Im Bauch des Theaters #4
Polina Jourdain-Kobycheva fotografiert Jacques Alberca
Auch Tänzer werden älter. Es fällt nur selten auf, weil sie in der Regel prompt durch jüngere Kollegen ersetzt werden. Doch wer sagt, dass alle Tänzer jung sein müssen? Tanz ist kein Sport, sondern Kunst. Und die kennt kein Alter. Eigentlich. «Die Senioren hören mit dem Tanzen ohnehin nicht auf. Sie tanzen im Kopf, sie unterrichten, oder sie tanzen am Strand», sagt die Fotografin Polina Jourdain-Kobycheva. In Jacques Alberca fand sie ein kongeniales Fotomodell: 76 Jahre alt, unglaubliche Ausstrahlung. Der Choreograf, Interpret, Pädagoge und ehemalige Berater des französischen Kulturministeriums steht noch heute auf der Bühne. Von Jourdain-Kobycheva ließ er sich im Adamskostüm ablichten. «Das fiel ihm natürlich nicht ganz leicht», erinnert sich die Russin aus Sankt Petersburg, die heute in Biarritz lebt. Tänzer fotografierte die ehemalige Soziologie- und Kunststudentin schon am Mariinsky. Bühnenfotos macht sie heute nicht mehr. «Das ist doch immer dasselbe», winkt sie ab. Auf den Körper wirft sie einen grafischen Blick, am Tänzer interessiert sie allein dessen Persönlichkeit.
Ihre Portraits von Jacques Alberca vereinen beides. Albercas nackte Haut wirkt so neutral wie die eines Neugeborenen. Alter? Sozialer Status? Männlichkeit? Erotik? Materialität? Alberca schwebt über all dem wie einst Kazuo Ohno. Wenn der tanzte, fragte auch niemand, wie alt er denn sei. Er war Ohno, und das reichte völlig. Auf Jourdain-Kobychevas Fotos wird jedes Körperdetail zum intimen Ausdruck von Persönlichkeit. «Wie ein Engel» erscheint er ihr, jenseits von Zeit und Raum. «Ich helle die Bilder so weit wie möglich auf, sodass der Körper etwas Ephemeres, Schwebendes bekommt. Es ist wie eine Befreiung von allem Sexuellen oder Erotischen.» Und damit auch von Jahreszahlen. Albercas natürliche Körperhaltungen verleihen ihm Leichtigkeit. «Warum sollte er vorgeben, etwas zu sein oder zu können, das ihm nicht mehr entspricht?», fragt die Fotografin. Die erste Ausstellung ihrer Fotografien fand in Biarritz statt, im Rahmen des Festivals «Le Temps d’aimer», das von Thierry Malandain, dem Choreografen des Ballet Biarritz, gestaltet wird. Sie kam zur rechten Zeit, denn nichts liegt derzeit in Frankreich so im Trend wie Tänzer und Choreografen der ersten Generation der «Nouvelle Danse» aus den 1980er-Jahren. Die Sehnsucht nach ihrem Geist ist überall greifbar, davon zeugen Kolloquien und Konferenzen. Jourdain-Kobychevas Aufnahmen von Jacques Alberca unterstreichen das mit Eleganz und Poesie.
Thomas Hahn