinnig begabt – und eben leider total verrückt.» Besonders Theaterleute könnten sich in seinem Wahnsinn gut wiedererkennen. «Da passiert so viel, was zwischen Männern und Frauen am Theater ununter­brochen passiert: Die Konflikte, die Strindberg mit seiner Frau hatte, kennt jeder, der schon mal versucht hat, Liebe und Theater zu verbinden. Das ist einfach ein Albtraum für alle Beteiligten, es geht nicht. Manche machen das ja ein Leben lang – ich weiß nicht, wie die das aushalten.» 

In der neuen Spielzeit wird Simon Stone am Burgtheater «Medea» inszenieren, und natürlich möchte Caroline Peters da wieder dabei sein. «Man kann sich in einem Schauspielerleben nicht immer aussuchen, wo man mitmacht», sagt die Schauspielerin des Jahres. «Derzeit bin ich gottseidank in einer Phase, in der ich das kann. Das war in den letzten Jahren aber durchaus auch anders. Da waren auch Sachen dabei, bei denen ich mir dachte: Ich bin dagegen, ich find’s falsch, so was sollte nicht im Theater gezeigt werden. Wobei: Es gab Aufführungen, die ich wahnsinnig gern gespielt habe – und trotzdem hätte ich mir das nicht ansehen wollen.» Am schönsten sei es natürlich, wenn beides zusammenkommt, wie eben in den Arbeiten mit Simon Stone. «Da bist du selbst in der Verantwortung, was viel mehr Spaß macht und auch sehr erleichternd ist.» Obwohl, ein Problem gibt es dabei schon auch: «Wenn es nicht gut ist, dann bist du halt auch selber schuld.»

Wolfgang Kralicek