Die vierte Form des Wahnsinns
Hermann Beil zum Tod von Ignaz Kirchner
Der verrückte Ignaz» – so unterschrieb Ignaz Kirchner seine Postkarten, die er ohne konkreten Anlass oft an mich sandte. Es waren poetische Zurufe mit dem Bild eines Dichters meist und mit einer pointierten Weisheit, die Ignaz verkündet wissen wollte. Immer wieder mit Sätzen von Dichtern, die er gerade für sich entdeckt und ergründet hatte, für die er mit seinen Lesungen, die es in sich hatten, eintrat.
Ignaz war ja nicht nur äußerst belesen (er war gelernter Buchhändler und blieb es in einem anderen, gesteigerten Sinn sein Leben lang), er gab sich seinen Dichtern buchstäblich hin, als ob er ein Teil von ihnen werden möchte. Mit dem Maler und Grafiker Jan Peter Tripp, der ihn mehrfach porträtiert hat, unternahm er Wanderungen, strikt gewandet wie Robert Walser, also in Anzug und Straßenschuhen. Nein, die Dichtung war ihm nicht beiläufige Freizeitbeschäftigung, sie war ihm Existenzerrettung, um einen Begriff Thomas Bernhards zu zitieren, dessen Stücke Ignaz auch gespielt hat. Die Dichtung war ihm der rettende Sprung in die Freiheit der Poesie. Das machte ihn zu einem unabhängigen Geist, fähig zu schroffer Zurückweisung und fähig zu unerwarteter Hingabe.
Mit absoluter Hingabe las er am Burgtheater unter dem Titel «Robert Walser in Fortsetzungen» eine Spielzeit lang jeden Monat jeweils ein neues Programm aus dem Gesamtwerk des Schweizer Dichters. Ein Walser-Kosmos. Ignaz fühlte sich Robert Walser wohl brüderlich verbunden, empfand eine Seelenverwandtschaft zu ihm. Wir hatten diesen Zyklus spontan verabredet, ich durfte ihm musikalisch und bühnenbildnerisch dabei helfen; die zehn Programme zusammenzustellen, das war ganz allein seine Sache. Diese seine Walser-Lesungen hatten, geradezu wie aus dem Nichts, eine solche Strahlkraft, dass sie in Wien auch alle seine künftigen Lesungen zum Publikumsmagnet machten.
Sein genuines Interesse an Dichtung, an philosophischen Gedankengebäuden, an stillen und besonderen Persönlichkeiten der Literatur veränderte, mag sein, auch seine Physiognomie, aus einer Botero-Gestalt wurde eine Giacometti-Figur. Er entfachte in sich ein brennendes Bedürfnis nach Dichtung. Er machte sich aus Enthusiasmus zum Anwalt der Autoren Robert Walser, Fernando Pessoa, Robert Musil, er holte mit der Uraufführung und unzähligen Vorstellungen von Wilhelm Reichs «Rede an den kleinen Mann» diesen Schriftsteller wieder ins Bewusstsein. Ignaz hatte nie nach großen Rollen gelechzt, es genügten ihm charakteristische Rollen, für das Stück wichtige Rollen. Große Rollen spielte er sowieso, sie wurden für ihn geschrieben.
George Tabori erfand für ihn den jüdischen Straßenbuchhändler Schlomo Herzl in der Farce «Mein Kampf», der in einem Männerasyl in der Wiener Blutgasse dem jungen, sich an der Akademie der Künste vergeblich bewerbenden Hitler begegnet. Diese Rolle, die Ignaz doch auch selbst hätte erfinden können, war Grund für mich, ein einziges Mal in meinem bisherigen Theaterleben einen Schauspieler anzuschreien, buchstäblich anzubrüllen mit aller Kraft und Lautstärke, die ich überhaupt aufbrachte. Die dünnen Wände meines kleinen Burgtheaterbüros erzitterten. Ignaz war plötzlich in mein Zimmer gestürmt, er hatte die Proben mit Tabori zu «Mein Kampf» fluchtartig verlassen, er warf seine Rolle hin. Es ginge nicht, es ginge nicht, es ginge nicht, George probiere nicht, es ginge nicht, sprudelte es heraus aus ihm wie ein Sturzbach. Ich schaltete auf stur, wehrte jedes Verständnis ab und schrie ihn an wie ein Feldwebel: Er habe sofort wieder auf die Proben zu gehen, schließlich habe George das Stück für ihn geschrieben, außerdem kenne er George längst zur Genüge…
Ich schrie und schämte mich zugleich, so schreien zu müssen, ich schrie so lange, bis er sich besann und wieder zu Tabori auf die Proben ging. Der Schlomo Herzl wurde sein Triumph und der Beginn einer großen Zeit in Wien, der auch Unterbrechungen, die ihn nach Berlin und Hamburg führten, nichts anhaben konnten. Ich weiß nicht, warum er die Proben zu «Mein Kampf» so plötzlich abbrechen wollte. Ich weiß aber, dass sein Spiel Taboris Hölderlin-Motto für «Mein Kampf» auf beseelte Weise beglaubigt hat: «Immer spielt ihr und scherzt? Ihr müsst! O Freunde! Mir geht dies in die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur.»
Über seine persönlichen Ängste hat Ignaz nie gesprochen, vielleicht konnte er sie immer wieder in den existenziellen Nöten seiner Rollenfiguren sublimieren und so aushalten. Er schaffte auch das schier Unglaubliche, in Taboris «Goldberg-Variationen» einen höchst realen, penibel präzisen Regieassistenten namens Goldberg zu spielen, dessen Alter Ego – der durch alle Zeiten verfolgte und verhöhnte Jude – in jeder Sekunde seines Spiels gleichzeitig auf der Bühne präsent war. Sein Gang, seine Haltung, sein Blick, seine Sprache, sein beredtes Schweigen versammelte alles, was einem Menschen widerfahren kann. Hinter seinem Gesicht waren Jahrhunderte. Und doch war er auch in diesen «Goldberg-Variationen», zusammen mit dem Mr. Jay des Gert Voss, ein wahrer Komödiant, weil er mit denkerischer Energie jede Mühsal in pures Spiel zu verwandeln wusste.
Das legendäre Duo Kirchner/Voss, für «Goldberg-Variationen» eine geradezu ideale Konstellation, entstand einst im theaterseligen Stuttgart in Peymanns Inszenierung von Kleists «Käthchen von Heilbronn». Im aberwitzigen Zusammenspiel der beiden in den Winzlingsrollen Burggraf und Rheingraf (Ignaz mit Teekessel auf dem Kopf!) und als Kunigundes hysterische Tanten (ohne Text, aber im Reifrock!) entpuppte sich nicht nur Kleists wundersame Komik – die gemeinsamen Auftritte hatten geradezu klassische Folgen. Dieses traumwandlerische und doch immer neu geprüfte Zusammenspielen schenkte uns aufregend spannungsvolle Konstellationen – in «Othello», in «Kaufmann von Venedig» und in «Iwanow», in «Fin de Partie» («Endspiel»), «Der Jude von Malta», «Elisabeth II.», «Die Zofen» und auch in «Die Sunshine Boys». Es waren herrlich personifizierte Gegensätze, die doch eines gemeinsam hatten: Ignaz und Gert verbanden Leidenschaft und permanente Neugier, die Geheimnisse ihrer Figuren aufzuspüren und im Spiel leuchtend zu offenbaren.
Ignaz und Gert feuerten sich gegenseitig an, und doch schenkten sie sich auf den Proben nichts, für beide ging es immer bis zum Äußersten, als ob sie eine Maxime Samuel Becketts sich zu eigen gemacht hätten: «Bis zum Äußersten/ gehn/ dann wird Lachen entstehn.» Aber ein spontaner Probeneinfall konnte andererseits ganz abrupt zu grotesk mörderischen Spannungen führen, bis sie sich endlich erneut in ein schwebendes Zusammenspiel auflösten. Aus dieser jahrzehntelangen Verbundenheit entstand im Mai 2014 am Burgtheater ein ganz und gar einmaliger Theaterabend, den alle, die dabei waren, als eine zärtlich glanzvolle theatralische Sternstunde empfunden haben. Ignaz und Gert improvisierten einen ganzen Abend Szenen aus «Fin de Partie», erzählten Anekdoten, parodierten Theaterpersönlichkeiten, spielten Probensituationen aus ihren Stücken vor, warfen sich einander überbietend Stichworte und Pointen zu, inspirierten das Auditorium zu permanentem Gelächter und Staunen – es war eine Hommage für George Tabori anlässlich dessen 100. Geburtstags. Beide spielten, als gälte es George wiederauferstehen zu lassen!
Nach der Vorstellung strahlten beide in der Garderobe, erschöpft und glücklich; sie wollten im Herbst weitere Vorstellungen spielen, es blieb die einzige, denn Wochen später starb Gert Voss. So bleibt ein schmerzlich blinder Fleck in der Theatergeschichte: Faust und Mephisto haben Voss und Kirchner nicht zusammen gespielt.
In den letzten Jahren begegnete mir Ignaz in Wien immer wieder unversehens auf einer der Gassen des 8. Bezirks, der Josefstadt. Ein Bezirk, der stets von Dichtern und Künstlern bevölkert ist. Ignaz, der aus Wuppertal kommt, der betont unwienerisch denkt und fühlt, erschien mir plötzlich ganz selbstverständlich wie ein Mensch, der schon seit Urzeiten in dieser Josefstadt lebt, Teil dieser Häuserlandschaft ist, ja, mit seiner Verrücktheit zur Magie dieses Bezirks gehört. Bei unseren Begegnungen wirkte er auf mich wie aus der Zeit gefallen.
Aber der Schein trügt, er gab sich zwar gerne so, nur war das absolute Gegenteil tatsächlich der Fall. Er war und blieb hellwach in der Gegenwart und hatte eine Begierde, immer wieder mit jungen Regisseuren zu arbeiten. Und die mit ihm. In Jette Steckels «Volksfeind»-Inszenierung an der Burg verschaffte er seiner Figur, Morten Kiil, ein ganz anderes politisches Bewusstsein. Ignaz konnten solchen Wandel mit seiner Glaubwürdigkeit überzeugend und mit Wirkung erspielen, denn alle seine Rollen, die er gespielt hat, lebten in ihm fort.
Für Platon gib es vier Formen produktiven Wahnsinns – und «göttlicher Wahnsinn» kann zu wahrem Wissen führen. Dem wahren Wissen forschte Ignaz mit wahrer Lust nach, indem er spielte, im Spiel existierte. Der verrückte Ignaz wohnte in der Josefstadt, er wohnte in der Langen Gasse. In jener Gasse hat Horváth in seinem Volksstück «Geschichten aus dem Wiener Wald» die Stille Gasse und die Puppenklink «Zum Zauberkönig» angesiedelt. Ignaz Kirchner konnte nur in dieser Gasse wohnen – er war ein Zauberkönig der Poesie, seine Beschwörungen wirkten befreiend. Kann schon sein, dass ich ihm auch künftig in einer der Josefstädter Gassen begegnen werde. Kann schon sein. Ich hoffe es.
Mehr lesen:
Tabori: «Goldberg-Variationen» mit Ignaz Kirchner 1991
Tabori: «Mein Kampf» mit Ignaz Kirchner 1987
Interview mit Gert Voss und Ignaz Kirchner, den Schauspielern des Jahres 1992