Auf Tripadvisor hätte das Hotel Strindberg schlechte Karten. Die Zimmer sind zwar auf Vier-Sterne-Niveau ausgestattet, aber leider nur über ein Notstiegenhaus zu erreichen; der Aufzug ist nämlich schon seit Jahren defekt, und anscheinend denkt man gar nicht daran, ihn reparieren zu lassen. Auch, dass es sich im Prinzip um ein Nichtraucherhotel handelt, wird hier offensichtlich nicht so eng gesehen. «Man tut sein Bestes», sagt der Concierge Xavier (Roland Koch) nur achselzuckend, wenn er von einem Gast auf den Zigarettengeruch hingewiesen wird. Die User-Bewertungen für dieses Etablissement wären wohl existenzgefährdend.
«Hotel Strindberg»
Von Ehekriegen und Geschlechtergefechten
In ihrer großen Szene im zweiten Akt, nach dem Abendessen, reichen Peters und Wuttke einander mitten im heftigsten Wortgefecht fürsorglich die Weinflasche, und wenn er ihr beim Ausziehen des Abendkleids behilflich ist, sagt sie «Danke, Liebling!» – so viel Zeit muss sein. Schöne Details wie diese haben die Schauspieler beim Spielen und Proben selbst erfunden und nie darüber geredet. Erst auf der Premierenfeier sprach Peters den Regisseur darauf an, und es stellte sich heraus: Stone hatte sie nur deshalb nicht thematisiert, weil er fürchtete, dass er den Moment dadurch kaputtmachen könnte. «Er sagte, dass er noch am Morgen der Premiere in der Dusche überlegt hat: Sag ich’s, oder sag ich’s nicht? Aber dann dachte er sich: Nein, ich sag’s nicht, es funktioniert besser, wenn ich den Schauspielern vertraue und die das selber machen. Was für ein herrlicher Regieansatz! Simon ist eben nicht der Zampano, der die anderen wie Vollhonks behandelt, denen man irgendwas reindrücken muss.»
Weil die Probenzeit nach dem kurzfristig aufgetretenen Bühnenbildproblem am Ende sehr knapp geworden war, wurde das Stück in seiner endgültigen Form zum ersten Mal bei der Premiere durchgespielt. Besonders der dritte Akt war noch sehr frisch; entsprechend erleichtert waren die Schauspieler, als sie während der Premiere dann auf einmal wieder Simon Stone («Guys, I’m back!») im Ohr hatten, der ihnen akustisch beistand. In den ersten Vorstellungen gab es immer wieder Momente, da wusste Peters nicht so genau, wo sie jetzt auftreten soll. «Ich habe dann mit meiner Garderoberin vereinbart: Du musst mich bei Szene 4 immer am Treppenende abholen und mir sagen, was als nächstes kommt, weil ich es an der Stelle nie weiß.»
Im dritten und letzten Akt driftet das Geschehen ins Surreale ab. Die Spielebenen geraten durcheinander, die Figuren verschmelzen miteinander, und sogar die Zeit spielt verrückt. Anscheinend sind drei Jahre vergangen, und aus dem Schriftsteller Alfred ist der Rockmusiker Holger geworden, der im Hotel ein neues Album einspielen soll. Alfred selbst scheint von seiner Metamorphose allerdings nichts mitbekommen zu haben; verwirrt stellt er fest, dass seine (Ex-)Frau Charlotte inzwischen mit dem Psychiater Philipp verheiratet ist, während er eine junge Freundin namens Adele (Aenne Schwarz) hat, die seiner Tochter Lara zum Verwechseln ähnlich sieht. Charlottes Bruder wiederum, der Sozialarbeiter Klaus (Roland Koch), hat die Rolle des Concierge übernommen; dass er jemals Xavier geheißen hat, streitet dieser kategorisch ab.
Zugleich geistern aber auch, anscheinend unverändert, die Figuren aus den ersten beiden Akten durch das Hotel. Jakob, der offenbar ebenso wahnsinnig geworden ist wie Alfred, glaubt immer noch, dass die von ihm ermordete Sylvie am Leben ist. Und im Frühstücksraum eröffnet Peter seiner Mutter Johanne, dass er über deren Verhältnis mit ihrem Schwiegersohn Oskar Bescheid weiß. «Ich glaub, die haben dich zu früh rausgelassen», erwidert die Mutter cool. Darauf Peter: «Die haben mich überhaupt nicht rausgelassen, Mama!»
Die Lobby ist inzwischen leergeräumt. Holger hat sich hierhin zurückgezogen, um an einem Song zu arbeiten, das Tonstudio ist zugleich aber auch Alfreds Zimmer in einem Sanatorium. Als Charlotte ihrem Ex dort einen Krankenbesuch abstattet, blafft er sie an: «Siehst du nicht, was du mit mir gemacht hast?» Sie bleibt gelassen: «Das hast du schon selbst gemacht, Alfred.» Gegen Ende sind nur noch Jakob und Alfred, also die beiden Schriftsteller im Stück, auf der Bühne. «Das sind meine Geschichten! Das ist meine Geschichte!», behauptet Alfred. «Das ist alles in meinem Kopf, ich hab das geschrieben!», beteuert Jakob. Irgendwann ist nur noch Alfred da, der in der Unterhose verzweifelt die «Würde des Mannes» verteidigt. Ein jämmerliches Schlussbild.
Das ganze Stück war also ein einziger Trip durch August Strindbergs Kopf. Seine erste Ehe, mit der Schauspielerin Siri von Essen, hat der Dramatiker in seinen Stücken immer wieder thematisiert. «In jedem Stück ist so ein Paar drin», weiß Caroline Peters, die in dieser Inszenierung, wie alle daran Beteiligten, zur Strindberg-Expertin geworden ist. Im Grunde seien alle Figuren im «Hotel Strindberg» Varianten von Siri und August. Was für ein Bild sie von Strindberg jetzt hat? «Dass er wahnsinnig intelligent war, wahnsinnig begabt – und eben leider total verrückt.» Besonders Theaterleute könnten sich in seinem Wahnsinn gut wiedererkennen. «Da passiert so viel, was zwischen Männern und Frauen am Theater ununterbrochen passiert: Die Konflikte, die Strindberg mit seiner Frau hatte, kennt jeder, der schon mal versucht hat, Liebe und Theater zu verbinden. Das ist einfach ein Albtraum für alle Beteiligten, es geht nicht. Manche machen das ja ein Leben lang – ich weiß nicht, wie die das aushalten.»
In der neuen Spielzeit wird Simon Stone am Burgtheater «Medea» inszenieren, und natürlich möchte Caroline Peters da wieder dabei sein. «Man kann sich in einem Schauspielerleben nicht immer aussuchen, wo man mitmacht», sagt die Schauspielerin des Jahres. «Derzeit bin ich gottseidank in einer Phase, in der ich das kann. Das war in den letzten Jahren aber durchaus auch anders. Da waren auch Sachen dabei, bei denen ich mir dachte: Ich bin dagegen, ich find’s falsch, so was sollte nicht im Theater gezeigt werden. Wobei: Es gab Aufführungen, die ich wahnsinnig gern gespielt habe – und trotzdem hätte ich mir das nicht ansehen wollen.» Am schönsten sei es natürlich, wenn beides zusammenkommt, wie eben in den Arbeiten mit Simon Stone. «Da bist du selbst in der Verantwortung, was viel mehr Spaß macht und auch sehr erleichternd ist.» Obwohl, ein Problem gibt es dabei schon auch: «Wenn es nicht gut ist, dann bist du halt auch selber schuld.»
Wolfgang Kralicek