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Bis in die Hölle

Erinnerungen an Ignaz Kirchner

Von Klaus Pohl

Mit Ignaz Kirchner stand ich in einer Gosch-Inszenierung von «Warten auf Godot» in Köln auf der Bühne, als Godot tatsächlich kam. Wir waren erlöst, bis sich dieser Kölner Godot – naturgemäß! – als Studenten-Ulk entpuppte. Erst einmal stürmte ich hinter den Schmuckvorhang zum wartenden Ignaz. «Ignaz! Wir können in die ‹Glocke›, Milch trinken, Godot ist gekommen. Wir sind erlöst.» Dann kam Sanda Weigl, Jürgen Goschs damalige Assistentin und meine Frau. Sie wollte verhindern, dass ich mit Ignaz in die «Glocke» verschwinde – zum harztrüben Retsina-Wein, den wir «Milch» nannten. 

Sanda eilte hinaus zu dem Kölner Godot, der, nachdem ich das Weite gesucht hatte, hilf-, sprach- und ganz & gar pointenlos draußen auf dem von Axel Mantey so wunderbar skizzierten Weg stand. Das Publikum wurde unruhig, ich wollte endlich in die «Glocke», saufen, Ignaz nagte vergnügt an einem Requisiten-Hühner-Bein, da sagte Sanda Weigl zu dem bereits Buh-Rufen ausgesetzten Godot: «Ach, Herr G., kommen Sie doch bitte mit mir, hinter der Bühne wartet schon sehr lange Herr Beckett auf Sie.» Das Publikum quittierte den Gag mit Gejohle & Trampeln. Sanda Weigl verschwand mit dem Studenten-Ulk-Godot hinter dem Vorhang. Ignaz und ich mussten wieder raus, weiter spielen, weiter warten und immer noch weiter warten und uns die Sätze um die Köppe kloppen.

Zufällig war Gregor Gysis Schwester Gabi in jener Vorstellung, sie war mit Gosch eng befreundet. Nach der Vorstellung meinte sie zu Jürgen Gosch: «Ein verrückter Einfall von Dir – dieser Godot-Auftritt.» Gabi Gysi wollte es Jürgen Gosch nicht glauben, dass der tatsächlich auftretende Godot kein Regie-Einfall von ihm gewesen ist. 

Ignaz wurde zornig. Damals zerbiss er Gläser, wenn ihn der Zorn packte. Ohne sich die Lippe aufzuschneiden, biss Ignaz vor Gabi Gysi ein Wein-Glas auseinander. Gabi erschrak, alle erschraken, alle – bestimmt wäre auch Gregor Gysi erschrocken! Nach Retsina und Glas-Biss ging es ums Eck zum halben Hahn ins «La Päd». Dort ließen wir «den Hund die ganze Nacht bellen» und erfanden die neue Bühne: keinerlei Dekoration. Man sieht direkt in die Hölle.

Ja. So ist das einmal gewesen – als das Theater noch nicht als Sparverein betrieben wurde, als das Theater noch das schwankende Haus der Ungebildeten, der Berufsabbrecher, der Heimatlosen und der Verrückten gewesen ist, als das Theater Karl Valentin, Tabori, Shakespeare, Zadek und den herz-wilden Schauspielern gehörte, dem «verrückten Ignaz»! Geliebt.  

Nun heißt es über ihn, Ignaz Kirchner sei diszipliniert gewesen. Ignaz Kirchner???
Niemals ist Ignaz Kirchner diszipliniert gewesen. Ignaz Kirchner ist undiszipliniert gewesen, verrückt, ein unberechenbarer Glas-Zerbeißer. Mit seinen Rollen wagte er es konsequent bis zum Alleräußersten: bis in die Hölle! Konsequent war Ignaz Kirchner.  

Konsequenz hat nichts mit Disziplin zu tun – Konsequenz ist ein inneres unheimliches Müssen; Disziplin hingegen ein äußerliches Geschundensein festangestellter Mitarbeiter, wo man das Verrückte durch Disziplin ersetzt. 

Ignaz Kirchner habe ich von allen am meisten geliebt – mit ihm zu spielen bedeutete Eintauchen in das heilige Theater-Glück. Es gab dann nichts anderes – eine alles verschlingende Ausschließlichkeit. Ein Theaterkünstler – wie Kafkas Hungerkünstler. Zwei Stunden vor jeder Vorstellung saß Ignaz Kirchner am Schminktisch seiner Garderobe – der Tisch wurde zum Altar –, er sammelte sich für seine Rolle. Äußerste Konzentration. Erschrecken – Erwecken – !! 

Ignaz, lieber So-Vieler – Lopachin, Astrow, Lwow, Anatom, Estragon –, Du wahnwitziger Menschen-Spieler: Das letzte Mal, als wir uns sahen, war es im Sommer an einer Wiener Tram-Haltestelle vorm Parlament – zwischen Burgtheater und Rosengarten. Es war sehr warm, eine milchige Sonne verschwamm über uns. Du trugst einen dicken Mantel. «Ist es Dir denn nicht zu warm, Ignaz, in diesem Aufzug?» «Nein», sagtest du, «mir ist so entsetzlich kalt.»

 

Mehr lesen:

Tabori: «Goldberg-Variationen» mit Ignaz Kirchner 1991

Tabori: «Mein Kampf» mit Ignaz Kirchner 1987

Interview mit Gert Voss und Ignaz Kirchner, den Schauspielern des Jahres 1992

Er wusste, dass ich seit einem halben Dutzend Vorstellungen in Herbert Fritschs Inszenierung von «Der eingebildete Kranke» seine Rolle übernommen hatte, die des Arztes Diafoirus. In dieser Rolle war er während einer Vorstellung zusammengebrochen. Der Notarzt kam, Ignaz wurde von der Bühne getragen. Wie mir Joachim Meyerhoff (der die Titelrolle spielt) erzählte, wurde Kirchner im Krankenwagen gefragt, was er von Beruf sei. «Arzt» antwortete er – wahrheitsgemäß.

Meine Liebe wärmt und begleitet Dich, guter Arzt, verrückter Bruder Ignaz. Entsetzlich, dass Du nun nicht mehr bei uns bist. Aber weshalb sollen wir uns nicht wieder finden? Wie schon einmal – als ich zu dir sagte: «Nichts zu machen.» Und du antwortetest: «Ich glaub es bald auch.» 

Ab diesem Punkt wurde es und wird es interessant. Von dort, geliebter Ignaz, geht es direkt zur Auferstehung. Zum Vorsingen in den Himmel. Ohne Theater, sagt Sorin, ohne Theater kommt man nicht aus. Gilt ganz gewiss auch für den Himmel ...

Dein Klaus Pohl, der Dir ewig hinterher fliegt. Und der nun noch einige Male Deine Arzt-Vertretung sein wird auf der Burgbühne, Ordination Doktor Diafoirus. Erschaffen von Molière.